Das Kino ist nicht tot

Kultur & Events
Lara Ritter / 28.03.2019
Diagonale Leitungsteam

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber sind die Intendanten der Diagonale, die am Sonntag zu Ende ging. Im Interview erzählen sie, wie sie die Festivalfilme auswählen und wieso sie das Klischee über österreichischen Film für falsch halten.

 

Heute ist der letzte Tag der Diagonale. Was waren eure persönlichen Höhepunkte?

Schernhuber: Es ist schön, wenn man Filme auswählt und merkt, dass sie angenommen werden, weil die Kinosäle voll sind und die Leute eine Freude mit dem Programm haben. Dann ist das gewissermaßen nicht nur eine Bestätigung für uns, sondern auch für die Filmschaffenden. Andersrum gesagt, sind wir auch abhängig von ihrem Vertrauen, wenn sie sich entscheiden ihre Filme bei der Diagonale zeigen. Wird diese Entscheidung durch Publikumszuspruch, Resonanz und Reaktionen auf diese Filme bestätigt, ist das als Festival-Macher sehr beglückend.

Habt ihr diese Jahr Themenschwerpunkte gesetzt? 

Höglinger: Bei der Auswahl haben wir keine inhaltlichen Vorgaben, es geht darum welchen Anspruch der Film an sich selbst hat und ob er diesen erfüllt. Aber natürlich haben wir mit unserem Rahmenprogramm auch Themensetzungen, die nicht in den Wettbewerb hineinspielen. Im historischen Special ging es heuer unter anderem um Weiblichkeitsbilder im österreichischen Film und um analoge Aufführmöglichkeiten in Österreich, ein Thema das jedes Jahr behandelt wird. Die Diagonale-Woche ist die einzige Möglichkeit außerhalb von Wien analoge Filmkopien im Kino zu sehen. Das Thema ist so gesehen ein kleiner kulturpolitischer Auftrag in die Zukunft zu denken, wie filmkulturelles Erbe überdauern kann.

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Bei der Diagonale werden auch Experimentalfilme gezeigt. Mit einem Blick auf die letzten zwanzig Jahre: Wird es immer schwerer avantgardistisch zu sein?

Höglinger: Ich würde sagen der Begriff Avantgarde ist überholt. Aber das Segment, das vielleicht daran anschließt und früher einmal Avantgarde war, heißt bei uns innovatives Kino. In der Kategorie versammeln wir Experimentalfilme, Anmiationsfilme und Musikvideos. Da tut sich unglaublich viel und Österreich genießt nach wie vor auch international ein unglaubliches Renommee. Ein Beispiel ist der junge Filmschaffende Johann Wurf, dessen Film „Star“ im Vorjahr unseren Wettbewerb im innovativen Kino gewonnen hat. Zurzeit ist er auf Festivals weltweit unterwegs, die Zahl steigt langsam ins dreistellige. Der Film ist, wenn man eine alte Begrifflichkeit mit einer neuen mischt, so etwas wie ein Avantgarde-Blockbuster.

Was macht den Film anders als andere Filme?

Höglinger: Er hat aus der gesamten Filmgeschichte Sternenhimmel abstrahiert, also Aufnahmen auf denen man nur den Himmel sieht. Vom ganz frühen Kino, wo das teilweise noch mit Pappkartons ausgeschnittene Sterne sind, bis ins Jetzt. Es ist ein Film der von Jahr zu Jahr anwächst. Wir haben ihn gestern in der neuen Version gezeigt und uns vorgenommen ihn solange wir das Festival leiten jedes Jahr zu spielen. Interessanterweise gibt es bei dem Film keinen geschlossenen Bogen, man sie bloß die Ausschnitte, mit Musik im Hintergrund oder stumm, je nachdem was darin zu sehen ist. Das ist eine Kakophonie der Himmelsbilder und ein ganz eigenartiges Kinogefühl. Man verliert sich richtig, kann sich nicht orientieren, schläft meistens ein zwischendurch, wacht auf und ist immer noch im Sternenhimmel. Das ist ein total faszinierendes, auch sehr körperliches Erlebnis. 

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Hat Film auch die Aufgabe zu verwirren und perplex zu machen?

Schernhuber: Das ist eine schöne Frage, normalerweise funktioniert die immer gegenteilig, es wird gefragt ist es die Aufgabe von Film politisch zu sein, oder Dinge zu erklären. Generell glauben wir, dass Film, so wie Kunst, gar keiner Aufgabe folgen muss. Bestenfalls ist Kunst frei. Aber natürlich geht es dabei auch oft um Verwirrung, Irreführungen und um Wegfährten die sich vielleicht einmal verlaufen oder in eine andere Richtung wuchern. All das klingt dann schon sehr nach Poesie und klar ist es schön, wenn Filme genau das auch machen und einen überraschen.

Gibt es bei den eingereichten Filmen Fehler die sich oft wiederholen?

Höglinger: Ich weiß nicht ob man das so klassisch Fehler benennen kann, ich würde mir nicht anmaßen wollen zu sagen ein Film sei fehlerhaft. Es ist die Frage, ob der Film als ganzes funktioniert. Was man oft sehen kann, gerade bei jungen Filmschaffenden, ist,

dass sie nicht richtig an der eigenen Handschrift arbeiten, sondern versuchen ein Stück weit nachzuahmen. Das funktioniert dann nur bedingt, beziehungweise wird es interessant, wenn im Laufe der Arbeiten sich trotzdem eine eigene Form herauskristallisiert. Doch auch da würde ich nicht von Fehlern sprechen. 

