„Zerrissen hab ich mich nie gefühlt, ich fühl mich als Wienerin“

Youth Reporter in Israel
Anna Morandini / 16.11.2017
Störer: 
Alexia Weiss

Wie es ist, wenn man mit 18 erfährt, dass einen der Holocaust direkt betroffen hätte. Wie die jüdische Community heute in Österreich lebt und über schwarz-blau denkt. Und warum Israel für sie ein zweischneidiges Schwert ist. All das hat uns die Wiener Journalistin und Autorin Alexia Weiss in einem spannenden Interview erzählt.

 

Sie haben etwa in meinem Alter, kurz nach der Matura, von Ihren jüdischen Wurzeln erfahren. Inwiefern hat das damals Ihr Bild vom Judentum und Israel, aber auch Ihr Selbstbild, verändert.

Das ist schwierig, weil das ist einfach ein Prozess. Meine Eltern haben gemeint, zum 18. Geburtstag wäre der richtige Augenblick mir das zu sagen. Das war kurz vor der Matura.
Ich hab in der Schule eine sehr engagierte Geschichtelehrerin gehabt, ihr Mann war außerdem Professor an der Judaistik, das heißt sie war da sehr nah an diesem Thema. Und sie hat mit uns den Holocaust wirklich in aller Ausführlichkeit durchgenommen. Und sie hat nicht angefangen 1938, sondern sie hat angefangen mit „Hitlers Wien“ (Anmerkung: Buch der Historikerin Brigitte Hamann) bei Lueger und so weiter. Sie hat wirklich diese Stimmung sehr gut vermittelt. Ich kann mich erinnern, wir haben auch einmal einen Ausflug in die Nationalbibliothek gemacht um Originalzeitungen anzusehen. Sie hat sehr gut vermittelt, was es da an Antisemitismus gab. Welche Stimmung geherrscht hat – Zerfall der Monarchie, wie sich das einfach in Wien alles abgespielt hat. Und das fand ich alles sehr beunruhigend und schrecklich.

Und dann sagt dir jemand: „Naja, wenn du ein paar Jahrzehnte früher gelebt hättest, dann hätte dich das auch getroffen“. Das war schon ein bisschen irr, muss ich schon zugeben. Dann hab ich das aber schnell zur Seite geschoben. Man ist 18, es ist Matura und es ist dann Sommer und Studienbeginn und alles aufregend – ich hab mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt. Ich bin aber recht rasch aus der Kirche ausgetreten – meine Eltern haben mich ja quasi „Schein-Taufen“ lassen. Wir wurden protestantisch getauft, waren pro-forma einmal im Jahr in der Kirche, sind immer zu spät gekommen, es war immer peinlich und sonst war da einfach gar nichts. Ich bin in den Religionsunterricht gegangen, zu Hause gab es Religion einfach nicht. Ja natürlich, Weihnachten ist gefeiert worden mit Geschenken. Meine Eltern haben nie mit uns gebetet als Kind. Also ich bin aus der Kirche ausgetreten und das war´s für eine Zeit. Und dann hat mich irgendwie dieses Thema angefangen einzuholen, auf der beruflichen Ebene. Ich kann nicht sagen warum – Zufall oder keiner? Ich weiß es nicht, es war aber so, dass ich dann im Gedenkjahr 1995 – damals war ich in der APA im Bereich Wissenschaft und Bildung - sehr viel zu diesen Gedenkgeschichten gemacht habe. Und das hat sich irgendwie vertieft. Plötzlich war das Restitutionsthema da und ich hab die Restitutionsverhandlungen begleitet und bin da immer mehr hinein und dann setzt man sich auch damit auseinander. Dann hab ich auch angefangen für das jüdische Magazin „Nu“ zu schreiben. Und ich hab mir dann irgendwann überlegt „naja, ich bin kein religiöser Mensch, das werde ich nie sein, aber ich bin ein sehr politischer Mensch und ich möchte Mitglied in dieser Gemeinde werden, weil es geht auch um eine Zahl. Man hat damals versucht uns auszulöschen und es gibt uns noch immer. Und wenn ich jetzt da Mitglied werde, dann wird diese Zahl der Leute, die hier offiziell gelistet sind, um eine Person größer“. Von der Identität her sag ich, ich bin Jüdin, aber ich seh´ das als sehr politisch und kulturell und überhaupt nicht religiös.

 

WeissAntisemitismus.jpg

Antisemitisches Wahlplakat der Christlich-Sozialen in der Zwischenkriegszeit 1920

 

Gab es in Ihrer Kindheit Gegebenheiten, deren Bedeutung sie erst begriffen, als Sie mit 18 von ihrer jüdischen Identität erfuhren?

