Ein Nachmittag im Jüdischen Museum Berlin

Reisen
Alina Hauke / 15.11.2017

Als wir die steilen Treppen hinabsteigen, frage ich mich, was uns wohl erwartet. Gespannt lauschen wir dem Audio-Guide, der uns die folgenden zwei Stunden durch das Gebäude leiten wird. Die mit dunklen Schiefer-Platten gedeckte Treppe führt tief in den Untergrund und endet am Beginn der Achse der Kontinuität. In diesem Teil des Gebäudes gibt es drei Achsen: Jene des Holocaust, jene des Exils sowie die eben genannte Achse der Kontinuität, die längste der drei.

Jüdisches Museum Berlin

Die Architektur von Daniel Libeskind ist beklemmend: Graue Betonelemente, der dunkle Boden sowie die vielen weißen Wände prägen das Ambiente. Ein rechter Winkel ist in diesem Teil des Museums kaum zu finden. Portraits von -  im Holocaust ermordeten - Personen schmücken die Wände. Auch Briefe und Alltagsgegenstände sind zu sehen. Manchmal dringt die Sonne durch schmale Fenster ins Innere. Ich empfinde Entsetzen und Trauer; die Erinnerung an all das Grauenhafte, was vor nicht allzu langer Zeit in Europa vonstattenging, geht mir nahe.

Ich frage mich, ob es in Ordnung ist, wenn man diese Gänge lachend durchschreitet. Ob es Sinn macht, diese Ausstellung mit Kindern zu besuchen. Können sie diese Themen bereits verstehen? Ist es pädagogisch wertvoll, ein 6-jähriges Kind mit solchen Inhalten zu konfrontieren? Schwierige Fragen.

Am Ende der Achse der Kontinuität führt eine zweite steile Treppe empor in die eigentlichen Ausstellungsräume. Fasziniert bestaune ich die vielen Querstreben aus Beton, die den Gang scheinbar stützen.

Jüdisches Museum Berlin

Im ersten Raum versuchen wir, ein Wort auf Hebräisch zu buchstabieren. Das ist gar nicht so einfach, wie wir zuerst dachten. Wir lernen über das Leben der jüdischen Bevölkerung im Mittelalter. Einen künstlichen Granatapfelbaum schmücken wir mit Granatäpfeln aus Papier, auf die wir zuvor Wünsche notiert hatten. Ich bin begeistert, wie anschaulich und interaktiv das Museum gestaltet ist. Gebannt hören wir uns jedes Kapitel des Audio-Guides an. Wir lernen über Talmud und Torah, über jüdische Bräuche, wir lernen, lernen, lernen.

Ein Raum ist dem Leben der jüdischen Frauen gewidmet, andere sind mit barocken Gemälden geschmückt. Wir lernen über das jüdische Leben auf dem Land und in der Stadt, über die jüdische Kultur im Zusammenhang mit Berlin sowie über das moderne Judentum.

Natürlich sind auch Antisemitismus und Verfolgung wichtige Themen der Ausstellung, wir finden jedoch schön, dass diese nicht alleinig beleuchtet werden, sondern eine enorme Themenvielfalt präsentiert wird.

Irgendwann sind wir unglaublich müde, nehmen auf grauen Kunststoff-Sesseln Platz und lauschen nur noch den Überkapiteln der einzelnen Bereiche. Erschöpft machen wir uns auf den Weg zum Ausgang und bedauern, dass wir nicht genug Kapazität hatten, um uns mit allen Details zu befassen. Wir müssen unbedingt wiederkommen.

Jüdisches Museum Berlin

Dieser Museumsbesuch hat mich geprägt: Ich denke seitdem viel über unsere Kultur, wie sie durch das Judentum geprägt wurde, sowie über die antisemitischen Entwicklungen, die es schon seit langer Zeit gibt, und leider immer noch präsent sind, nach.

Aus der Ausstellung ging hervor, wie gut es die jüdische Bevölkerung schon vor langer Zeit geschafft hat, sich zu integrieren, sowie Wissen aus aller Welt (begünstigt durch den regen Handel, den sie einst betrieb) zusammenzutragen. Ich musste viel an meinen Vater denken, der immer wieder bedauert, dass ein so wertvoller Teil unserer Bevölkerung regelrecht ausgerottet beziehungsweise vertrieben wurde. All die großen und auch all die kleinen Köpfe.

Doch was war, können wir (leider) nicht ändern. Es ist aber wichtig, dass wir uns erinnern. Dass uns klar ist, welche Kraft Emotionen haben. Was Hetze bewirken kann. Dass es immer Menschen geben wird, die andere Kulturen für ihre Probleme verantwortlich machen. Hier bedarf es an Aufklärung; wir müssen unsere Ohren und unsere Herzen aber auch jenen gegenüber öffnen, deren Meinung wir nicht teilen.

Denn eines ist klar: ohne Akzeptanz, Respekt und Offenheit werden wir diese gesellschaftlichen Herausforderungen nie meistern.

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