10 Gründe, warum ich Internetartikel hasse. Nr. 3 wird dich schockieren!

Leben
Karla Arzberger / 22.11.2016

Disclaimer: diese Überschrift war nur ein geschmacksloser Witz. Natürlich werde ich meine Abhandlung über meinen unermesslichen Hass darüber, in welche Richtung sich Onlinemedien entwickelt haben, nicht in 10 Gründe unterteilen. So originell bin ich nicht. (Aber hey, wäre cool wenn das mal jemand machen könnte, sowas hab ich noch nie gesehen!)

 

(c) Sreenshot Google

 

Ich könnte mich eigentlich die ganze Zeit aufregen, wenn ich auf Social Media Plattformen unterwegs bin. Ernsthaft, vom generellen Sittenverfall über Rüpelei bis hin zu idiotischen Schönheitsidealen regt mich prinzipiell alles auf. Privat bin ich eine kollektive Hasserin: Wenn mir etwas auf den Nerv geht, dann gibt‘s da keine Ausnahmen. Heutiger Hass zum Thema: Was zur Hölle hat Internetjournalismus eigentlich so idiotisch, austauschbar und geldgeil gemacht?

 

Mein 13-Jähriges Ich liebte VICE

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich vor circa 5 Jahren den Samstagnachmittag in meinem Bett verbracht habe: Am Schoß mein Laptop, rechts neben mir Chips und auf dem linken Oberschenkel balancierend ein warmes, offenes Redbull. Mit meinen fettigen Fingern hab ich dann in die Suchzeile eingegeben „Vice Doku Crodocile Droge Arg“ oder „Vice Doku New Shocking“ - und dann liefen sie, die Playlists. Aufregend war das und originell war das und am Montag hab ich dann in der Schule mit meinen FreundInnen darüber philosophiert. Vice-Dokumentationen waren mein Heroin und ich war der Junkie.

 

(c) Vice

 

Und ich weiß auch noch bis vor circa einem Jahr, als ich mich kurz gefreut habe, wenn ich beim durchscrollen durch Facebook eine unglaublich alternative Überschrift gelesen habe und am Bild zum Artikel das Watermark von Vice in geschwungenen Lettern zu sehen war.
Aber jetzt? Vice ist zu dieser alten Bekanntschaft geworden, die du im Vorbeigehen annickst und dir dann denkst: Verdammt, sieht der mies aus. Vice ist wie ein warmes, offenes Redbull, das du auf deinem Oberschenkel balancierst, von dem du trotzdem trinkst, und du dir dann denkst: Verdammt, von außen hui und innen so pfui.
 

Lowkey Clickbait a lá VICE
Aber jetzt mal ehrlich: wo ist der Content geblieben?

  • „10 Fragen an einen Pornodarsteller, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“
  • „10 Fragen an einen Priester, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“
  • „10 Fragen an einen Frauenarzt, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“

Letztere Kolumne hat mich dann inhaltlich so gedanklich Kopfschütteln lassen, dass ich mir versprochen habe mein kostbares Datenroaming nicht mehr mit dem Laden dieser Artikel zu verschwenden. Einen Frauenarzt zu fragen, was er eklig an seinen Patientinnen findet ist einfach geschmacklos. Selbiges auch beim Interview mit dem Priester in dem die Frage ungefähr hieß, wie oft dieser denn an Sex denke. Irgendwie unrund. Und außerdem überall nur Sex, Sex, Sex. Das Interessenfeld Jugendlicher geht übrigens auch über Sex, Drogen und Festivals hinaus.

Apropos Festivals. Auch obwohl dieses Magazin mit dem Zeitgeist der Jugend gehen will, hat es diesen Sommer besonders mit den Festival-Artikeln ins Klo gegriffen. Die Überschrift „Warum ich mich 25+ zu alt/nicht zu alt bin um aufs Frequency zu gehen“, „Warum ich mit 25+ wieder/nie wieder aufs Frequency gehe“ und so weiter und so fort, habe ich geschätzt um die 30 mal gelesen. Und das grenzt dann schon eher an Belästigung als an Zeitgeist und Frische.

Natürlich meine ich damit nicht alles, was dort geschrieben wird. Ich bin mir sicher, dass es auch inhaltlich sehr guten Stoff und auch unzählige begeisterte LeserInnen gibt. Jedoch wie schon erwähnt, Ich, die kollektive Hasserin, macht da keine Ausnahmen und mir hat das letzte Jahr dieses Magazin unattraktiv gemacht.