Was ich schon im Rückblick erstaunlich fand, ist, dass unsere Familie natürlich einfach sehr zerrissen ist. Und, dass es Dinge gibt, wo ich heute mit meinem Wissen sag „na eh klar“. Also ich hab eine Großmutter gehabt, die in Portugal gelebt hat und schönstes Wienerisch gesprochen hat und ich hab mich nie gefragt warum das so ist. Ich hab jeden Geburtstag einen Scheck von einem mir unbekannten Onkel aus Amerika bekommen und das war so. Die Tante, die in Paris gelebt hat. Und es war so. Und die haben alle wunderbares Deutsch gesprochen. Und das ist mir als Kind nie komisch vorgekommen. Aber im Rückblick war´s natürlich komisch. Ich muss aber auch sagen, dass meine Großmutter nichts erzählt hat von der NS-Zeit. Das war überhaupt kein Thema, gar nichts. Sie hat in Portugal gelebt und ist jedes Jahr auf Kur nach Österreich gekommen. So war das. Und später, als ich dann das alles wusste, wollte sie nicht darüber reden. Sie hat das abgeblockt. Sie hat erzählt von ihrer Jugend in Wien, aber von den schlimmen Dingen hat sie überhaupt nichts erzählt. Gar nichts. Und ganz im Gegenteil – sie war zum Beispiel wahnsinnig grantig, als ich dann angefangen hab Hebräisch zu lernen (ich kann‘s immer noch nicht, ich mach den nächsten Anlauf) und ich nach Israel gefahren bin. Da hat sie noch gelebt und ich hab ihr das gesagt und sie war fuchsteufelswild. Sie hatte glaub‘ ich immer diese Haltung „wenn wir´s ganz ablegen, dann wird uns sowas Schreckliches nicht mehr passieren“. Was natürlich ein völliger Trugschluss ist und ich glaub das ist der Unterschied zwischen meiner und der damaligen Generation.

 

Mit welchen Festen wächst Ihre Tochter auf?

Meine Tochter versuche ich klar jüdisch zu erziehen, also mit einer jüdischen Identität. Mein Mann ist katholisch. Den hab‘ ich am Anfang gefragt, wie er sich das vorstellt und er hat gesagt, es ist ihm egal. Er ist ein Taufscheinkatholik. Es ist meistens so, dass er zu seiner Mutter fährt und ich und meine Tochter hier bleiben. Wir feiern keine christlichen Feste gemeinsam als Familie, wir feiern die jüdischen Feste – auf einer sehr symbolischen Ebene. Es geht mir einfach drum, dass sie die Geschichten kennt. Inzwischen fährt, wenn sich Channuka und Weihnachten nicht überschneiden, Lea auch mit zur Oma und feiert dort Weihnachten, aber es ist für uns kein Familienfest.

WeissChannuka.jpg

Wie ist derzeit die Stimmung in der jüdischen Gemeinde in Wien, wie wird das Leben als jüdischer Bürger in Österreich gesehen? Im Allgemeinen als auch in Hinblick auf den Wahlkampf und die Stärke rechter Parteien.

Darüber kann man jetzt stundenlang reden. Es gibt nicht DIE jüdische Gemeinde, die gibt es nicht. Das ist eine Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen, sehr unterschiedlichen Untergruppen mit sehr unterschiedlichen Interessen, Standpunkten und Bedürfnissen. Es ist eine Community mit einem sehr, sehr hohen Prozentsatz – über 90% - Migrationshintergrund. Sprich, man selbst oder einer der Elternteile ist nicht hier geboren. Aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Es gab wenige Rückkehrer nach dem Krieg, also wenige Wiener jüdische Familien. Es gab viele DPs (displaced persons) aus Osteuropa, die in irgendeinem Camp gelandet sind und dann hier geblieben sind. Dann die Ungarn-Flüchtlinge, Menschen aus Polen, Tschechien und der Slowakei in den Nachkriegsjahrzehnten. Und ab den 70er Jahren die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion. Österreich war das Zentrum der Ausreise. Juden konnten aus der Sowjetunion über Österreich nach Israel ausreisen und das haben sehr viele gemacht. Und manche sind wieder – weil sie das Klima nicht vertragen haben oder weil sie eigentlich wieder zurück wollten – zurück nach Österreich, konnten aber nicht mehr in die Sowjetunion. Das ist die Herkunftsgeschichte, gleichzeitig hat man von der Religiosität her eine Bandbreite: chassidische, völlig assimilierte, traditionelle, Reformjuden,.. Daher kann man nicht sagen: „die Juden“. Sondern jede Gruppe für sich hat andere Bedürfnisse. Es ist etwas anderes ob ich jetzt als Jude erkennbar auf die Straße geh, oder sie wie ich [ohne äußere Erkennungsmerkmale]. Es ist was anderes ob ich mich politisch betätige oder nicht. Es ist etwas anderes ob ich jetzt Bedürfnisse habe, wie dass ich nur koscheres Fleisch esse – also Schächten brauche -, es mir wichtig ist, dass mein Bub beschnitten wird, ich eine Schule brauche, die Hebräisch unterrichtet oder sogar so fromm lebe, dass ich eine Schule brauche, wo geschlechtergetrennt unterrichtet wird.

