Denken, Sprache und Ich

Wissen
Karla Arzberger / 19.08.2016
 
 
 

Sprache als der Bestandteil unserer Dreiecksbeziehung, die mich und das Denken betrogen hat 

Grundsätzlich denke ich, dass viele Gedanken schwer zu erklären sind, weil uns oft die Worte fehlen, schier und einfach weil es nicht genügend passende Wörter für die Vielzahl an mannigfaltigen Gedanken gibt. Grundsätzlich denke ich auch, dass Sprache begrenzend und verwirrend ist. Und grundsätzlich denke ich letztlich, dass Gedanken viel besser geeignet sind, um Dinge darzustellen, als es Worte jemals sein werden.
Deshalb wünscht mir Glück, denn wenn man sich ansieht, was ich eben für Eigenschaften meiner selbst offenbart habe (Wortkargheit, Verwirrung und Verdruss über die menschliche Sprache), könnte man denken, ich wäre A) etwas bekloppt und taubstumm oder B) alles andere als geeignet dafür, diesen Artikel über meine Hassliebe zur Sprache zu beenden.
Beginnen wir damit, was mich grosso modo so unglaublich stört: Sprache verspricht uns Dinge, die sie nicht einhalten kann. 
 
 

Eine „philosophische Abhandlung“ ohne Lehrfaktor

1. Sprache sollte Trägerin von Sinn und Überlieferung sein.


Wow. Um das gleich auf meine gegenwärtige Situation umzumünzen: Sollte ich mich nicht recht irren, habe ich bis jetzt in Worten mit euch „kommuniziert“, aber recht viel Sinn dahinter erkenne ich bis jetzt noch nicht. Unterstreicht meinen Punkt ja zuvorderst ziemlich gut: Gedanken sind oft viel zu komplex um sie in Worte zu fassen. (Es sei dahingestellt, ob ich, wenn ich bis dato in Gedanken mit euch kommuniziert hätte, mehr Sinn in meine Message packen hätte können…)
Aber abgesehen davon und jetzt mal ganz ehrlich: Ich glaube tendenziell wird mit Worten mehr Müll überliefert als wertvolles Gedankengut. 
 
2. Sprache ist Schlüssel zur Welt.
Okay, das hört sich ja ganz nett an, denn Weltoffenheit ist Grundstein für so vieles weiteres, wie Toleranz und Menschenverständnis. Wobei, ist Sprache uns hier nicht eigentlich eine Barriere? Da ich nicht alle Sprachen die es weltweit gibt spreche, kommt es mir eher so vor als wäre sie genau eines in der internationalen Kommunikation: unnütz. Egal welche noch so schlaue Website man aufsucht, wie viele Sprachen es genau gibt, scheint umstritten. Höchstgebot: 8.000. Wenn wir diesen Richtwert mal als das Wahre ansehen, sind die 3 Sprachen die ich glaube zu beherrschen dann eben nicht Schlüssel zur Welt, sondern die 7.997, die ich nicht spreche, kleine Vorhängeschlösser vor den dazugehörigen Kulturen. Shame on me, aber richtig weltoffen machen mich mein besserwisserisches Deutsch, mein schlecht betontes Englisch und mein (dafür-dass-ich-es-vier-Schuljahre-lang-als-Fach-hatte-viel-zu-) lückenhaftes Spanisch nicht. 
 
3. Sprache ist Schlüssel zum Selbstverständnis. 
Okay, jetzt muss ich wirklich schon fast schmunzeln. Selbstverständnis setzt, denke ich, voraus, dass man sich selbst versteht - erst mal hier großes Fragezeichen meinerseits. Auch abgesehen davon glaube ich, dass mir Sprache auf der Suche nach dem Sinn meines Daseins eher kontraproduktiv und abstrus war. Wer nicht mal versteht, ob sein Körper wirklich Hunger hat oder wirklich müde ist, oder ob man gerade nur aus Langeweile isst oder schläft, sollte sich nicht fragen, ob Sprache der Schlüssel zum Selbstverständnis ist. Wenn ich nicht mal meine primitivsten Triebe richtig interpretieren kann, kann ich schon gar nicht Sprache verwenden, um mich selbst zu verstehen bzw. mich selbst mit mir zu verständigen. Man muss ja bekanntlich vom Kleinsten beginnen sich hochzuarbeiten. 
 
