COP in MyCity – simulierte Klimaverhandlungen

Engagement
Nicole Greiderer / 08.05.2019
Mikro

Donnerstag, halb zehn Uhr morgens. Der Sitzkreis in einem der Räume an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Salzburg füllt sich langsam. Das an sich unscheinbare Unterrichtszimmer passt so gar nicht zu dem, was hier gleich über die Bühne gehen soll: Im Rahmen der Green Days 2019, wo sich für 200 Schülerinnen und Schüler drei Tage lang alles ums Thema Umwelt- und Klimaschutz dreht, haben sich 18 davon für diesen Workshop angemeldet, in dem man in die Schuhe der Regierungschefs dieser Welt schlüpfen kann.

Der Workshop heißt „COP in MyCity – Die Klimaverhandlungssituation“. Die echte COP, also die „Conference of the Parties“ ist die jährlich stattfindende internationale Klimakonferenz, und genau die sollen die Jugendlichen heute nachstellen. Max und Max, zwei Studenten an der Wiener Uni für Bodenkultur, leiten die Diskussion und erklären, wie das Ganze abläuft. Wie den „Großen“ ist ihnen nämlich ein ganz konkretes Ziel gesteckt: Die Klimaerwärmung bis zum Jahr 2100 auf maximal 2 Grad Celsius zu beschränken. Dazu werden sie in Gruppen eingeteilt: 6 Interessensgemeinschaften werden in der Simulation verhandeln – USA, EU, China, Indien, die anderen Industrie- und Entwicklungsländer.

Es wird also durchgezählt. Unruhe bricht aus: „Hey, wir kommen nicht zusammen in eine Gruppe!“ Also politische Verhandlungen mit Fremden. Schnell stellen sich die neu gebildeten „Regierungen“ untereinander vor. Unterlagen zum besseren Verständnis der individuellen Ausgangssituation werden verteilt. Es gilt nun, die Interessen des Landes, das man für die nächsten zwei Stunden regieren wird, so gut wie möglich zu verstehen und zu vertreten – und dabei die eigene Meinung außen vorzulassen. So sollen Maßnahmen gegen die Erderwärmung getroffen und ausgearbeitet werden, die in der anschließenden Verhandlungsrunde den anderen Verhandlungsparteien präsentiert werden. Genug Diskussionspotential ist also gegeben. Um wie viel Prozent kann der Emissionsausstoß verringert, die Abholzung eingedämmt werden? Ab wann sollen diese Maßnahmen in Kraft treten? Und welche wirtschaftlichen und politischen Aspekte müssen dabei beachtet werden? In den USA ist man sich einig: Der Feind ist das wirtschaftlich starke China, das den unumstrittenen Platz eins auf dem Weltmarkt streitig macht. Der Plan: „Wir beschließen gar nichts bis China nichts beschließt.“ Und dann beginnt die erste Verhandlungsrunde, moderiert von Max.

An einem langen Tisch sitzen die Abgesandten der einzelnen Parteien vor kleinen Schildchen mit ihren Flaggen drauf. In ihren Freizeitklamotten und noch nicht wirklich vertraut mit der künstlich förmlichen Atmosphäre fühlen sich die Möchtegern-PolitikerInnen anfangs noch ein wenig fehl am Platz, doch mit der Zeit legt sich auch das. Die USA haben als erste das Wort. Der Egotrip ist leicht zu spielen, die Denkhaltung bequem. China und die anderen Entwicklungsländer präsentieren ihre Werte, Indien, dann die anderen Industrienationen. Verschiedene Verhandlungstaktiken kristallisieren sich heraus, doch noch will kein Land seine Intentionen preisgeben. Immer wieder schielen die Verhandelnden verstohlen auf die Simulation auf der Leinwand hinter ihnen, die in Echtzeit zeigt, wie die ausverhandelten Werte die Klimaerwärmung beeinflussen. Von den 2 Grad ist man noch weit entfernt, als die erste Verhandlungsrunde geschlossen wird.