Und dementsprechend wird sich eine rechte Regierung auch völlig anders auswirken. Die politisch linken Juden, für die ist das schrecklich. Auswirken wird es sich aber für die sehr fromm lebenden Juden, wenn gegen die Muslime vorgegangen wird und dann nach dem Gleichheitsgrundsatz natürlich alles mitabgeschafft wird für die Juden. Nichtsdestotrotz gibt es auch in der jüdischen Gemeinde ein paar Leute, die sagen „wir wählen FPÖ und Strache ist super, weil Strache sagt er ist gegen Antisemitismus, er fährt nach Israel und er setzt sich gegen die Muslime ein und die Muslime sind unsere Feinde.“ Ich kann damit nichts anfangen, mich nervt diese Haltung. Es gibt sie. Es gibt jetzt auch zwei Leute, einer auf wählbarer Stelle, bei der „Liste Kurz“ – der muss sich sehr viel Kritik anhören, hat aber auch eine Fan-Gemeinde. Es gibt in der Community ein paar FPÖ-Wähler, es gibt eine ziemlich ansehnliche Gruppe an Kurz-Groupies, die alten Kommunisten, SPÖ, es gibt alles!

Die Haltung der Kultusgemeinde ist noch immer: Es gibt einen Beschluss des Kultusvorstandes, dass es mit der Freiheitlichen Partei keine Zusammenarbeit gibt. Daran hält sich auch der jetzige Präsident, der ein Statement veröffentlicht hat, warum die Kultusgemeinde auch weiter jegliche Zusammenarbeit mit der FPÖ ablehnt und daher alle anderen Fraktionen auffordert nicht mit der FPÖ zu koalieren. Und das ist auch gehandhabte Politik, wenn es Diskussionsveranstaltungen gibt im Gemeindezentrum oder in Zeitungen der Gemeinde werden freiheitliche Politiker nicht eingeladen. Das ist der Status quo.

Dieser Beschluss stammt aus der Zeit der schwarz-blauen Regierung in Österreich um 2000. Es gab eine sehr klare Linie.

 

Inwiefern spielt für jüdische Bürger in Europa und Sie persönlich das Land Israel eine besondere Rolle? Hat man eine besondere Beziehung zu dem Land und verfolgt dortige Entwicklung genau?

Ich fahre gerne nach Israel. Ich finde das ist ein Land, in dem man sich sofort wohlfühlt und sofort zugehörig. Woran das liegt, kann ich nicht beschreiben. Aber es ist so. Wobei ich lieber in Tel Aviv bin als in Jerusalem. In Tel Aviv fühl‘ ich mich gut und Jerusalem ist irgendwie nicht so meines. Israel als Idee ist einfach ein sehr wichtiges Konstrukt, weil man sagt „wenn´s irgendwo anders wieder schlimm wird – jetzt wissen wir wo wir sofort hinkönnen und wo wir aufgenommen werden.“ Israel erspart im Kopf die Odyssee, die Leute damals auf sich nehmen mussten. Die Odyssee, die heute Leute auf der Flucht haben. Wir, wenn´s hier schlimm wird, wissen – in Israel kann ich einreisen und ich krieg auch die Staatsbürgerschaft und ich hab alle Staatsbürgerschaftsrechte. Und ich finde das ist schon ein Sicherheitsanker.

Zum anderen bin ich der Meinung, dass wir im Moment hier sicherer leben als in Israel. Ich weiß, dass das viele auf die Seite schieben – ich kann das nicht. Attentate sind dort immer noch an der Tagesordnung. Sie kriegen es zwar immer, wenn eine Welle ist, wieder gut in den Griff. Der Unterschied ist der, dass du dort einen Staat hast und eine Exekutive, die sich völlig hinter die Bürger stellen. Hier weiß ich nicht, was die Polizei macht, [wenn es jetzt lauter Attentate auf die jüdische Gemeinde gäbe]. Es gab ja das Attentat in der Seitenstättengasse, das der Grund war eigene Security einzuführen. Der Umgang des Staates ist ein anderer, der israelische Staat steht einfach hinter seinen Staatsbürgern und versucht sie zu schützen. Ich halte die Situation hier aber im Moment für besser - alles was sich abspielt hat eine rhetorisch-politische Ebene. Die tätlichen Angriffe steigen nicht – es gibt so gut wie keine. Was es gibt, sind Schmierereien und Pöbeleien und vor allem Antisemitisches im Internet, nur das [Hass im Netz] ist, glaube ich, der Zeit geschuldet.

