Israel Tag 5: 6 Millionen

Youth Reporter in Israel
Anna Morandini / 04.11.2017
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Blick in der Nacht über den Strand von Tel Aviv Richtung Hochhäuser

Das demokratische Herz des jüdischen Staates, Emotionen beim Totengedenken und Familienbeziehungen der israelischen Städte.

Jerusalem. Schon wieder erwache ich in dieser atemberaubenden Stadt. Ein letztes Mal auf unserer Reise. Wie gestern, kann ich den Gedanken kaum für wahr halten. Und doch bin ich hier, mache mich für den Tag fertig, packe meinen Koffer zur Weiterreise und begebe mich mit den anderen auf den Weg.

DAS DEMOKRATISCHE HERZ

Dieser führt uns heute erstmal durch die Gassen der Neustadt zur Bushaltestelle. Doch die Öffentlichen lassen uns heute im Stich, kommen nicht plangemäß. Israelis haben dies in unseren Interviews schon fast als typisch bezeichnet – im Land herrscht ein gewisses dossiertes Chaos, Kreativität wird wichtiger als Ordnung erachtet. Für uns heißt das, dass die Führung um 8 Uhr 30 in der Knesset nur schwer zu erreichen sein wird. In zwei Gruppen machen wir uns auf den Weg, nur die Taxi-FahrerInnen werden es schlussendlich rechtzeitig zur Führung schaffen.

Verhandlungssaal in der Knesset

Die Knesset, das ist das israelische Parlament. Um hineinzukommen müssen wir verständlicherweise erst eine Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen. Dann dürfen wir sie mit unserer Führerin aber betreten, die zentralen Orte der israelischen Demokratie. Die Zeremonienhalle, die ein raumfüllendes Kunstwerk des Malers Chagall schmückt: der jüdische Künstler stellte in drei Wandteppichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes dar. Die Vergangenheit zeigt die Auswanderung des Volkes Israel aus Ägypten in das Heilige Land, kleiner den Holocaust und andere Pogrome. Die Gegenwart zeigt ein buntes Volk, das sich aus verschiedensten Gruppen zusammensetzt. Für die Zukunft träumt er in hellen Farben von der Erfüllung der Prophezeiung Jesajas: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und der Leopard wird sich hinlegen mit dem Kind…“.

Wandteppich von Marc Chagall

Als nächstes sehen wir die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel (strenggenommen eine Kopie selbiger), die von Staatsgründer David Ben Gurion bereits an einem Freitag, dem 14. Mai 1948 verlesen wurde. Dies, um schon vor dem Abzug der britischen Mandatsmacht kein Machtvakuum aufkommen zu lassen und um nicht den heiligen Ruhetag Shabbat dafür zu gebrauchen. Wie die einstige, in der Bibel beschriebene jüdische Ratsversammlung des 5. Jahrhunderts trägt das israelische Parlament den Namen Knesset und besteht aus 120 Abgeordneten. Das Parlamentssystem ist dem Österreichischen sehr ähnlich – Parteienwahl, starker Premierminister und Sperrklausel von nur 3,25 Prozent. Wir dürfen den Sitzungssaal betreten. Die Tische sind in Form des jüdischen Kerzenleuchters, der Menora, angebracht. Die sandfarbene, an die Klagemauer erinnernde Wand, schmückt neben einem Kunstwerk ein Porträt des Wiener Zionismus-Vordenkers Theodor Herzl.

DAS EMOTIONALE TOTENGEDENKEN

Österreichischer Gedenkdienstler beim Interview

Weiter geht es für uns, wieder mit unserer gesamten Gruppe vereint, mit einem Interview des Österreichischen Gedenkdienstlers in Yad Vashem. Er führt uns durch ein riesiges Waldareal mit verschiedensten Gedenkstätten ins Tal der Gemeinden. In über hundert meterhohe Sandsteinwände sind hier die Namen der über 5000 jüdischen Gemeinden, die während der Schoa ganz oder teilweise vernichtet wurden, eingemeißelt. Vor den Namen der österreichischen Gemeinden stellen wir unserem Gesprächspartner unsere Fragen. Verglichen mit den Interviews mit älteren Menschen, die wir in den letzten Tagen geführt haben, ist dieses für uns ein journalistischer Traum. Wir erhalten vom sympathischen Tiroler kurze, prägnante Aussagen und spannende Einblicke in sein Leben und seine Arbeit in Jerusalem.

