Ablenkung á la Amerika.

Politik
Fridolin Blasl / 04.09.2019
Flagge von Venezuela

Wie wir gelenkt, geleitet werden und wie für uns gelitten wird.

„Endlich Sanktionen. Dafür ist es auch Zeit, jetzt soll der orange Mann im weißen Haus mal ordentlich auf den Tisch hauen.“ Dies ist eine Botschaft, wie wir sie mehrmals am Tag in vielen Medien, ganz unbesehen, ob qualitativ-journalistisch, oder potenziell fragwürdig, zu lesen bekommen. Es erscheint gerecht und fair. Ein Land bekommt endlich seine gerechte Strafe. Aber was bedeutet dieser Terminus Sanktion für das sanktionierte Land?

Leiden.

Sehen wir uns das in einem kleinen Streifzug durch die Geschichte an. Das aktuell medial präsenteste Land ist mit Abstand Venezuela. Das kleine Land in Amerikas südamerikanischem Hinterhof erleidet gerade die schlimmste wirtschaftliche Krise seit jeher: 1,68 Millionen % Inflation. Eine Zahl, die man sich ausgeschrieben lieber nicht vorstellen mag. Aber wie kommt sie zustande? Venezuela ist bekannt für seine riesigen Ölreservoirs, die unter Präsident Hugo Chavéz und seiner „Bolivarischen Revolution“ noch zu Ansätzen von Wohlstand und einem Wirtschafts-Boost geführt hatten. Unter Nicolás Maduro, der 2012 ein sinkendes Schiff übernahm, hatte die landesweite Versorgungskrise bereits begonnen. 2014 erreichte die Inflation bereits ein Rekordhoch von 64%, der Petrodollar wankte. Dies kombinierte sich mit einem zunehmend korrumpierten, von hohen Militärs gelenkten Staat, der nicht mehr in der Lage war wie zu Zeiten von Chavéz gegen die um sich greifende Armut anzukämpfen. Soweit die Fakten. Nun steckt das 32 Millionen EinwohnerInnen starke Land in der größten Inflation und Armutskrise seiner Geschichte: Flüge nach und von Venezuela werden eingestellt, der Tourismus liegt darnieder und die Menschen hungern.  Aber die Welt sieht zu und lässt Großmächte schalten und walten.

Leiten.

Mittlerweile droht die USA Venezuela, wenn sich nichts Grundlegendes in der staatlichen Chefetage ändert, mit einer militärischen Intervention. Klingt auf den ersten Blick schlüssig und gerecht: Das kommunistische, korrupte Militärsystem wird endlich durch eine Demokratie ausgetauscht, bitte kommt doch und ändert das. Eine demokratisch gewählte Führungspersönlichkeit muss her. Plopp: Juan Guáido entspringt und meldet sich recht undemokratisch freiwillig zum Interimspräsidenten. Er wird gern als Galionsfigur des Volkes gefeiert und bevor er irgendetwas bewirken kann, flieht er mutig ins Ausland. Maduro reagiert währenddessen auf die Hilfspakete für das kaputte Land mit Zurückweisung, was niemand in den westlichen Staaten verstehen kann. Hier gibt es eine Wissenslücke: Venezuela versucht bereits seit Jahren sich vom Dollar zu lösen und das Öl gewinnbringend in anderen Währungen zu verkaufen. Es gäbe genug Stakeholder weltweit, die gern venezolanisches Öl erwerben würden, doch begann seit dem Widerstand gegen den Dollar eine Abschottung vom internationalen Markt: Das Öl kann nicht mehr verkauft werden und muss über Umwege und zu niedrigen Preisen verschifft werden. Das kennen wir bereits, doch nur woher? Ach richtig: Libyen. Was geschah noch mal mit Libyen im Zuge seiner Demokratisierung durch die NATO und ihre Verbündeten? Nach der blutigen Ermordung Gaddafis regieren statt einer demokratisch gewählten Regierung Warlords und zwei sich bekämpfende Regierungen das Land. Der Krieg geht dort nach wie vor weiter. Gaddafis Diktatur soll keineswegs gutgeheißen oder gerechtfertigt werden, dennoch als er 1967 an die Macht kam, war Libyen bitterarm. Als seine Herrschaft 2011 endete, war es das reichste Land Afrikas auf dem Weg in eine transafrikanische Währungsunion mit dem Dinar. Eine Konkurrenz zum Dollar. Genau wie es der venezolanische Petrodollar war. Konkurrenten müssen beseitigt, delegitimiert und sanktioniert werden. Der Kreislauf des Leidens schließt sich wieder. Fazit: Wir sehen, dass offensichtlich Geldströme ein Land ins Chaos stürzen können und, dass der eigentlichen Demokratisierung statt einem Stein eine Staumauer in den Weg gelegt wird. Auf einer Seite, die Machtkartelle China und Russland, die genauso, wie die USA wesentlich zum Konflikt beigetragen haben, auf der anderen Seite, die Bevölkerung, welche per Medien zum Feiern illegaler Kriege angehalten wird. Der vernachlässigte Teil: Diejenigen, die im Machtpoker nur als Zahlen vorkommen: Die Menschen im sanktionierten Land.

Lenken.

Dass uns Sprache lenkt, ist nichts Neues. Lediglich die Methode, mit der es von Statten geht, hat sich verändert. Das neue Wort dafür heißt: Framing. Ein gedanklicher Gestaltungsrahmen der, angewendet auf eine spezifische Thematik, nur einen Blickwinkel gewährt. Nehmen wir den UNO-Frame: Wäre dieser in den Medien aktiv, so wären die MedienkonsumentInnen der UNO-Charta gegenüber viel sensibler und illegale Angriffskriege wären nicht mehr so leicht zu führen. Der Wert des Menschenlebens, verankert in der Menschenrechtserklärung, erführe Zuspruch. Mit aktiviertem UNO-Frame sich ins Gedächtnis zu rufen, dass ein souveränes Land (USA), einem anderen souveränen Land (Venezuela) droht, muss sofort Alarm-Glocken aktivieren und folgenden Paragraf der Menschrechtserklärung uns ins Gedächtnis rufen: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“(Charta der Vereinten Nationen, Kapitel 1, Artikel 2, Absatz 4)

Der aktuell in Medien meistverwendete Frame ist nicht der UNO-Frame, sondern der Bad-Man-Frame. Dabei werden soziale, wirtschaftliche und politische Missstände stellvertretend in einen Staatschef hineinprojiziert und schließlich manchmal mehr, manchmal weniger gerechtfertigt mit ihm gleichgesetzt.  Die Botschaft? Der böse Mann muss weg, sonst geht es allen schlecht. Dieselbe Kasuistik trifft auf Maduro zu: Zu uns wird das Bild einer Diktatur transportiert, die in einer humanitären Krise steckt. Warum tut sie das? Dieser Teil wird wohlweislich verschwiegen. Denn wer friert Konten ein und verweigert die Verschiffung von Insulin nach Venezuela? Die USA, dein Freund und Helfer. Wir werden abgelenkt, unfähig, die wahren Auswirkungen internationaler Politik zu begreifen. Zu begreifen, dass hier nicht die Demokratie mit der Diktatur ringt, um sie niederzuwerfen, sondern, dass es sich um einen Kampf zwischen der weißen Elite-Oberschicht und der unterdrückten, verarmten Bevölkerung handelt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 12.12.2019 bearbeitet.

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