Ich glaube der Staat Israel ist einfach so eine Art Versicherung und ein Sicherheitsanker. Und es ist ein schöner Ort, wo man sich einfach wohl und heimatlich fühlt. Die Politik passt mir nicht immer – wenn man hier Linker ist, kann man sich halt mit der jetzigen Führung nicht so super identifizieren. Ich kann mich hier aber auch nicht mit einer blau-schwarzen Regierung als österreichische Staatsbürgerin identifizieren. Deswegen find ich das auch immer ein bisschen problematisch, wenn man hier für die Politik in Israel verantwortlich gemacht wird. Ich kann schon nicht für die Politik hier [in Österreich] verantwortlich gemacht werden, wie dann für einen Staat wo ich nicht mal Staatsbürgerin bin. Aber es ist natürlich eine zwiespältige Geschichte, wenn auf der anderen Seite die jüdischen Gemeinden weltweit die Israel-Fahne hochhalten. Es gibt viel Solidarität. Es ist ein zweischneidiges Schwert: man will nicht verantwortlich gemacht werden, auf der anderen Seite sagt man „wir sind stolz auf den Staat Israel“.

 

Sie sprechen vom Gedanken der Sicherheit durch Israel – schwebt die Angst, dass sich Geschichte wiederholen könnte und etwas wie der Holocaust wieder passieren könnte noch immer im Hinterkopf?

Ich glaube die Geschichte wird sich nicht wiederholen wie sie war. Ich bin da jetzt, nehme ich an, nicht repräsentativ für die jüdische Gemeinde. Ich glaube eher, dass sie sich in Variationen wiederholt. Aber wir werden nicht das Opfer sein. Es werden die Muslime das Opfer sein. Und daher bin ich der absoluten Ansicht, dass man sich hinter die Muslime stellen muss. Dass man das nicht mitmachen darf, dieses pauschalisierte vorverurteilen von Muslimen. Man muss benennen, dass es „Radikale“ gibt und die anderen beschützen und mit ihnen Solidarität zeigen. Das ist ein Thema, bei dem in der Community sicher ein Bruch durchgeht. Denn es gibt auch Leute, und das ist natürlich dem Israel-Palästina-Konflikt geschuldet, die sagen „die Araber sind grundsätzlich böse und Muslime sind grundsätzlich antisemitisch“. Das glaube ich nicht. Auf der anderen Seite gibt es natürlich antisemitische Indoktrination in Schulbüchern und so weiter. Trotzdem heißt das nicht, dass die Leute, wenn sie hier herkommen sofort mit dem Messer [auf wen] losgehen. Die haben andere Sorgen und andere Probleme. Und wenn man auf sie offen zugeht, dann fangen sie auch an, das zu reflektieren. Ich bin seit zwei Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig. Bei einem Verein, der nur aus jüdischen Frauen besteht (Shalom Alaikum). Und wir haben keinen einzigen antisemitischen Vorfall oder irgendetwas gehabt. Im Gegenteil, ich kümmere mich sehr intensiv um eine afghanische Familie – wir sind wirklich gut befreundet inzwischen-, und die haben dann irgendwann angefangen selbst nachzurecherchieren „wie war das mit dem Hitler“ und wollten darüber etwas hören. Ich glaube, dass man, wenn man offen aufeinander zugeht, viel ausräumen kann. Und dass dieses „sich Einigeln“ und abwehren, dieses „die sind alle böse“ nichts bringt. Insofern glaube ich eben, Geschichte wiederholt sich nicht Eins zu Eins. Aber Mechanismen, wie wir sie von damals kennen, sehe ich jetzt gegenüber Frauen mit Kopftuch. Das ist leider so.

 

Wird in der jüdischen Community das Leben in Israel mit jenem in Österreich verglichen? Welche Aspekte stechen bei einem derartigen Vergleich hervor?

Ich glaube nicht, dass man es vergleichen kann. In Israel ist das Gros der Leute nicht observant [religiös praktizierend]. Während die Gemeinde hier ja viel traditioneller ist. Und in den letzten Jahren ganz bewusst noch viel traditioneller wurde. Man hat angefangen hier Institutionen aufzubauen. Vor allem Schulen aufzubauen, weil man gesagt hat „die Kinder brauchen ein jüdisches Bewusstsein, eine jüdische Identität“. Da sind jetzt Generationen schon herangewachsen (also ich wär noch ein bisschen zu alt gewesen, ein paar Jahrgänge nach mir hat das dann angefangen) – die waren in der jüdischen Schule, die haben hebräisch gelernt, jüdische Geschichte gelernt und einfach eine starke jüdische Identität. Die wissen wie man betet, die kennen sich aus. Was dazu geführt hat, dass diese Familien immer religiöser werden. Die fangen dann auch an zu Hause wieder koscher zu halten, die Kinder wieder religiös zu erziehen und so weiter. Das ist eine sehr konservative Gemeinde und sie wird immer konservativer und religiös-traditioneller. In Israel, man schaue sich Tel Aviv an, da gibt’s viele Juden, die gar nichts mehr halten. Weil sie das wahrscheinlich auch nicht mehr brauchen. Weil ja der Staat Israel schon genug Identität bietet. Das glaube ich ist der große Unterschied. Aber natürlich gibt’s auch in Israel viele Orthodoxe. Dort ist das Normalität, weil es in Israel Strukturen dafür gibt. Hier bist du ein Exot. Und in einem jüdischen Staat wird natürlich mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse genommen, wenn du religiös bist, als hier. Das ist mit einem normalen Job halt nicht so gut vereinbar, wenn du am Freitag eigentlich zu Mittag aufhören musst zu arbeiten und am Samstag nichts machen kannst und koscher essen musst und so. Das ist nicht so leicht, das unter einen Hut zu bringen mit einem Mainstream-Job.

