Die Moral von der Geschicht'

Wissen
Anna Morandini / 18.10.2016
Filmstill

Montagabend, 22:10. Die österreichische Bevölkerung hat entschieden. Der Pilot, der durch den Abschuss eines von einem Terroristen entführten Flugzeuges 164 Menschen tötete um 70.000 zu retten, wird freigesprochen. Ist das fair?

Dieses Szenario entspringt einer der spannendsten öffentlich-rechtlichen Fernsehproduktionen dieses Jahres, einer Kooperation des ORF, der deutschen ARD und des Schweizer SRF. Gestern Abend flimmerte der interaktive Film in allen drei Ländern über die Bildschirme. Das spannende daran: Das Fernsehpublikum verfolgte die ganze Verhandlung im Film und durfte dann über die Schuld des Angeklagten entscheiden. Doch welche Aspekte waren bei der Beurteilung des Dilemmas abzuwägen? Ganz egal, ob du den Film und die Entscheidung verfolgt hast oder nicht: Diese Analyse wird dir nicht so schnell aus dem Kopf gehen.

Das Geschehen

Wir befinden uns in einem Gerichtssaal, im Hintergrund weht die deutsche Fahne über dem Berliner Reichstag. Major Lars Koch muss sich für den Abschuss einer Lufthansa-Maschine verantworten. Sie wurde auf dem Weg von Berlin nach München von einem Terroristen entführt, der Kurs auf das mit 70.000 Menschen ausverkaufte Münchner Allianzstadion nimmt. Aufsteigende Kampfjets begleiten das Flugzeug und versuchen es abzudrängen und mit einem Warnschuss zu stoppen. Ein Befehl zum Abschuss erfolgt nicht. Der Kampfjetpilot handelt schlussendlich eigenmächtig: er feuert eine Rakete ab, alle 164 Passagiere sterben. Mord!? Die ZuseherInnen verfolgen einzig die Gerichtsverhandlung: Zeugenaussagen, Argumentation von Staatsanwältin, Angeklagtem und Verteidiger. Am Ende darf jeder als Schöffe selbst entscheiden: online, per SMS oder Anruf kann zwischen schuldig und nicht schuldig entschieden werden. Nach der Abstimmung folgt die entsprechende Urteilsverkündung des Richters per Filmausschnitt: Sowohl in Österreich als auch in Deutschland und der Schweiz wird der Angeklagte freigesprochen.

 

Unschuldig

Wer sich den Sachverhalt kurz vor Augen führt, tendiert nach dem ersten Bauchgefühl wohl zu einem Freispruch. Held oder nicht – der Pilot hat nicht einfach 164 Menschen getötet, sondern damit 70.000 das Leben gerettet. In der Philosophie findet sich die Unterstützung dieses Standpunktes im Utilitarismus. Dieser fordert dazu auf, so zu handeln, dass das größtmögliche Glück bzw. das geringste Maß an Unglück entsteht. Der Tod von 164 Menschen und das Leid deren Angehöriger ist demnach selbigem von 70.000 eindeutig vorzuziehen. Unser Bauchgefühl wird auch noch philosophisch bestätigt!

 

Schuldig

Von KritikerInnen werden UtilitaristInnen jedoch als „Buchhalter des Glücks“ bezeichnet. Lässt sich Glück in Zahlen messen und demzufolge vergleichen? Und das gar bei Menschenleben? Ein historisch entstandener Grundgedanke ist, dass jede Person, allein durch die Tatsache Mensch zu sein, eine Würde besitzt. Diese ist unteilbar und unantastbar. Dieser Gedanke findet sich nicht zuletzt auch in den Menschenrechten wieder. Demzufolge wiegt man die unteilbare Würde von 164 Menschen gegen jene von 70.000 auf: Anders gesagt unendlich gegen unendlich. Und diese Division ist sogar in der Mathematik nicht definiert. Mit Menschenleben rechnet man nicht.

 

Unschuldig

Juristisch entfällt in Österreich die Rechtswidrigkeit, wenn ein rechtfertigender Notstand vorliegt, das heißt ein bedeutender unmittelbarer Nachteil für ein höherwertiges Rechtsgut des Täters oder der Täterin oder eines Unbeteiligten besteht und das einzige „glimpfliche“ Mittel ein Eingriff in fremdes Rechtsgut ist. Zudem lässt sich mit „gesundem Menschenverstand“ argumentieren, dass man zur Rettung 70.000er Menschen sehr wohl den (ohnehin unvermeidlichen, weil spätestens beim Anschlag selbst eintretenden) Tod von 164 Menschen vorziehen kann. Manchmal, kann man sagen, können die hohen Prinzipien von Verfassung und Menschenwürde bei konkreten Einzelfällen der Realität nicht greifen.

 

Schuldig

Am Ende entscheide ich mich für schuldig. Mit Bauchschmerzen. Für mich ist der Angeklagte – wie wohl für die allermeisten ZuseherInnen – kein kaltblütiger Mörder. Aber gegen das Prinzip der Menschenwürde zu entscheiden, erscheint mir schlichtweg unmöglich. Vor allem da Präzedenzfälle wie dieser in anderen Verfahren zur Argumentation benutzt werden. Und ein solches Urteil könnte den Weg in diese Richtung ebnen. Ich wünsche mir eine niedrige Strafe für den Angeklagten, aber er soll nicht als Freigesprochener zeigen, dass SoldatInnen ohne Befehl ZivilistInnen töten können, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

 

86,9 Prozent der österreichischen FernsehzuschauerInnen entscheiden sich anders als ich. Freispruch. Nur 13,1 Prozent würden den Täter verurteilen. In Deutschland und der Schweiz fällt das Ergebnis ähnlich aus. Auch in den deutschsprachigen Theatern, in denen das Stück zuvor aufgeführt wurde, gab es in den allermeisten Fälle Freisprüche. Einzig in Japan wurde der Pilot in allen vier Aufführungen verurteilt.

Dies zeigt den Einfluss von Sitte und Kultur auf unser Moralgefühl und letztlich auch Rechtssystem. Die Frage nach dem Flugzeug wurde in unterschiedlichen Variationen schon von unzähligen Philosophen behandelt. Während im englischsprachigen Raum die teleologische Ethik dominiert – der Zweck heiligt die Mittel, das Flugzeug muss folglich abgeschossen werden -, zeigt sich in Europa eine Dominanz des von Kant geprägten deontologischen Weltbildes: Die Tat allein muss gut sein, unabhängig von den Folgen, demzufolge wäre der Abschuss nicht zu rechtfertigen. Das deutschsprachige Fernsehpublikum hat anders entschieden. Ob eine solch heikle Entscheidung dem Fernsehpublikum – oder im echten Leben Schöffen oder Geschworenen, die nichts anderes als Laienrichter sind – überlassen werden kann, ist eine der vielen spannenden Fragen, die der Film aufwirft.

 

Wer neugierig geworden ist und die Sendung verpasst hat, kann sich die Verhandlung, die Urteilsverkündung und das alternative Urteil noch im Laufe der Woche in der ORF TVthek anschauen.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 03.12.2021 bearbeitet.

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