96 jährige, geballte Energie und Entschlossenheit

Youth Reporter in Israel
Karla Arzberger / 16.11.2017
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Chaim Miller beim Interview

Chaim Miller sieht man sein Alter nicht an. Geboren am 29. April 1921 zählt sein Leben bereits 96 Jahre, von denen er die absolute Mehrheit aktiv an etwas gearbeitet hat - ob an der Rache an Nazis, oder an materiellen Dingen in Fabriken und Schlossereien. Auch heute erzählt er stolz, dass er immer noch, trotz seines hohen Alters, 6 Stunden in einer Fabrik des Kibbutz Kfar Menachem, in dem er wohnt, arbeitet. „Vor Kurzem habe ich ihn überreden müssen, nicht mehr mit dem Rad zu fahren“, wirft Zsuzsi Schindler dazu ein, eine weitere Bewohnerin des israelischen Kibbutz, die uns zu Chaim nachhause begleitet hat. Er lebt in seinem überschaubaren Eigenheim, einem kleinen Haus, das nur wenige Zimmer hat. Im perfekt geordneten Wohnzimmer erzählt er seine Geschichte, bricht dazwischen ab um zu singen und den Gästen Kekse zu bringen. Richtig heimelig macht es der Kriegsveteran für andere, denn er ist immer daran interessiert zu erzählen.

 

In der Dokumentation, die vor einigen Jahren über ihn gedreht wurde, sieht man ihn noch voller Energie auf seinem Fahrrad, auf dem eine Israel Fahne befestigt ist, radeln. Heute hat er bereits ein elektrisches Mobil, um in seinem sehr bewegten Leben voran zu kommen - er hat den Rat also angenommen. Die angesprochene Dokumentation „Killing Nazis ist nur eine von vielen, die die Geschichte von Chaim Miller, gebürtiger Alfred Müller, aufarbeitet. Seine unglaubliche Geschichte ist es aber auch wert, mehr als einmal aufgezeichnet zu werden. Der Name der Dokumentation ist schnell erklärt: Chaim ist ein Mitglied der Aktion Nakam, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Nazis, welche nicht vor Gericht kamen, um für ihre Taten zu büßen, vor ein selbst organisiertes Gericht zu stellen. Von seiner ersten Handlung erzählt er: „Wir sind in den Wald gegangen und haben ihn mit den Dingen konfrontiert, welche er zu verschulden hat. Dann haben wir ihm eine Schaufel gegeben und er hat ein Loch gegraben, in welches wir ihn danach gelegt und begraben haben.“ Chaim Miller und seine Kompagnons vollzogen ihr eigenes Gericht, indem sie Nazis, die mit all ihren Gräueltaten davonkamen, töteten.

 

Zsuzsi Schindler, die besonders vertraut mit Millers Geschichte ist, hakt hier ein. „Es ist

ganz wichtig zu verstehen, dass es Nationalsozialisten waren, die ihre Taten auch selbst zugaben. Es war nicht ein wahlloses Töten, sondern gezielte Justiz.“ Chaim stimmt zu. Auf die Frage, wie man sich in solchen Momenten fühlt, antwortet er erst mit etwas anderen Fakten. Er erzählt von all den Dingen, die seiner Familie zugestoßen sind. Fakten über Auschwitz, die massive Zahl der Toten und die schlimmste Sache: keine Strafe für diese Verbrecher. Viele von ihnen gelang die Flucht, sie ließen sich außerhalb von Europa nieder und genossen ein Leben ohne Schuldgefühle.

 

„Ich würde es heute nicht mehr tun. Aber damals war es genau das, was ich tun musste“, sagt Miller. „Dennoch bereue ich nichts!“ Auch am eigenen Leib hat er die antisemitische Stimmung ganz genau zu spüren bekommen. Er erzählt von Begebenheiten in Wien, vom zunehmenden Hass gegenüber Juden und wie schwierig es als Jugendlicher zwischen Nicht-Juden war. „Es war ganz klar: in Wien war kein Platz für uns.“

Auch einen besonders prägenden Moment beschreibt er: als Jugendlicher, noch in Wien, sah er Hitler, sein Gesicht, seine Gestalt mit eigenen Augen. Etwas, das nicht mehr viele Zeitzeugen heute behaupten können. Zwischen seinen Erzählungen lässt Chaim den Blick immer wieder durch den mit Bildern und Fotos ausgeschmückten Raum wandern. Er wählt Fotos aus und berichtet von den Abgebildeten Verwandten, deren Gesichter die Geschichten noch lebendiger machen.

 

Nach seinem bewegten Leben ließ er sich relativ bald mit falschen Namen, um im Land bleiben zu dürfen, in Israel nieder. Von nun an hörte er auf den Namen Chaim Miller. Durch eine Kette von Zufällen landete er im Kibbutz Kfar Menachem, lernt seine Frau kennen und arbeitete fortan als Schlosser, den Beruf, den er noch in Wien erlernt hatte. In einem Kibbutz ist es wichtig, dass jeder beiträgt und besonders in der Gründerzeit war es essenziell eine Struktur aufzubauen. Chaim war daran von Anfang an beteiligt. Heute lebt er weiterhin in diesem Kibbutz und hat das Arbeiten noch lange nicht aufgegeben. Seine körperliche Gesundheit könnte kaum besser sein, mit morgendlichen Übungen hält er sich fit, er liest besonders viel, liebt Musik und engagiert sich für seine Gemeinschaft. Er hat viel zu erzählen und erinnert sich ganz genau und klar an alles, das ihm am Herzen liegt - er erzählt seine Geschichte gerne und mit viel Mut und Entschlossenheit in der Stimme. Hoffentlich wird er sie noch weiter und für lange Zeit in die Welt tragen können. Eines wird sie jedoch nie werden: vergessen.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.05.2022 bearbeitet.

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