 

Gibt es im Lebensstandard Unterschiede zwischen Österreich und Israel?

Einerseits ist es ein anderes Klima. Es sagen auch immer wieder Familien, die auswandern wollen und dann doch wieder zurückkommen, oder auch junge Leute drüben: es ist in Israel sicher schwerer als hier. Die soziale Absicherung ist nicht so gut, Krankenversicherung und so weiter. Mieten sind teuer, da gab´s vor einigen Jahren Sozialproteste, weil junge Leute gar nicht mehr ausziehen können von zu Hause, weil sie sich keine Wohnungen leisten können. Also der Sozialstaat ist hier sicher besser, dafür ist vielleicht in Israel mehr möglich sich kreativ auszuleben. Es gibt eine große Start-Up-Szene, es ist nicht alles so bürokratisch wie hier. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

 

Was bedeutet Identität für Sie persönlich? Welche Rolle spielen dabei die (durch Flucht bedingte) Migrationsgeschichte Ihrer Familie und Ihre jüdischen Wurzeln?

Als ich aufgewachsen bin, hab ich schon immer das Gefühl gehabt – obwohl ich ja gar nicht wirklich wusste was so los ist -, dass bei uns alles nicht normal war. Bei uns war alles komisch. Und nicht so wie bei anderen. Meine Mutter ist halt keine typisch österreichische Mutter, ihr Deutsch klingt zum Beispiel einfach ein bisschen anders. Als ich dann erfahren hab warum, dann hat das einen Sinn ergeben. Da kann ich dann sagen „ok, das bin ich“ und man redet mit Leuten und findet dann andere Leute, die genauso sind. Man hat zwar eine andere Geschichte aber die groben Linien sind ähnlich. Und das schafft dann schon ein bisschen Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Und das Gefühl in der Community immer mit offenen Armen empfangen zu werden. Auch wenn man nicht religiös ist, ist das hier in Wien kein Problem - weil das weiß jeder, dass es die verschiedenen Gruppen gibt. Insofern hat das dann Sinn gemacht und war, find ich, eigentlich positiv. Ich versuch bei meiner Tochter ihr von Anfang an zu vermitteln „das bist du, das ist dein Platz und das sind deine Wurzeln“. Schauen wir, ich glaub dass es mir – sie wird bald 12 – gelungen ist. Religiös ist sie auch nicht.

 

Bei vielfältigen Wurzeln hört man oft von verschiedenen Effekten – davon sich auseinandergerissen und nicht hundertprozentig zugehörig zu beiden Kulturen zu fühlen oder sich in beiden zu Hause zu fühlen und ihre Vorteile zu vereinen – von Festen bis hin zu Sprachkenntnissen. Dabei geht es oft um Herkunft, nicht um Religion – trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass die Entdeckung Ihrer jüdischen Wurzeln zu einer Veränderung in ihrem Verhältnis zur österreichischen Kultur geführt haben könnten. Wie denken Sie darüber?

Schwierig zu sagen. Zerrissen hab ich mich nie gefühlt, weil ich bin hier aufgewachsen und ich fühl mich als Wienerin. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich habe auch zu Hause Deutsch gesprochen. Meine Mutter hat in den Anfangsjahren versucht Portugiesisch mit mir zu sprechen. Ich hab dann gar nicht gesprochen. Ich verstehe viel, ich kann´s aktiv überhaupt nicht sprechen. Weil ich eben noch nicht gesprochen habe, hat der damalige Kinderarzt gesagt, sie soll mit dem Blödsinn aufhören und Deutsch sprechen. Das ist in anderen Familien auch so gewesen. Dann habe ich recht schnell Deutsch in ganzen Sätzen gesprochen. Es wäre bloß eine Frage der Zeit gewesen. Ich habe dann im Kindergarten schon Französisch gelernt, weil meine Mutter ist ja in Portugal aufgewachsen, hatte dort aber ein französisches Kindermädchen und ist in die französische Schule gegangen. Französisch war ihre Bildungssprache und auch die Sprache, die sie gern gehabt hat. Sprachlich verorte ich mich wirklich im Deutschen. Ich habe mich auch nicht zerrissen gefühlt. Wie gesagt, ich war ein Wiener Kind. Es war eben alles nur ein bisschen merkwürdiger als bei anderen. Damals – ich bin in den 70er Jahren in die Volksschule gegangen –gab´s nicht so viele Kinder mit Migrationshintergrund. Und schon gar nicht in der katholischen Privatschule, in der ich war. Da gab´s gar nichts. Auch am Gymnasium dann nicht. Also da war man schon ein bisschen merkwürdig. Aber nicht so, dass einen das irgendjemand spüren hätte lassen. Für die anderen war das kein Thema, überhaupt nicht. Das war nur was man sich als Kind halt so denkt.

