Der blaue Bumerang oder Das Ding mit der Schuldumkehr

Politik
Fridolin Blasl / 21.05.2019
HC Strache Rücktrittsrede

Nach der Veröffentlichung der Ibiza-Videos gab FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache schnell seinen Rücktritt bekannt. Doch es war kein reuiger Abgang. Keine Eingeständnisse der Illegalität des eigenen Tuns, sowie die versuchte Verscherbelung der Kronen Zeitung, großer Bauaufträge und mehr an die falsche russische Oligarchin. Der letzte Auftritt auf der Polit-Bühne beginnt mit einer Mischung aus Halbwahrheiten, Lügen und verschwörungstheoretischen bzw. paranoiden Erklärungen, die die Tatsachen umzukehren versuchen. Hier ein paar Highlights der 10-minütigen Rede: Strache startet mit der Unschuldslamm-Taktik. „Das Gerücht lag schon länger in der Luft, dass über das Ausland wahlbeeinflussendes Dirty-Campaigning, oder geheimdienstlich gesteuerte Aktionen zu befürchten sind. […] Man hat schon oft versucht mich zu Fall zu bringen.“ Aufgepasst. Wer bringt denn da wen zu Fall? Er den Staat mit seinen Orbán-Avancen oder deckt man da nicht vielmehr auf, wie leicht er von einer russischen Oligarchen-Tochter in eine Falle zu locken ist und in Folge alle seiner umstürzlerischen, totalitären Ideen preisgibt?  Man beachte den gekonnten Einsatz des Wortes „man“. Es verschafft Interpretationsfreiraum und ist eine indirekte Schuldzuweisung. Aber der Bumerang ist gerade erst geworfen: „Ich habe in den letzten 3 Jahren viele Bösartigkeiten miterleben müssen. Was aber hier vor 2 Jahren inszeniert wurde, hat eine völlig neue Dimension. Hier wurde in Silberstein-Manier eine Schmutzkübel und-Desinformationskampagne gestartet, die an Perfidie und Niederträchtigkeit nicht zu übertreffen ist.“  Beachten wir zuerst die Wortwahl: Strache verwendet hier das Silberstein-Framing und setzt die Gesamtsituation der Aufdeckung seiner Staatsstreich-Pläne mit der nach wie vor nicht geklärten Affäre um den Polit-Berater Tal Silberstein gleich. Dass Silberstein Jude ist, vermag uns hier nicht zu überraschen, denn was ist eine Rücktrittsrede ohne antisemitische Codes? Strache meidet aktive Verb-Formen, sowie das Präsens und verleiht mit dem Einsatz von Fremdwörtern, die er ob ihrer Schwierigkeit vom Zettel ablesen muss, der Angelegenheit die verbotene Aura.

Zerlegen wir nun die Lügen: Desinformation ist (laut Duden) eine gezielte falsche Information zum Zwecke der Täuschung. Nur ist die Kasuistik umgekehrt: Die Echtheit des Ibiza-Videos bestreitet nicht mal Strache selbst, sowie, dass die erschreckenden Dinge, die er dort im Beisein von Johann Gudenus von sich gegeben hat, wirklich aus seinem Munde stammen. Also haben wir es mit Information zu tun, die noch dazu niemanden täuscht, sondern die Wahrheit uns vor Augen führt. Eins zu null für Deutsch. Wiederum verbreitet er die Mär von der bösen, linken Verschwörung, die ihn, den „rechtschaffenen Bürger“, von seinem blauen Thron holen will. Mit zunehmender Länge der Rede werden die Ausflüchte in die gespielte Legalität immer wunderlicher:

„Ich weiß genau, dass ich im Rahmen des Gesprächs […] immer penibel auf die Einhaltung der Bestimmungen unseres Rechtsstaates bestanden habe und das hab‘ ich mehrmals und deutlich getan. Es gab und gibt bei mir keine rechtswidrigen Vorgänge und Handlungen diesbezüglich.“ Hier erreicht die Frechheit ihren Gipfel, denn was gibt es Schlimmeres als Anstiftung zur Korruption unter dem Deckblatt der Rechtsstaatlichkeit.  Strache gibt innerhalb der wenigen Minuten des Videos, das ein Ausschnitt eines siebenstündigen Treffens ist, de facto lauter illegale Dinge preis: Die Parteienfinanzierung am Rechnungshof vorbei, die Kartellbildung, die er gerne mit der Oligarchin bezüglich der Infrastrukturaufträge eingehen möchte, oder vielmehr die komplette Blaufärbung und Übernahme der „Kronen Zeitung“. Mit diesem Wissen bewaffnet kann der Nachsatz nur aus Fake-News bestehen: Ein bekennender Deutschnationaler wie Strache, der eine eindeutige Verbindung zu und mit Gottfried Küssel hatte, möchte sich den Schein der Rechtsstaatlichkeit verleihen. Das gibt zu Denken. Auch die Positionierung des Wortes „diesbezüglich“ am Ende des Satzes sagt uns, dass Strache eigentlich die Legalität der 7 Stunden in Ibiza und nicht die seines generellen Tuns hervorheben will. Aber diese Nuancen gehen unter. Er setzt nach: „So verlange ich die Herausgabe des gesamten rechtswidrig erstellten Video-Materials.“ Man verzeihe mir den Vergleich, aber kommt das nicht der Öffnung des trojanischen Pferdes während der Einfahrt in Troja gleich? Aber gerne, uns fehlen ja noch 6 Stunden und etwa 50 Minuten voller zweifelhafter Inhalte. Bitte mehr davon! Das einzige, womit Strache einigermaßen Recht hat, ist die Verletzung des Erlaubnisvorbehalts im Bildrecht. Man hätte ihn also fragen müssen, vor dem Videodreh. So wahrscheinlich wie echtes Kunstleder und sinnvoll wie das butterlose Butterbrot. Falls jetzt jemand noch auf das Geständnis der Echtheit des Videos wartet, es kommt nie. Strache entschuldigt sich in Folge bei seiner Frau, Kurz und seinen MitstreiterInnen, aber nicht bei der Republik, die er versucht hat zu verscherbeln.

Was wir zusammenfassend erkennen können, ist, dass die Einzelfall-Problematik mit diesem Video ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Rede Straches ist ein beispielloses Lügengebilde, das die Schuld und die Illegalität, sowie den Strafbestand auf andere zu lenken versucht.

Resümee: Vorsicht vor dem blauen Bumerang, er besteht aus heißer Luft.

 

 

 

@jugendportal auf Instagram

Jugendportal.at wurde zuletzt am 12.12.2019 bearbeitet.

Partner