China, oder Rikscha gegen Tesla

Reisen
Anna Morandini / 12.07.2019
Blick über den Hof eines chinesischen Tempels mit vielen Menschen

Auf kaum einer Reiseliste ganz oben, brennen sich gerade hier die Eindrücke besonders stark ein. Auf Erkundungstour durch das Land der Mitte, der Drachen und Pandas.

China ist für mich jene vielspurige Kreuzung, an der eine in die Jahre gekommene Rikscha mit vier auf der Ladefläche kauernden Arbeitern laut tuckernd, ein schnittiger Tesla lautlos gleitend und unzählige E-Bikes leise surrend gleichzeitig bei Rot zur Überquerung ansetzen. Und das trotz Überwachungskameras und winkenden VerkehrslotsInnen.

China ist zeitgleich rückständig und ultramodern – vereint am selben Ort dritte Welt mit futuristischer Zukunft – und alles dazwischen. Da die beengten Hutong-Wohnsiedlungen und gemeinschaftlichen Hocktoiletten, dort der 350 km/h Hochgeschwindigkeitszug und der zweithöchste Wolkenkratzer der Welt.

China ist als autoritärer Überwachungsstaat mit Social Crediting System in aller Munde. Als ReisendeR hier fühlt man sich äußerst sicher, aber auch ständig beobachtet durch allerorts gegenwärtige Überwachungskameras und -organe sowie ständige Sicherheitskontrollen vor jeder U-Bahn-Fahrt.

China ist vor allem auch menschenreich – 1,4 Milliarden sind für das Land der Mitte und seine Regierung Bürde und Chance zugleich. Und das wo ChinesInnen als laut, chaotisch und nicht regelbefolgend (zumindest intrinsisch moralisch) gelten. Auf Chinas Straßen erlebt man jedenfalls sowohl chaotisches Verhalten als auch den ungeheuren Einsatz menschlicher Arbeitskraft in allen Bereichen – seien es die zahllosen Überwachungsorgane, VerkehrslotsInnen oder Reinigungskräfte.

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Shanghai – die Megastadt

China weiß schon am ersten Tag unserer Reise sämtliche Klischees zu zerstören. Die Luft ist erstaunlich klar (erst am letzten Tag erleben wir in Peking 280 Mikrogramm auf jener Smogskala, für die die WHO einen Höchstwert von 25 empfiehlt – ein Wert der selten geworden ist, seit die chinesische Regierung den Umweltschutz für sich entdeckt hat), zwischen allen Häuserblöcken wachsen unzählige Bäumen. Alle Straßen, die sich zweistöckig durch die 26 (!) Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai ziehen, scheinen lückenlos von Blumenkisten gesäumt. Die U-Bahn ist modern, sauber und leise, wirkt fast schon steril. Die Menschen sind individueller und modischer gekleidet, als man das von den Straßen Wiens kennt.

Vom 632 Meter hohen Shanghai Tower erblickt man nachts die Lichter einer sich schier endlos auszudehnen scheinenden Stadt (und tatsächlich ist sie flächenmäßig annähernd so groß wie das Land Salzburg). Selbst viele Hochhausblöcke wirken von hier wie Lego-Siedlungen. Am Fluss Huangpu kreuzen sich hell beleuchtete mehrstöckige Touristenschiffe mit unbeleuchteten Frachtkähnen. Auch von hier ist der Ausblick auf die blinkende und leuchtende Skyline der Stadt atemberaubend. Mit dem Schiff geht es dann die belebte Promenade entlang, immer umgeben von modernsten Wolkenkratzern, bis sich der Himmel lichtet ob der niedrigen Häuser aus europäisch-kolonialen Zeiten.

Viel geruhsamer, lässt man die sich durch die Gassen schiebenden Touristenmassen außer Acht, wirkt das „Venedig des Ostens“ – die Wasserstadt Zhouzhuang. Hier reihen sich traditionelle chinesische Häuser und Tempel aneinander, Boote mit singenden KapitänInnen gleiten durch die Kanäle und in den engen Gässchen preisen chinesische HändlerInnen ihre farbenfrohe und teils auch geruchsintensive Ware an und feilschen um jeden Renminbi (Yuan).

Ebensolche Szenen zeigen sich in einem zentralen Park Shanghais, in dem verzweifelte Mütter ihre Kinder mit Plakaten auf Schirmen auf einem improvisierten Heiratsmarkt zu vermitteln suchen. Wichtiger als Aussehen sind hier das Einkommen, der soziale Status und das staatliche Wohnrecht für die Stadt Shanghai. Staatliche Propaganda aus früheren kommunistischen Zeiten zeigt erstaunlich offen das Propaganda-Museum – auf den ausgestellten Plakaten steht die Fratze Amerikas den braven, verbrüderten kommunistischen ArbeiterInnen entgegen während andere schlicht das Glück chinesischer BürgerInnen zeigen.