 

Wenn Trashseiten mehr Klicks bekommen, als erlaubt sein sollte

Wir haben dem ganzen Phänomen ja bereits einen Namen gegeben. Wir sprechen von „Clickbait“, wenn uns jemand mit etwas das einfach zu „heftig“, „unglaublich“ und „megaoag“ um wahr zu sein ist, ködern will, damit wir auf seinen stinkigen „Artikel“ klicken, damit derjenige dann Geld durch Werbeeinnahmen bekommt und damit wir unseren einfach „heftigen, unglaublichen, megaoagen“ Inhalt bekommen. Ich versteh einfach nicht, was falsch gelaufen ist und warum es überhaupt soweit kommen musste.

 

(c) Vice

(c) Vice

 

Diese Titel sind doch wirklich schon fast peinlich. Um mich schlau zu machen und an diese Screenshots zu kommen, war ich dann auf so einer besagten Seite und oben rechts wurde mir tatsächlich die Rubrik „Jobs“ angeboten. Das war dann schon zu verführerisch, um es nicht anzuklicken und ich wurde weitergeleitet zu einem Job-Angebot. Was für Anforderungen muss jemand wohl erfüllen um ins Clickbait-Business einzusteigen? Man kann nur spekulieren.

 

 

Könnte der Artikel sprechen, würde er wohl um Hilfe schreien

Facebook-Artikeln über Facebook-Artikel. Hm, kann man das überhaupt Artikel nennen? Ich find‘s ehrlich zum Kotzen, was hier als Artikel verkauft wird und für wie dumm wir verkauft werden. Das Traurige: Wir konsumieren diesen Müll auch noch. Ich weiß noch, als ich mal gelernt habe, dass ein gute/r Journalist/in seinen Inhalt überprüfen soll und dann nochmal gegenprüfen soll und dann nochmal überprüfen soll. Und seine Quellen sollen zuverlässig sein. Dass man sowas überhaupt noch erwähnen muss! Oder, dass eine Redaktion irgendwie alles daran setzen sollte um seriös rüberzukommen. Ist doch alles selbstverständlich, oder?

Mir rinnt es wirklich kalt den Rücken runter, wenn ich Schlagzeilen lese wie „DIESE FRAU ISST IHR FRÜHSTÜCK, DOCH WAS DANN PASSIERTE, GLAUBTE KEINER!“. „ER WURDE MIT BAUCHSCHMERZEN INS KRANKENHAUS EINGELIEFERT, DOCH WAS MAN DANN ENTDECKTE WAR UNGLAUBLICH!“ Und das Traurige ist, wie dumm und dämlich sich all diese „Redaktionen“ mit ihrem Schrott verdienen. Weil die Leute das ja dann auch wirklich anklicken.

Und noch schlimmer, wenn ich dann „etablierte“ Tageszeitungen auf Facebook posten sehe:

 

 

2016, das Jahr in dem Emojis als Politische Statements gelten. Bitte nicht. Ich glaube mehr muss man dazu nicht sagen.

 

Das Problem ist unlösbar - deshalb eine Bitte:

Ich weiß leider, dass es zu viele IdiotInnen da draußen gibt, die es unmöglich machen, das Phänomen von schlechtem Internetjournalismus aussterben zu lassen. Zu viele junge 13-Jährige wollen eben sehen wie die „UNGLAUBLICH: MEGA-ZYSTE AUF HALS“ ausgedrückt wird, und auch die Erwachsenen werden verführt von den „10 Gründen, warum du dich nie einem Horrorclown-Pornodarsteller diese 10 MEGA ekeligen Fragen stellen traust - (Achtung Nr. 7 wird dich verstören!)“.  Aber deshalb eine Bitte an alle da draußen, die wie ich angewidert von all den Pickelausdrückvideos sind und nicht den krassen Mann sehen wollen der seinen Kopf um 180° drehen kann (um dann übrigens nur mit schlechten Photoshop Skills konfrontiert zu werden.) Seht euch den Dreck doch einfach nicht an.

Wo sind die guten alten Zeiten hin? Wann war ich das letzte Mal der 1000. Besucher, der die Chance hatte, ein iPhone zu gewinnen? Wann wurden mir das letzte mal Aktien um Schmähpreise auf Facebook angeboten? Das war der wahre Spirit, Leute, mir wird gleich ganz warm. Das war doch viel charmanter. Der nette alte „Clickbait“, bevor es „Clickbait“ überhaupt gab.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 17.08.2022 bearbeitet.

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