Welche Filme haben eine Chance auf der Diagonale gezeigt zu werden? Wonach wählt ihr aus und wann sagt ihr „das ist ein Film den wir zeigen wollen“?

Schernhuber: Prinzipiell versuchen wir immer den Anspruch des Films an sich und sein Vorhaben zu definieren und dann abzuklären inwiefern dieser Anspruch gelingt. Das ist eine Methode, die es erlaubt Filme unterschiedlicher Genres zu vergleichen. Ansonsten ist es sehr schwierig gleichzeitig über Spielfilm, Dokumentarfilm und experimentelles Kino zu sprechen. Vor allem, wenn man mit einer Filmszene zu tun hat wie in Österreich, die irsinnig divers und breit gefächert ist. Da braucht es einen gewissen Maßstab und in den letzten Jahren hat es sich als sehr brauchbar erwiesen zu schauen was ein Film erreichen will, worum es geht und wo er hinwill, sowohl formal als auch inhaltlich, und inwiefern er dieses Versprechen halten kann.

Dieses Jahr hat der Film „Chaos“ von Fattahi Raja, in dem es um die Kriegstraumata dreier syrischer Frauen geht, den Spielfilmpreis gewonnen. Was macht diesen Film zu einem Gewinnerfilm?

Höglinger: „Chaos“ behauptet sich nicht sehr laut, sondern es ist eine kleine, sehr feinfühlige und poetische Arbeit, die auch dem Publikum einiges abverlangt, weil sie nicht in der klassischen Narration funktioniert. Es ist ein sehr überraschender und unkonventioneller Gewinnerfilm, der viel über das Label österreichischer Film aussagt. Sarah Fattahi ist eigentlich syrische Filmemacherin, die vor drei Jahren nach ihrer Flucht aus Syrien in Wien angekommen ist. Sie hat sich hier ein neues Leben aufgebaut und mit der kleinen österreichischen Produktionsfirma „Magnet Films“ dieses Projekt realisiert. Als der Film in Locarno gewonnen hat, ist in der österreichischen Presse kaum zu lesen gewesen, dass ein österreichischer Film einen Preis gewonnen hat. Erst nach und nach kommt ein Verständis dafür auf, dass österreichischer Film nicht heißt, dass der Regisseur/die Regisseurin hier geboren ist und das ist etwas, das wir beim Festival auch abbilden wollen.

Was macht österreichischen Film eigentlich aus?

Schernhuber: Es ist genau diese Diversität und Breite. Der österreichische Film kann viele Rollen bekleiden, mehr als man ihm dem Klischee nach zutraut. Es gibt ein sehr vehementes Klischee, dass er grau ist und trist ist und, dass es nicht so ist, haben wir die letzten Tage durch unser Filmprogramm gezeigt. Vielleicht ist die einzige definitive Charaktereigenschaft die man ausmachen kann, dass österreichischer Film divers ist, an unterschiedlichen Ecken und auf unterschiedlichen Ebenen spielt, seien es Filme, die internationale Festivalerfolge feiern, oder absurde Arbeiten wie „Star“. 

Wie verändern Streamingplattformen wie Netflix und Co. die österreichische Filmbranche? 

Schernhuber: Ich finde das ist ein Stück weit eine Modediskussion, die mit der österreichischen Kultur sehr wenig zu tun hat. Natürlich gibt es Regisseure wie Stefan Ruzowitzky und Andreas Prochaska, die mit großen Anbietern zusammenarbeiten und Serien produzieren, aber auf die große Breite des österreichischen Films hat Netflix wenig Einfluss. Es ist wichtig, dass man diese Diskussionen in Cannes führt, oder auf der Berlinale, wo Fragen im Raum stehen wie „Sollen diese Filme im Wettbewerb laufen?“ und „Wie geht man damit um, dass Anbieter Filme kaufen und für die Verwertung vorsehen, dann aber nicht rausbringen und somit Filme in der Schublade landen?“. Bei uns ist das im überschaubaren Maße wichtig. Umgekehrt wichtig sind die Fragen „Gehen die Leute noch ins Kino?“ und „Sind Streamingplattformen eine Konkurrenz die das Kino kaputt machen?“. Da haben wir die klare Haltung, dass Streamingplattformen im besten Fall nur bereichernd sein können. Es bringt nichts so zu tun als wäre das Kino deswegen tot, das stimmt einfach nicht.

Wie denkt ihr kann man junge Leute dazu bewegen ins Kino zu gehen?

Schernhuber: Das ist ein Thema das wir heuer beim Filmmeeting groß und breit diskustiert haben. Es hängt mit vielen Fragen zusammen, unter anderem damit was das Kino überhaupt noch ist, was es leisten kann und wie es architektonisch aussieht. Es hängt natürlich auch stark mit den Inhalten zusammen. Bei der Diagonale haben wir die glückliche Situation, dass es ein sehr junges Publikum gibt, das sich für österreichischen Film interessiert und kommt, um an den Gesprächen teilzunehmen.

Höglinger: Heuer gab es erstmals einen großen Vermittlungstag in der Helmut-Liszt-Halle für tausend Schüler und Schülerinnen. Wenn man tausend junge Leute im Saal sitzen hat die österreichische Kurz- und Experimentalfilme ansehen und nachher beherzt diskutieren, dann macht das natürlich was aus. Man braucht es nicht schönreden, es wird die Welt nicht verändern. Aber es ist trotzdem ein Zugang der gelegt wird, um zu verstehen was Kino davon unterschiedet Zuhause mit dem Beamer Filme zu schauen. Es geht darum die soziale Komponente zu erfahren und man merkt, dass viele junge Leute mit dem Festival mitwachsen.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 18.11.2019 bearbeitet.

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