Dann erkunden wir die größte, internationale Holocaust-Gedenkstätte. Und wir sind vorbereitet. Wir haben den Holocaust im Geschichte-Unterricht besprochen, das Konzentrationslager Mauthausen besucht und Filme wie Schindlers Liste gesehen. Wir wissen was für ein schrecklicher Völkermord durch die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten verübt wurde und warum etwas derartiges nie wieder geschehen darf. Und trotzdem trifft es uns unvorbereitet. Wir stehen im Museum, wandern über das weitläufige Areal und verlieren den Glauben an die Menschheit.

Halle der Erinnerung

Es ist ein emotionaler Ort, ein emotionales Erlebnis. Wir haben uns getrennt, um jeder für sich zu sehen und zu verarbeiten. Ich gehe durch die Ausstellung mit Kunstwerken von Holocaust-Kunst, sehe die Bilder und fühle mich irgendwie leer. Ich stehe in der Halle der Erinnerung, meine Augen gleiten von den Namen der 22 größten Konzentrationslager zur Flamme für die Opfer des Holocausts und ich fühle mich verwirrt, wütend, hilflos und verzweifelt. Ich trete in das Denkmal für die 1,5 Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Kinder. Sehe wie sich im Stockdunkeln fünf Kerzen zu einem ganzen Sternenhimmel spiegeln. Höre wie zwei Stimmen pausenlos und unnachgiebig Name, Alter und Geburtsland der getöteten Mädchen und Buben verlesen. Drei Monate für alle Namen. Ich fühle mich ungläubig und zutiefst ergriffen. Ich halte inne in der Dunkelheit, lasse Reisgruppen an mir vorbeiziehen und starre auf die hellen Lichtpunkte. Warte auf den nächsten Namen. Zucke zusammen und trete wieder hinaus ans Tageslicht, wo in großem Zynismus oder aber in unveränderlicher Konstanz die Sonne den blauen Himmel zum Strahlen bringt. Wie unpassend. Oder tröstlich. Alles geht weiter im Leben, zumindest für uns nicht Betroffene. Was auch passiert, die Sonne scheint noch lange weiter.

Denkmal der Kinder - dunkle Halle mit Kerzen

Ich trete in die Allee der gerechten unter den Völkern, wo für nichtjüdische Menschen und Organisationen, die sich dem Nazi-Regime widersetzten, um Juden und Jüdinnen zu retten, Bäume gepflanzt sind. Ich empfinde Bewunderung und ein wenig neuen Mut. Es gibt sie, die Helden und Heldinnen, die unter großen persönlichen Gefahren in einer stark hetzerischen Öffentlichkeit selbst nachdachten und ihrem Gewissen gemäß handelten. Der Garten ist eine schöne nachträgliche Würdigung. Ich kann nur hoffen, dass ich unter jenen Bedingungen selbst so gehandelt hätte und nicht der blinden Massenverfolgung gefolgt wäre. Aber im Grunde zählt das gar nicht. Wichtig ist für uns alle nur, es mit dem Wissen der Vergangenheit nie wieder so weit kommen zu lassen.

Vorbei an den Bäumen von Oskar Schindler und Raoul Wallenberg, einem jungen Diplomaten, der durch schwedische Schutzpässe tausenden ungarischen Juden und Jüdinnen das Leben rettete, trete ich in das Museum zur Geschichte des Holocaust. Im Glauben ohnehin Bescheid zu wissen, wird man hier rasch belehrt. Die Geschichte der Judenverfolgung, das Leben in den Ghettos, der Holocaust in unzähligen Ländern wie den Niederlanden und Polen, Vernichtungslager, Todesmärsche und Widerstand. Altbekannte und unzählige neue Fakten prasseln auf mich ein. Ich versuche sie aufzunehmen und wegzustoßen. Ich versuche sie zu speichern und mich nicht von ihnen erdrücken zu lassen. Ich versuche zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gibt.