4. Sprache ist zentrales Mittel zwischenmenschlicher Verständigung. 
Now you got me. Würde es Statistiken geben, wie oft etwas falsch verstanden wird, wäre der „Missverstanden“-Balken sicherlich unverhältnismäßig riesig und der „Wow-was-ich-sagen-wollte-ist-angekommen“-Balken mickrig. Sprache ist vielleicht Mittel zwischenmenschlicher Verständigung, aber als zentrales Mittel haben Geld, Macht, Gewalt und Sex die Sprache schon längst überrundet. Und zwar mehrere Male.
 
 

Jetzt Schluss mit sarkastischem Pessimismus, wo bleibt die rationale Begründung?

Gut. Dinge sagen (vor allem schlechte) ist ja bekanntlich einfacher, als diese zu begründen. Deshalb, nach meiner philosophischen Abhandlung ohne Lehrfaktor, erst mal eine Begründung meinerseits, wieso ich denke, dass das alles so ist, wies nun mal ist.
Ich glaube, dass Sprache unglaublich begrenzend ist. Ich glaube, dass in unser aller Köpfen oft so viele rauschende, lebende, gedeihende, wundervolle Ideen entstehen, die auf ihrem Weg in die Welt, nämlich über unsere Sprache, auf ein Minimum zugeschnitten werden müssen. Alleine, dass es 5.3 Millionen Wörter gibt, und wir durchschnittlich nur 8.000 - 10.000 kennen, spricht für sich. Man kann sie einfach nicht alle wissen: begrenzend. Ich wünsche mir etwas, nach dem schon viele SprachskeptikerInnen um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts verlangt haben: eine Art von Sprache, die alle Facetten des Menschen beinhaltet. Ich will, dass jeder Gedanke in seiner puren Schönheit in die Welt hinaus kann, ohne von den Begrenzungen der Sprache zurechtgeschnitten werden zu müssen. 
 
Mit der paradoxen Beziehung zwischen Sprache und Denken haben sich schon so viele Menschen vor mir beschäftigt. Die Erkenntnisse, die es bereits in diesem Bereich gibt, sind einfach so unglaublich tiefgehend und überwältigend, dass ich eigentlich gar nicht behaupten darf, mich im Gegensatz zu all diesen schlauen Menschen damit „beschäftigt“ zu haben. Ich habe besser gesagt nur mal kurz an der Oberfläche gekratzt und trotzdem bin ich seither so von diesem Thema fasziniert, dass es mich manisch verfolgt. Wie oft erging es mir schon so, dass ich einen Gedanken gefasst habe, etwas ganz genau sagen wollte, aber einfach keine Worte dafür hatte. Zu oft. Und das macht mich einfach nur böse. Oder stelle ich einfach nur utopische Ansprüche?
 
Falls irgendjemand bis hierher gelesen hat, hier mein letztes und wohl auch wichtigstes Statement: Menschliche Sprache, ich verzeihe dir. Vermutlich sind wir alle zu dumm dich zu verwenden. Wie sollte es sonst anders sein, denn es gibt sie ja: Diese Genies, die es schaffen unsere Sprache so optimal und punktgenau einzusetzen, um uns genau mitzuteilen, was sie denken. Unsere geliebten Sprachwissenschaftler, Philosophen und Autoren. Goethe, Zweig, Wittgenstein, Hofmansthal, Tucholsky oder Freud und all jene AutorInnen, die mich mit ihren Texten berührt haben, sind hier die wahren HeldInnen und scheinen verstanden zu haben, um was es geht.
 
 

Eine Entschuldigung meinerseits

Ich möchte noch sagen, dass ich absolut nicht als Oppositionelle der Sprache gelten möchte. Ich finde abgesehen davon, dass sie das Schrecklichste auf der ganzen Welt ist auch, dass sie das Schönste auf der ganzen Welt ist. Und da haben wir’s schon wieder. Was ich genau für Sprache empfinde, ist ein ganz klarer Gedanke in meinem Kopf, unterstrichen von vielen Gefühlen, Erfahrungen und Farben, umgeben von Bildern, Geräuschen und verflochten in ein Netz von weiteren Gedanken - doch das in schwarze Buchstaben auf weißem Dokument nieder zu tippen: unmöglich. 
 
Big Shoutout an alle SprachwissenschaftlerInnen und Autorinnen da draußen, ich bin hier gerade kläglich gescheitert.
 

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