Albert Camus' Die Pest: Ein philosophischer Blick auf Corona aus 1947

Kultur & Events
Kerstin Reiner / 29.12.2020
Der Roman 'Die Pest' von Albert Camus, daneben ein Mundschutz

„So sah man den Verkehr allmählich abnehmen, bis er fast ganz zum Erliegen kam; Luxusgeschäfte von einem auf den anderen Tag schließen… Aber alle diese Veränderungen waren in gewisser Weise so außergewöhnlich und so schnell vorgenommen worden, dass es nicht einfach war, sie als normal und dauerhaft zu betrachten…

Es gab gemeinsame Gefühle wie das Getrenntsein oder Angst, aber man stellte auch weiterhin persönliche Interessen in den Vordergrund. Noch niemand hatte die Krankheit wirklich akzeptiert. Die meisten waren vor allem empfindlich gegenüber dem, was ihre Gewohnheiten störte und ihre Interessen beeinträchtigte… Ihre erste Reaktion war zum Beispiel, den Behörden die Schuld zu geben."

Nein, diese Zeilen beschreiben keine Szenen aus dem Jahr 2020, auch wenn sie sich durchaus so lesen könnten. Tatsächlich sind es Ausschnitte aus einem Roman, der bereits 1947 erschienen ist.

Die Pandemie und ihre Folgen gehören mittlerweile seit Monaten zu unserem Alltag. Manchmal kommt mir alles aber immer noch vor wie in einem Katastrophenfilm. Besonders zu Beginn der Pandemie fehlte mir ein Anhaltspunkt; etwas, um die Situation einordnen zu können. Meine Eltern oder Großeltern konnten mir nichts Vergleichbares erzählen, das sie schon einmal erlebt hätten; und in der Schule hatten wir auch kaum Epidemien behandelt. Dafür fiel mir immer wieder ein bestimmter Roman ein, den ich im Laufe meines Studiums gelesen hatte: „Die Pest" von Albert Camus, einem französischen Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger und Philosoph aus dem 20. Jahrhundert. Aus diesem Roman stammen auch die eingangs zitieren Passagen. Ich möchte ihn euch in diesem Artikel ein bisschen genauer vorstellen.

Nicht das erste Mal

Die Pest handelt von einer fiktiven Pestepidemie in der algerischen Stadt Oran in den 1940er Jahren. Auf das Bekanntwerden der ersten Krankheitsfälle reagiert die örtliche Verwaltung zunächst zurückhaltend, niemand will die Situation wahrhaben oder sie ernstnehmen. Wenig später werden aber rigorose Maßnahmen getroffen und die Stadt wird vollständig abgeriegelt, um eine Ausbreitung der Seuche in das restliche Land zu verhindern.

Albert Camus‘ Roman liest sich wie eine Chronik der Geschehnisse, die sich nun in der abgeriegelten Stadt während der Pestepidemie ereignen. Einige BewohnerInnen reagieren, ähnlich wie die Verwaltung, mit Unglauben, Verharmlosung oder Verdrängung. Doch bald greift die Epidemie in das Leben jedes einzelnen ein und entwickelt sich zur Krise. Die Kapazitäten der Spitäler reichen bald nicht mehr aus, man improvisiert mit Schulen und Hotels. Patienten mit Pestsymptomen werden sofort isoliert, genauso ihre Angehörigen.

Viele Geschäfte sind geschlossen, in den Straßenbahnen halten die Menschen so gut es geht Abstand zueinander. Jegliche Verbindung zur Außenwelt ist abgebrochen, nicht einmal das Schreiben von Briefen ist erlaubt, aus Sorge, mit ihnen könnte es zu einer Übertragung der Pest aus der Stadt kommen.

Größer als die Angst vor der Krankheit selbst ist lange Zeit das Gefühl der Einsamkeit. Viele leiden darunter, nicht ihre Angehörigen sehen zu können, die sich außerhalb der Stadt befinden. Die Menschen versuchen, mit anderen über ihre Sorgen und Gefühle zu reden, aber meist werden sie falsch verstanden. Man bekommt nur zu Antwort, dass es doch allen so gehe. Dadurch ändert sich aber nichts am individuellen Leid der Menschen, die sich dadurch noch einsamer fühlen.