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Peking und das Nationalmuseum

Vier Tage, so heißt es, soll man sich in Peking für das chinesische Nationalmuseum und seine umfassenden Schätze chinesischer Kultur (bzw. jener kleinen Teile, die nicht nach dem Bürgerkrieg nach Taiwan geschafft wurden) Zeit nehmen. Doch schon wenige Stunden geben Einblick in die Vielfalt – von Seidenstraße, über Kaiserzeit bis zum modernen kommunistischen Staat (mit interessanten Einblicken in die chinesische Selbstdarstellung: „After the founding of the People’s Republic of China, the three big mountains of imperialism, feudalism and bureaucrat-capitalism, which had long oppressed the Chinese people, were overthrown, and national independence, liberation of the people and the great unity of China’s ethnic groups were achieved [...]. Building socialism in China is the inevitable outcome of modern Chinese history.“)

Vom Nationalmuseum führt der Weg über den riesigen, aus den Medien unter anderem wegen der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 bekannten, Tianmen-Platz zum repräsentativen, rot gestrichenen und von einem überdimensionalen Porträt des historischen Kommunisten-Anführers Mao Zedong gesäumten Eingang zur verbotenen Stadt, die einst der kaiserlichen Familie vorbehalten war. In dieser betritt man, gemeinsam mit dem Menschenschwall der vor allem chinesischen TouristInnen, immer neue ähnlich gestaltete Höfe, an deren Ende man wieder eines der charakteristisch rot gestrichenen, mit bunten Tafeln verzierten Gebäude mit geschwungenem Dach durchquert, um den nächsten derartigen Platz zu betreten.

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21.000 Kilometer auf einer Mauer

Noch viel ausgedehnter ist freilich das Symbol Chinas schlechthin, die chinesische Mauer, die sich auch in der Nähe Pekings erkunden lässt. Es ist das Wissen um ihre Länge von mehr als 21.000 Kilometern (und der Mythos ihrer Sichtbarkeit vom Mond), das die Wanderung über kleine Teile so einzigartig macht. Pausenlos passiert man Türme und sieht wie sich die „Great Wall“ in weiterer Distanz durch die grün verwachsenen Berge windet.

China, das ist indes so viel mehr als Shanghai, Peking und die Chinesische Mauer. Das Land mit einer mehr als dreimal so großen Fläche wie die gesamte EU, ist im Süden ähnlich warm wie Hawaii, kämpft im Zentrum mit Wüsten und im Norden mit russischer Kälte und Schnee. Auf der Liste vieler Reisender stehen etwa die alte Hauptstadt Xi’an samt Terrakotta-Armee, das Shaolin-Kloster und Kung Fu - Geburtsort Luoyang, der Fluss Yangtze, die Panda-Heimat Chengdu, das ehemals britische Hongkong und das weltberühmte „Dach der Welt“ Tibet. Bei einer Fahrt durch das Hinterland können aber auch schlicht die vielen Grün- und Anbauflächen, in denen die Zeit noch stehengeblieben zu sein scheint, beeindrucken.

Auch kulinarisch ist China aufregend anders. Einerseits lernen viele die facettenreiche chinesische Küche mit ihrer Sojasauce und dem vielen Gemüse zu schätzen, andererseits sind die Schärfe, Geschmäcker und Hygienestandards für europäische Mägen erst mal gewöhnungsbedürftig. Am Markt kann man sich neben Frühlingsrollen tatsächlich Tausendfüßler, Skorpione und Insekten reichen lassen. Ganz im Gegensatz zu Glückskeksen, die eine Erfindung chinesischer Lokale im Westen sind.

Gerade für westliche Reisende relevant ist, dass China um sich die „Great Firewall“  (sozusagen die digitale Great Wall 2.0) geschaffen hat und daher der Zugriff auf Google, WhatsApp, Facebook und Co nicht ohne weiteres möglich ist. Lösungen sind VPN-Dienste, die die chinesische Isolation umgehen oder die Nutzung chinesischer Apps, allen voran der Universaldienst WeChat (für Chinesen staatlich überwachtes WhatsApp, Uber, Bankomatkarte, Facebook, Skype in einem).

Wer sich auf China einlässt, wird (auch abgesehen von einem etwaigen Kulturschock) reich belohnt. Das Land ist in vielem diametral gegensätzlich zu Österreich, aber sicher zu bereisen, und gerade daher so interessant. Es strahlt eine enorme Vielfalt und Dynamik aus, die einen in den Bann zieht und Verständigungsprobleme vergessen lässt. Auf der chinesischen Mauer gestanden zu sein, am Shanghai Tower, in der verbotenen Stadt – es sind Erlebnisse die sich einbrennen. Und doch ist es zuallererst jene Kreuzung, die ich für immer mit China verbinden werde.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 21.08.2019 bearbeitet.

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