Der Identitätskrise näher als dem 20. Lebensjahr

Leben
Karla Arzberger / 28.02.2017
(c) pixabay

Eigentlich könnte ich hier mit „Liebes Tagebuch“ beginnen. So dramatisch und selbstmitleidig wird’s jetzt.
Ich befinde mich gerade in einer sehr misslichen Lage. Die Fragen, die ich mir vor circa einem halben Jahr stellte, klangen damals noch relativ harmlos: Was möchte ich werden? Wie werde ich mein Geld verdienen? Für welche Richtung möchte ich mich entscheiden?

Wie kam es nun aber soweit, dass diese klitzekleinen, kaum ausschlaggebenden Inhalt tragenden Wörter wie „möchten“, „verdienen“ und „entscheiden“ in Abwandlung und Verbindung mit dem Personalpronomen „du“ eine halb ausgereifte Identitätskrise evozieren konnten?

Ich, heute 19 geworden, in der Badewanne, alleine, Laptop am Wäschekorb, Saft daneben (Wein wäre mir lieber und zur Identitätskrise passender - aber kein Wein, weil zu dramatisch für Jugendliche die heute 19 geworden ist, in Badewanne mit Laptop am Wäschekorb alleine verweilt). Der Schaum im Bad bereits sehr lose und vereinzelnd treibend wie meine Ideen. Schreibe hier über die sehr überraschende Identitätskrise, die mich überrumpelt hat - die mich auf meine Lebenszeit bezogen anstatt in den 40ern wohl im Fötusalter erwischt hat. Überspitzung beiseite -  aber 19 ist dann doch noch eher Fötus als erwachsen.

 

Wie hat das also begonnen?

Als ich mit 18 maturiert habe, hab ich fast so eine Art brennende Euphorie gespürt und mir mein Hirn metaphorisch wie einen Wanderer mit Rucksack vorgestellt, der endlich hinaus aus einer Welt des kollektiven Desinteresses an den Schulfächern, hin zur Fixierung auf das Eine, das mich immer seelisch (wenn man denn an solch eine glauben möchte) mitgerissen hat. Das wanderlustige Hirn ist gewandert ins Germanistikstudium und ich körperlich jeden Tag zum Railjet nach Wien Hauptbahnhof, dessen Garnituren sich dann am Hauptbahnhof aufteilen. Aufteilen - gutes Wort. Aufgeteilt hat sich dann zu meinem Studienbeginn vieles: meine Tage in Vorlesungen und meine Geduld in immer kleinere Portionen. Auch meine Erwartung, die hat sich geteilt, wie der so oft zu spät kommende Railjet: in eine viel kleinere Portion Begeisterung und große Existenzängste.
 

Vielleicht hab ich den Sinn des Studierens auch einfach vollkommen verfehlt, gut möglich. Eigentlich sollte ihm ja das Vertiefen der Interessen zugrunde liegen. Aber für mich haben Fragen wie die, wie ich denn dann mein Geld verdienen möchte, mit Goethe Zitaten? Oder die (immer wieder kehrende) Frage „Und was wird man dann, mit einem Germanistikstudium? Karla? Was kann man da werden?“ das Interesse teilweise überschattet und mich letztendlich seit dem ersten Semester Ende dieses Februars stark an meiner Entscheidung zweifeln lassen. Und seitdem grüble ich jetzt wohin ich gehen soll:
A) zu einem neuen gespaltenen Semester zwischen Erfüllung und Zweifel, oder B) woanders hin.

Aber wo ist B) woanders hin?

Auch etwas, über das ich seither grüble. Obwohl mir in meinem Alter die welteröffnende Vielfalt der Institutionen offen steht, scheint es gerade diese zu sein, die mich in meiner kleinen Krise hinunter drückt. Ist Option 1 gut, und wenn ja, die Beste, oder ist Option 2 dann doch besser? Wie sieht‘s mit Option 3 aus? Ist 4 profitabler als 3, oder kann ich mich in Optionen 5-100 besser entfalten?

„Was hast du denn groß zu befürchten? Du bist erst 19. Dir stehen alle Türen offen. Was macht dich so fertig und versessen darauf JETZT eine Antwort zu finden?“ Gute Frage. Aber eigentlich völlig daneben, wenn man sich dem Leistungsdruck und Selbstfindungsdruck annimmt. Wirklich locker rennt in Österreich in der Zukunftsplanung gar nichts ab. Alle wollen erfolgreich werden, alle wollen ganz groß rauskommen, alle wollen hier hin, aber - um Gottes Willen - bitte nicht DA hin, alle wollen das eine haben und nicht das andere. Da kann man als „Individuum“ schon ganz schön schnell untergehen, wenn man dann endlich sein lang ersehntes Studium beginnt und anstatt des ersehnten Wissens Witze über schlechte Jobchancen und Gelächter kassiert, weil man halt „Germanistik“, also „das mit der Deutschen Literatur“, studiert.

Und was hat man nun zu befürchten, wenn man noch nicht weiß wohin? Wohl kaum den Hungertod oder Armut, nur weil man sich als privilegierte/r Österreicher/in in meinem Alter nicht klar darüber wird, was man nun tun soll. Aber was ich befürchte ist die Angst selbst und dass diese nie vergeht. Dass ich mich verfangen werde in einem Netz aus Strängen des Nicht-weiter-Wissens und den Antworten „Das weiß ich noch nicht“ auf die unzähligen „Was machst du denn jetzt mit deinem Leben“ Fragen. Und dass ich schlimmsten Falls in einigen Jahren zurück blicke und mir denke, dass dies der Zeitpunkt gewesen wäre um mich nochmal 180 Grad zu wenden.

 

Identitätskrise in meinem Alter: voll okay. Lösung aber: kenn ich nicht.

Ratschläge die ich bekommen habe, waren zum Beispiel: „Was stellst du dich denn so an? Bist ja erst 19.“ Aber genau das scheint hier der einschneidende Punkt zu sein. Eventuell haben mich meine „erst 19“ nur noch tiefer in die unbegründete Existenznot getrieben. Die wie schon erwähnte Offenheit meines Weges und die Ungewissheit scheinen gespenstisch, düster. Das Herunterspielen dieser Ängste meiner Mitmenschen hat mich jedenfalls nicht positiv der erhofften Antwort auf meine erste Lebensfrage entgegen gehievt.

Und wie so oft haben meine Aufsätze dann auch keine guten Antworten für euch da draußen, sollte es euch denn genauso ergehen wie mir. Solltet ihr jedoch auf der anderen Seite stehen und anderen gerne sagen, sie sollen sich doch nicht so anstellen, wenn sie gerade nicht wissen, wohin mit ihren Seelen und Körpern, dann habe ich jedenfalls für euch einen Tipp: einfach nicht machen. Herumtorkelnde Menschen einfach herumtorkelnde Menschen sein lassen und euch innerlich freuen, wenn Ihr eure Wohin- & Wozu-Fragen schon selbst beantwortet habt.

 

Vielleicht ist doch auch schon das Suchen und die Krise selbst der erste Ausdruck der Lösung.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.01.2022 bearbeitet.

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