Ich trete in die Halle der Namen, wo Namen und persönliche Daten der Opfer des Massenmordes gesammelt werden. Beinahe 3 Millionen Namen sind bereits für die Nachwelt erfasst. Bei insgesamt 6 Millionen Holocaust-Opfern bleibt noch viel Arbeit.

Ich trete hinaus und fühle Erleichterung. Erleichterung, dass ich am Ende der erdrückenden Ausstellung angelangt bin. Erleichterung, dass ich nicht betroffen bin. Erleichterung, dass wir heute in einer anderen Welt leben. Beim Gedanken an die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten unserer heutigen Welt, spüre ich doch wieder Wut. Und doch ist er wieder da, der Glaube an die Menschheit. Aber vor allem der feste Entschluss, niemals selbst wegzusehen.

DER ARABISCHE BRUDER

Nach den erdrückenden Stunden brauchen wir alle ein wenig Luft, um zurück in die Gegenwart zu finden. Die bekommen wir auf der Rückfahrt mit der topmodernen, einzigen Straßenbahn Jerusalems. Und mit der Fahrt aus der heiligen Stadt zurück in das feierfreudige Tel Aviv. Kaum könnten Städte unterschiedlicher sein. Hier das alte, erfahrene Jerusalem, das schon so viel erlebt hat und doch noch immer Anziehungspunkt der Massen ist. Dort das junge, aufmüpfige Tel Aviv, das sich selbst zwischen Meer und Partys sucht und jeden gleich herzlich und entspannt Willkommen heißt. Zwei wie Feuer und Eis und doch Aushängeschilder desselben Landes.

Blick über den Strand am Abend Richtung der Altstadt Jaffa Tel Aviv ist aber nicht nur die trotzige Enkelin Jerusalems, sondern auch die kleine Halbschwester einer anderen Stadt. Und diese wollen wir noch erkunden. Nach einer Pause im Hostel geht es zunächst zum Abendessen ins Zentrum Tel Avivs. Von Salat über Gemüsesuppe, Falafel sowie Fisch in scharfer Soße kommt alles auf den Tisch. Erst dann geht es weiter ans Meer, zu Brandung und Sandstrand. In der Dunkelheit der einbrechenden Nacht wende ich den Kopf immer wieder von der einen zur anderen Richtung. Auf der einen Seite wachsen die Lichter der zahllosen Hochhäuser Tel Avivs unaufhaltbar in die Nacht. Auf der anderen Seite erhebt sich ein kleiner Hügel, gesäumt von niedrigen, sandfarbenen Häusern. Aus ihrer Mitte erhebt sich eine kleine Kirche. Die Rede ist vom arabischen Jaffa, das erst durch die jüdische Siedlungsbewegung des Zionismus seine kleine, nun stetig wachsende Schwester Tel Aviv erhielt. Heute sind die Städte verwachsen. Links das urbane, lebensfrohe Tel Aviv. Rechts das in der Zeit erstarrt wirkende Jaffa. Beide pittoresk zum Quadrat. Wir erklimmen die beleuchteten, palmengesäumten Gässchen Jaffas und machen vom höchsten Punkt Fotos von der Skyline Tel Avivs. Wir überqueren die Brücke der Sternzeichen, blicken nach alter Tradition auf das Meer und wünschen uns etwas. Wir kaufen am Abstieg vom Hügel traditionelle Süßspeisen und genießen sie in der lauen Spätsommernacht. Wir lassen die Gegensätze von Jaffa und Tel Aviv auf uns wirken, die irgendwie stellvertretend stehen, für den Facettenreichtum des Landes. Ich beiße in meine Baklava und lasse den Tag Revue passieren, den Blick abgewandt von Tel Aviv und Jaffa, auf die Weite des Meeres.

Blick durch einen großen Rahmen Richtung Strand und Tel Aviv

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.09.2022 bearbeitet.

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