Sofort geht es zurück in die Kleingruppen. In den USA ist man sich wieder einig: „China muss mehr tun.“ Um das zu erreichen, hat ein Regierungsmitglied schon eine Taktik parat: Die USA werden ihre Werte auf ein vorbildliches Niveau anpassen und wollen so Druck erzeugen und China zum Nachziehen bewegen. Ein Vertreter der anderen Industrieländer kommt auf die Vereinigten Staaten zu. „Seid ihr vielleicht an einer gemeinsamen Unterstützung für Indien interessiert?“ „Nur, wenn Indien seine Ziele viel früher umsetzt.“ Man kann sich nicht einigen, ehe der Startschuss zur zweiten Verhandlungsrunde fällt. Der Druck auf Indien steigt, aber dessen Verhandlungsführerin bleibt hart: „Wir haben nicht dieselben Voraussetzungen wie die Industrienationen, das bitten wir, zu berücksichtigen. Stattdessen könnten ja die reichen Länder mehr tun und uns unterstützen.“ Aber auch die USA geben nicht nach. „Wie gesagt: Wir können Indien dann unterstützen, wenn es uns auch entgegenkommt und seine Maßnahmen früher umsetzt.“

cop1.png

Knallhart verhandeln nun die ParteienvertreterInnen. Alle wollen das Beste für ihr Land, gleichzeitig ist niemand bereit, mehr zu tun als andere. Schlussendlich können sich dann doch mehrere Staaten in ein paar Punkten einig werden. Nun fordern auch die anderen Entwicklungsländer Unterstützung, die EU sagt sofort zu. Die USA ist da vorsichtiger: Ohne Absprache mit den anderen Regierungsmitgliedern wird die Verhandlerin nichts beschließen.

Wieder Pause, die nächste Verhandlungsrunde wird die letzte sein. Es geht ums Ganze, das drohende Scheitern flimmert in Form der 2,4 Grad über die Leinwand hinter dem langen Tisch. Und auch die Stimmung ist jetzt längst nicht mehr so entspannt wie am Anfang. Fast vergessen die Jugendlichen, dass sie sich nur in einer simulierten Situation befinden. So auch die Verantwortlichen der USA. Sie haben einen Plan: Mit weiteren Zugeständnissen wollen sie Indien und China aus der Reserve locken. Die anderen Industrieländer sind weiterhin verhandlungsbereit und wollen über finanzielle Unterstützung diskutieren. Doch die US-Regierungsmitglieder lehnen ab: „Wir ziehen das lieber allein durch.

Und so geht es in die letzte Verhandlungsrunde. Diskussionen, Vorschläge, Kompromisse. Die Unterhaltung wird hitziger, denn auch die nicht am Verhandlungstisch sitzenden Regierungsmitglieder mischen sich jetzt aus dem Publikum ein. Der Lärmpegel steigt, was nicht unbedingt zur Auflockerung der Stimmung beiträgt. Jedes noch so kleine Zugeständnis muss hart erkämpft werden. Die Vereinigten Staaten nehmen Indien in die Mangel, bis es den anderen Entwicklungsländern reicht. „Wir finden es nicht in Ordnung, dass die USA immer nur Indien angreift! Indien ist halt nicht so eine starke Industrienation, dass sollen die USA bitte einmal berücksichtigen und sich selbst an die Nase nehmen.“

Das war die Vorlage für den Plan der USA: Sie bieten China ihren ausgearbeiteten Plan an. Auch Indien gibt sich jetzt plötzlich kooperationsbereit, der Plan geht auf. Doch nun wollen auch die anderen Entwicklungsländer profitieren und schrauben ihre Maßnahmen drastisch zurück. Die Verhandlungsparteien werfen wieder einmal einen Blick über die Schulter: Gerade war die Simulation auf 2,0 Grad gefallen – jetzt steigt sie wieder auf 2,1. Aus dem Publikum heraus verhandelt ein Politiker der anderen Entwicklungsländer gnadenlos mit dem Abgesandten der EU, der recht verzweifelt nach Argumenten sucht. Nach langen Ringen um jeden Prozentpunkt bei den Emissionswerten erzielen die anderen Entwicklungsländer mit dieser Taktik noch eine Einigung, eine weitere Kooperation mit den USA.

Gerade rechtzeitig: Max erklärt die Klimaverhandlungssituation für beendet. Ein letzter Blick auf die Gradanzeige: Die SchülerInnen haben es geschafft, die Klimaerwärmung auf 2,0 Grad zu begrenzen. Merklich fällt der Stress von ihnen ab und weicht einem berechtigten Stolz, immerhin haben Laien gerade eine Klimakatastrophe verhindert – zumindest in der Theorie. Wenn Sechzehn- bis Zwanzigjährige das können, kann es die Politik auch. Oder?

 

@jugendportal auf Instagram

Jugendportal.at wurde zuletzt am 11.12.2019 bearbeitet.

Partner