 

Sie sind Redakteurin des jüdischen Stadtmagazins „Wina“. Welchen Stellenwert hat das Magazin für die jüdische Gemeinde in Wien und welche Rolle spielt Israel im Magazin?

 „Wina“ heißt auf Hebräisch Wien. Es ist eben ein Stadtmagazin. Das heißt Israel kommt vor, ist aber jetzt nicht beherrschend. Wir haben eine Korrespondentin, die berichtet aus Israel. Der Fokus ist aber schon auf dem Leben hier – Kultur, Literatur und so weiter. Das „Wina“ ist bewusst so konzipiert, dass es auch Leute außerhalb der Community ansprechen soll. Ein bisschen Sympathien schaffen, Verständnis schaffen, Einblick geben. Und es geht eben nicht um dieses klassische „Wir feiern Channuka“, es geht mehr um Lifestyle und um Menschen und Porträts. Darum ein Lebensgefühl zu vermitteln. Aber nicht wieder dieser Ansatz „Wir sind Juden“ – dieser Zoo-Ansatz – sondern ein bisschen Lifestyle, wie die Leute denken, eine bunte Mischung. Das heißt es ist einerseits ein Magazin für die Mitglieder der Kultusgemeinde und andererseits darüber hinaus – es liegt auch in vielen Arztpraxen und so weiter auf. Es soll bewusst auch eine Öffnung der Gemeinde nach außen symbolisieren. Innerhalb der Gemeinde wird’s natürlich von ein paar nicht gelesen, das sind die sehr Frommen. Die dürfen das nicht lesen, weil da sind Fotos drauf, die nicht ok sind. Weil wenn man den Ausschnitt von einer Frau sieht, das geht gar nicht. In der Orthodoxie gibt’s immer noch welche, die es wirklich wegwerfen, andere die es schon lesen.

 

Welche Assoziationen verbinden Sie persönlich mit Israel?

Es ist ein Staat, und das halte ich für sehr wichtig, der sich wirklich selbst verteidigen kann. In dem die Armee etwas sehr positiv Besetztes ist. Ich sag jetzt nicht, dass ich das gut finde, nur wir leben hier in einer völlig anderen Lebensrealität. Ich kann hier sagen „ich will kein Heer mehr“, in Israel wäre das das Todesurteil. Das ist mir klar, dass das nicht geht.

Ein Staat, wo Frauen sehr bewusst feministisch leben können. Wo Kinder trotzdem wichtig und gern gesehen sind. Es ist ein Land wo das sehr stark verbunden wird, vom Gefühl her – ohne es beweisen zu können - noch stärker als bei uns.

Man hat die Traditionsorte wie etwa Jerusalem und andererseits ein wahnsinnig urban-modernes Leben – Tel Aviv. Ich verbinde natürlich damit unangenehme Diskussionen. Eben, dass man immer für Dinge verantwortlich gemacht wird, für die man wirklich nichts kann. Die Siedlungspolitik muss man sich wirklich im Detail anschauen, da gibt’s Dinge wo ich sage „ja ok, das kann ich vertreten“ und andere wo ich finde „nein, das ist nicht gut“.

Das Meer, gutes Essen. Selbstbewusstsein. Und auch eine Durchsetzungskraft: wenn man in Israel ist, die Leute holen sich einfach was sie möchten und brauchen. Die reden nicht lange um den heißen Brei herum, sie sind sehr direkt. Das ist etwas was man hier nicht macht. Diese Haltung imponiert mir, obwohl sie mich auf der anderen Seite auch wieder überfährt und fordert. Aber das finde ich cool.

Sonst verbindet man natürlich diese technische Start-Up-Szene ganz massiv mit Israel, und die Computer-Geschichten. Das Miteinander verschiedenster Ausprägungen. Eben dass am Strand von Tel Aviv Frauen auch völlig angezogen ins Wasser gehen und das stört einfach keinen. Das ist ganz ok. Ein bisschen Chaos.

 

Warum ist es wichtig gesondert vom generell österreichischen Leben vom jüdischen Leben in Österreich zu berichten, wie Sie es für die „Wiener Zeitung“ tun und worauf legen Sie dabei den Fokus?

