Wie viel ein Moment wiegt

Youth Reporter in Israel
Karla Arzberger / 26.10.2017
Störer: 
Tel Aviv bei Nacht

Persönliche und kollektive Facetten des Schwermuts

Schwermut. Das ist ein Gefühl, dass ich seit Neustem beim Namen nennen kann. Zufällig (wenn man an Zufälle glaubt) habe ich es auf einem Fragebogen gelesen. „Welche dieser Gefühle hatten Sie in den letzen 7 Tagen? Das Gefühl alleine zu sein.. Das Gefühl, etwas kreatives tun zu wollen.. Angst .. Freude.. Schwermut“ Dazu die Aufgabe: Bewerten Sie mit 1-7. Nach Häufigkeit praktisch. Bei dem Nomen Schwermut musste ich dann kurz innehalten.

Woran wiegt man ab, wie häufig man ein Gefühl hatte. Gute Frage. Der Fragebogen sollte unsere Gefühle am Semesterstart evaluieren, aber für mich öffnete er eine neue Perspektive. Das Gefühl dass ich oft habe, dass ich in Momenten empfinde, in allen möglichen, in großen und kleinen, in groben, sperrigen und feinen, leichten hat nun endlich einen Namen. Schwermut. Heureka.

Schwermut habe ich tatsächlich empfunden. In vielen Momenten der letzten Woche. Aber zunächst frage ich mich, wenn ich nun weiß, was Schwermut ist, weiß ich eigentlich auch, was ein Moment ist?

Wie hat mein Tag begonnen? Heute sind wir nach Israel gereist. Oft frage ich mich, wie viel ein Moment wiegt. Wie viel ist er wert. Wie lange dauert er. Wie lange kann man ihn ziehen. Wie kurz kann man ihn abhacken? Welche Konsistenz hat er, welchen Aggregatzustand, welche Zusammensetzung? Wie kann man ihn spalten - einfach wie Atome - oder kann man ihn so schwer auseinander ziehen, wie kalten Gummi. Perlt er ab oder sinkt er ein? Was für Wirklichkeiten von Momenten erlebe ich? Welche davon sind voller Schwermut? Viele. Weshalb ich wohl bei dem Fragebogen auch die 7 angekreuzt habe.

Eigentlich machen die angreifbaren Momente ja alle zusammen die greifbare Wirklichkeit aus, das große Ganze, unser Erleben. Wie eine Minute aus Sekunden besteht und diese aus Millisekunden, so schichtet sich auch Moment an Moment und macht Wirklichkeit, macht Leben. Deshalb ist es wohl auch schwer, sie zu fassen. Ich würde sie mit Fischen vergleichen, weil sie so flutschen, oder mit Wasser, weil sie so zerfließen. Obwohl ich oft versuche sie direkt am Scheitel zu packen, sie festzuhalten, entwinden sie sich mir so schnell. Ist es überhaupt möglich, in einem Moment zu leben, so wie es uns tausende von Popsongs suggerieren? Ein Auszug meiner schwermütigen Momente. Cut Version: letzte Woche.

Erstens: Abschied. Immer wieder dieselbe Situation, die sich mir anders präsentiert. Seit 2 Jahren bin ich mit meinem besten Freund zusammen. Jackpot sozusagen. Die Tage rinnen uns so davon, wir arbeiten, wir lernen, essen, reden, schauen Film, schlafen und schon ist ein weiterer Tag vorbeigesaust. So schnell, kein Moment so wirklich greifbar. Aber wenn ich liege, abends, wenn es ganz still wird und ich nur mein Atmen und seinen schweren Herzschlag höre, dann möchte ich festhalten. Vor allem in den Momenten vor Reisen, wenn ein Abschied nah, wenn ich weiß, bald temporär Au Revoir zu sagen. Kurz davor, wenn ich noch zuhause bin, in diesem einen untastbaren Moment, da möchte ich Chemiker sein und den Moment fest machen. Festnageln. Festkleben. Behalten. Und doch entschwindet er so schnell. Ist wieder weg, Vergangenheit, da bin ich schon abgereist. Das bereitet mir Schwermut.

Zweitens: Israels Staatsgründung. Da war ich nicht dabei. Könnte man den Aggregatzustand der Momente von undefiniert in infinit ändern, oder die Matrix brechen und Begebenheiten zurückholen, würde ich diesem Moment so gerne erleben. Unter einem Porträt von Theodor Herzl, verkündete David Ben-Gurion in der Unabhängigkeitserklärung „kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und aufgrund des Beschlusses der UNOVollversammlung“ das Bestehen des Staates Israel. Da möchte ich Schmid sein und den Moment eineisen. Möchte ihn mit meinen Fingerkuppen betasten und Fingerabdrücke hinterlassen, meine persönliche Handschrift, meinen Stempel, möchte dabei sein, möchte beitragen. Ist aber unmöglich. Das bereitet mir Schwermut.

Drittens: Die Stadt. Ich stehe in ihrer Mitte, im Herzen Tel-Avivs. Die Menschen sind das Blut, das in den Straßen kocht und sie durchläuft, als wären sie Adern. Jeder Organismus am richtigen Platz macht, dass die Stadt lebt, dass sie ein Ganzes in sich bildet, sich selbst umschließt. Das ist einer dieser schnellen Momente, die man kaum greifen kann. Wenn alles um einen lebt und atmet und du als ein Teil des Ganzen versuchst beizutragen - aber im Endeffekt stehst du nur wie angewurzelt da und lässt deine Sinne berauschend lauschen. Da möchte ich Arzt sein und den Moment auseinanderliegen, ihn operieren und seine Einzelteile rausholen, jedes begutachten, sicherstellen, dass es den Teilen gut geht und zufrieden schwelgen. Das kann ich nicht - ich werde überwältigt. Das bereitet mir Schwermut.

Viertens: Die Ermordung von 5,3 - 6 Millionen Juden. Nicht nur ein Moment, sondern ein grauenvoller Momentekomplex, der sich im Staat Israel verallgegenwärtigt. Das ist einer der Schwermutsmomente, deren Gewicht ich zwar auch nicht wiegen kann, aber ich kann es schätzen. Unendlich - falls das als Schätzung gilt. In solchen Momenten kristallisieren sich Wortfelder der Unendlichkeit, tausende Worte, von denen man kaum einen fassen kann. So mächtig. Strebt gegen die Unendlichkeit. So schwer. Tausend-aber-tausend-schwer, um es mit den Worten der israelischen Dichtung zu beschreiben. Da möchte ich allmächtig sein, und den Moment zurücknehmen. Und der Moment entschwindet nie. Das bereitet mir den schwersten Mut.

Die Momente, die haben viel gewogen, die waren schwer. So viel wiegt ein Moment.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.05.2022 bearbeitet.

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