Die Pest selbst bleibt für die meisten lange fiktiv – „es trifft schließlich doch nur die anderen“ – bis sich die Zahl der Kranken so stark erhöht, dass bald jeder jemanden kennt, der erkrankt ist. Die Patienten sterben meist alleine und werden danach alleine begraben, da die Angehörigen selbst in Quarantäne bleiben müssen. In der Zwischenzeit wird fieberhaft an einem Gegenmittel geforscht, und mit jedem Blick auf die Statistiken und Kurven wird gehofft, dass die Pest endlich zurückgeht.

Diese und ähnliche Beschreibungen aus dem Roman erschienen mir bei der ersten Lektüre vor knapp zwei Jahren sehr fremd. Dieses Jahr ist das klarerweise nicht mehr so.

Denn auch wenn die Situation und die Zeit eine ganz andere war, gibt es sehr viele Parallelen und Schilderungen, die an unsere aktuelle Situation erinnern.

Zu erwähnen ist, dass „Die Pest" natürlich bei weitem nicht das einzige literarische Werk ist, das sich mit einer Epidemie beschäftigt. Denn Gesundheitskrisen kommen leider immer wieder vor, und diese Tatsache findet sich auch in Romanen und anderen Texten wieder. Seit Beginn der Coronakrise stoßen diese bei vielen auf besonderes Interesse. So konnte man in den letzten Monaten z.B. vermehrt Zeitungsartikel finden, die sich mit Epidemien in der Literatur beschäftigen, und auch an verschiedenen Universitäten werden dieses Semester Lehrveranstaltungen zu diesem Thema angeboten.

Antworten auf die Krise

Aber zurück zu Camus‘ Roman. In diesem werden der Pestepidemie verschiedene Charaktere und Denkweisen entgegengesetzt. Der Protagonist, der Arzt Bernard Rieux, vertritt etwa die Ansicht, dass es keinen anderen Weg gibt, als beständig gegen die Pest anzukämpfen. Er versucht, jedes Menschenleben zu retten, das er retten kann, und gibt auch nach Monaten des Alltags zwischen Kranken und Toten nicht auf. Rieux ist sich bewusst, dass er trotz aller Mühen nicht alle retten kann, doch das ist für ihn kein Grund, deswegen zu resignieren und aufzugeben.

Ähnlich wird die Rolle des Beamten Joseph Grand gezeichnet, der jeden Abend nach seinem Dienstschluss eine Reihe von freiwilligen Sanitätsgruppen mit dem Erstellen und Verwalten der Statistiken unterstützt. Grand wird im Roman als „der Held“ in der Epidemie beschrieben, denn auch wenn er scheinbar nur einen kleinen bürokratischen Beitrag leistet, so leistet er ihn, ohne dafür Anerkennung zu suchen oder zu bekommen.

Einer der Antagonisten des Romans ist hingegen der Pfarrer Paneloux. Er ist der Ansicht, die Pest sei eine „Strafe Gottes“. Dieser Charakter des Romans ist überzeugt, die Menschen hätten die Epidemie verdient, da sie zu lange in Sünde gelebt hätten. (Das ist übrigens eine Aussage, die in ähnlicher Weise auch in Bezug auf die aktuelle Pandemie getätigt wurde, oft verbunden mit dem Beschuldigen einer bestimmten Gruppe als vermeintlichen Sündenbock für die Krise.)

Fazit

In Albert Camus’ Roman steht die Pestepidemie gleichzeitig als Symbol für Krieg, Faschismus und andere gefährliche politische Ideologien. Dennoch sind die Parallelen zum heurigen Jahr beachtlich, natürlich weniger die äußeren Umstände, sondern vor allem die Beschreibung der menschlichen Reaktionen in der Krise. Die Pest ist deshalb ein guter Lektüretipp, besonders für philosophisch Interessierte, aber nicht nur.

Übrigens: Auch wenn man bei dem Begriff „Pest“ wahrscheinlich hauptsächlich an Epidemien in mittelalterlichen Städten denkt, so ist die Pest eine Krankheit, die auch heute noch auf der Welt existiert.

Der im Artikel besprochene Roman:

  • Albert Camus: Die Pest, 1947. Zitate als Übersetzung aus dem französischen Original

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