Das ist ein Blog, ein Onlineformat. Ich hab den Blog jetzt seit 2011.  Da hat es sich natürlich ein bisschen gewandelt. Am Anfang habe ich schon versucht Einblicke zu geben, in Feste oder Dinge die in der Tradition eine Rolle spielen. Das kann man aber nicht jedes Jahr wieder machen. Und dazu bin ich auch ein viel zu politischer Mensch. Es geht schon darum herauszuarbeiten, wie ist das Verhältnis zum Islam, zu den Rechtsparteien, zum Thema Solidarität. Einfach auch zu zeigen, dass die Gemeinde eben sehr inhomogen ist. Dass Jude sein nicht gleichzeitig bedeutet, dass du sehr religiös bist. Dass du dich auch als Jude definieren kannst, wenn du eigentlich Atheist bist. Ich schreibe darüber, wenn Neuerscheinungen kommen oder über kulturelle Geschichten. Einfach so ein bisschen einen Einblick geben, was sich da so tut. Und ich glaube, dass man durch solche Sachen einfach auch Hemmschwellen abbaut, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich oft Leute Sachen gar nicht zu fragen trauen. Können sie ja ruhig fragen, wenn man nicht antworten will, wird man sagen „ich kann nicht antworten“. Aber grundsätzlich ist Fragen immer gut und das baut Hemmschwellen ab.

 

Unterscheidet sich Ihrer Beobachtung nach die Einstellung zu den jüdischen Wurzeln und zur „österreichischen Mehrheitsbevölkerung“ unter den verschiedenen Generationen in der jüdischen Gemeinde? Gibt es wesentliche Unterschiede zB. zwischen der Großeltern- Eltern- und Jugendlichen-Generation? Ist der Antisemitismus in Österreich und die Schoah in allen Generationen ein oft diskutiertes Thema und gibt es da Generationsunterschiede?

Das ist so unterschiedlich, wie Familien halt unterschiedlich sind. Das ist verschieden nach Familien, Persönlichkeiten – das kann jeder nur für seine Familie beantworten. Es gibt Familien, die haben über den Holocaust nicht gesprochen. Es gibt Familien, da war es ständiges Thema. Traumatisierung ist ein großes Thema, da wurde dann „ESRA“ eingerichtet. Das ist ein psycho-soziales Zentrum, spezialisiert auf Traumatherapie. Die haben dann vor allem mit älteren Leuten gearbeitet, wo die Traumata im Alter aufgebrochen sind. Die befassen sich sehr stark mit den über Generationen weitergegebenen Traumata, das ist ein Riesenthema. Weil das in Form von verschiedenem, etwa Neurosen, über Generationen immer wieder rauskommt. Es hat damit zu tun, wo deine Familie herkommt. Wie gesagt gibt es hier jetzt schon einen sehr großen Teil der Community, der hat mit dem Holocaust ja gar nichts zu tun. Weil sie eben nicht hier waren sondern aus Tadschikistan oder so kamen. Da war das kein Thema. Was sicher eine Veränderung gebracht hat, war die Wahlkampfzeit und danach die ganzen Restitutionsverhandlungen und so weiter. Also dieses Anerkennen, was da falsch gemacht wurde. Kompensationsleistungen oder Gesten, wie immer man das nennt. Ich glaube schon, dass das ein Unterschied ist, ob man da selber mitendrin war. Und diese Enge spürt, sich eigentlich nur anpassen und verstecken will. Oder dann eben die Kinder und Enkelkinder, wo es einfach ein größeres Selbstbewusstsein gibt. Für mich ist es kein Problem, zu sagen, „ich bin Jüdin“. Auch offiziell nicht. Aber ich kann mich an meinen Großonkel erinnern, der nach Wien zurückgekommen ist und das durfte niemand wissen. Ich meine er hat ausgeschaut wie eine Karikatur, also es war tragikomisch. Pauschal kann man das nicht beantworten. Meine Großmutter wollte nicht sprechen, über das was passiert ist.

 

Sind junge Angehörige der jüdischen Gemeinde heute im allgemeinen stolz auf ihre jüdischen Wurzeln, werden diese Wurzeln stark thematisiert oder spielen sie im Leben der Jugendlichen, wie etwa im Christentum zu beobachten ist, eher eine untergeordnete Rolle?

Die Kinder, die in jüdische Schulen gehen – und das ist die große Mehrheit -, die sind sehr stolze Juden. Das wird natürlich in der Schule gefördert. Also eigentlich ein sehr großes Selbstbewusstsein. Da ist ein großer Stolz da, eine klare Identität und ein starker Bezug zu Israel.

 

Die christlichen Kirchen verlieren Mitglieder in Österreich, als Grund werden zunehmende Entfremdung und Säkularisierung aber auch Kirchenbeiträge angeführt. Wie sieht das in der jüdischen Gemeinde aus? Wie stark ist heute die Bindung der jüdischen BürgerInnen an ihre Religion?

Das kann man so auch nicht sagen. Es sind jetzt ungefähr 8.000 Mitglieder, das ist ziemlich konstant. Wobei eben die jüngeren Familien wieder kinderreicher sind. Es gibt auf der anderen Seite aber auch viele Leute, die völlig assimiliert sind und wo das Judentum, wie man so schön sagt, „verloren geht“. Weil, wenn du als Frau einen Nicht-Juden heiratest, sind die Kinder trotzdem jüdisch. Wenn du als Mann eine Nicht-Jüdin heiratest, sind die Kinder nicht mehr jüdisch und das ist sozusagen verloren.

 

Wie steht die Israelitische Kultusgemeinde zu Israel?

Man ist solidarisch mit Israel und hat einen starken Bezug zu Israel, sieht sich aber nicht als Sprecher von Israel – das ist ganz wichtig. Es gibt eine israelische Botschaft und das sind die Sprecher. Die Kultusgemeinde ist nicht die Sprecherin von Israel. Aber wenn irgendeine Krise ist natürlich, zum Beispiel der Gazakrieg 2014, dann gibt es Demonstrationen und da stellt man sich natürlich dahinter.

 

Was möchten Sie mit Ihren Romanen „Haschems Lasso“, „Dinah und Levi“ und „Endlosschleife“, allesamt mit jüdischen Protagonisten, bewirken?

Also, „Haschems Lasso“ war damals – es ist ja jetzt schon lange her – einfach mal der Versuch ein Buch zu schreiben aus Wiener Perspektive, das jetziges jüdisches Leben darstellt und auch die Vielfalt zeigt. Ich hab damals schon sehr viel journalistisch gearbeitet zu dem Thema und hab einfach gemerkt, dass wenn ich mit Nicht-Juden spreche, Juden irgendwie als gleichgeschaltete Gruppe wahrgenommen werden, die sie überhaupt nicht sind. Die Gemeinde ist zwar sehr klein, aber wahnsinnig inhomogen. Und das wollte ich mit „Haschems Lasso“ transportieren. Und ich glaube, das ist ganz gut gelungen.

Bei Dina und Levi war´s so, dass ich, als meine Tochter schon auf die Welt gekommen war und ich ihr ein bisschen was vermitteln wollte, es überhaupt nichts gab. Es gab keine deutschsprachige Kinderliteratur, die sich auf eine lockere Art und Weise mit Judentum befasst hat. Ich habe damals auch mit der Buchhändlerin gesprochen, und die hat gesagt „mach doch was“ – und so ist das entstanden. Und auch da habe ich versucht nicht zu beschreiben wie´s sein soll, also nicht von diesem religiösen Standpunkt aus „so hat das zu sein“, sondern schon mehr von einem gesellschaftlichen Standpunkt, wie ist es wirklich. Und es gibt in dem Buch zwei Kinder. Einen observant lebenden Buben und ein sehr assimiliert lebendes Mädchen – und die treffen einander. Es ist trotzdem ein Gemeinschaftsgefühl. Als das Buch dann erschienen ist, war meine Tochter schon zu alt für diese Art der Bücher und ich habe für sie ganz viele englische Sachen gefunden, da gibt´s nämlich viel mehr. Das Buch haben wahnsinnig viele Religionslehrer gekauft und es wird noch immer nachgefragt, wird aber leider nicht mehr nachgedruckt. Ich habe viele Anfragen von katholischen Religionslehrern bekommen, die das im Volksschulunterricht einsetzen.

„Endlosschleife“ war ein ganz anderes Thema, weil das das Buch ist, das am persönlichsten geworden ist. Ich habe in einem Haus gewohnt, im 2. Bezirk, wo sich herausgestellt hat, dass da Sammelwohnungen drinnen waren [Wohnungen, in denen Jüdinnen und Juden in Folge der „Arisierung“ ihrer eigenen Wohnungen beengt – mehrere Familien in einem Appartement - bis zur Deportation leben mussten]. Und wir haben in dem Haus versucht eine Gedenktafel zu machen und sind auf irre Widerstände gestoßen. Das war ein wirklich schlimmes Haus. Wir haben es am Ende dann auch geschafft, im Rahmen der „Steine der Erinnerung“ eine Tafel zu machen. Und das Buch verarbeitet ein bisschen – natürlich überzeichnet, das ist dann ein Roman – dass ich mich in dieser Wohnung nicht wohlgefühlt habe, obwohl es eine wahnsinnig tolle Wohnung war. Aber das zu wissen, dass aus dieser Wohnung Leute abtransportiert wurden und die diese Angst hatten. Ich bin überhaupt kein esoterischer Mensch, ich sage nicht ich spüre jetzt eine Aura. Es geht einfach so intellektuell um dieses Wissen und dann dieses sich irgendwie emotional hineinzuversetzen. Ich wohne in der Wohnung auch nicht mehr – wir haben dort zehn Jahre gewohnt und wir sind dann bewusst in einen Neubau gezogen, weil ich das nicht mehr wollte, dass mir das wieder passiert. Und das ist „Endlosschleife“. Und außerdem habe ich das Gefühl, wenn ich mit Leuten rede, über das Thema „Sammelwohnungen“, dass die meisten sagen: Was sind Sammelwohnungen? Dieser Begriff ist überhaupt nicht ins allgemeine Bewusstsein eingesickert und deswegen wollt ich darüber was schreiben.

 

Wir danken für das ausführliche Gespräch!

 

@jugendportal auf Instagram

Jugendportal.at wurde zuletzt am 10.08.2022 bearbeitet.

Partner