Du bist genug – auch und vor allem für die Uni!

Leben
Anna Lena Bramreiter / 22.10.2019
Mädchen, verzweifelt, Computer

In dem Buch Uni-Angst und Uni-Bluff geht Wolf Wagner der Frage nach, was die Universität als Institution unnahbar macht. Diese Distanz äußert sich vor allem im Gemütszustand der Student*innen, die sich isoliert fühlen. Diese Emotionen führen zu Depressionen und Angstzuständen, oder – wie in seinem Fall -  zu dem Hochstapler-Syndrom. Wagner beschreibt seine Erfahrungen auch als Uni-Bluff.

Dieser Kommentar wird im Folgenden kaum sachlich bleiben, bin ich doch selbst mit dem Problem nur allzu sehr vertraut. Ich studiere bald seit fünf Jahren und immer öfters habe ich das Gefühl, dass ich im Grunde nichts weiß. So viel Literatur und Forschungen wurden in den letzten Jahrzehnten produziert. „Große“ Denker schrieben früher jahrelang an Arbeiten und ihren Überlegungen, mittlerweile gibt es bekanntlich einen „Publikationsdruck“. So viele „Wahrheiten“ schwirren auf der Universität sowie im digitalen Raum umher. Meiner Meinung nach war die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft, das Leben der Menschen zu verbessern. Doch was ist, wenn dieser Bildungsbereich es zu gut meinte? Was ist, wenn es so viel Wissen gibt, dass wir uns darauf einigen müssen, dass wir NICHTS wissen?

Ich saß des Öfteren in Seminaren und dachte mir unsicher „Warum wissen meine Kolleg*innen das alles?“ oder total wertend „Die haben bestimmt kein Leben!“. Dabei fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin, sichtlich fehl am Platz. Während ich auf die Uni radelte, las ich an jeder Ecke und in jedem Gesicht dieselben Worte: „DU HAST KEINEN PLAN.“ Das stimmte. Das Interessante: Es stimmt nach wie vor. Ich gebe zu, dass ich von manchen Sachen überhaupt keine Ahnung habe und das, obwohl ich diesen vielkritisierten und maßlos überbewerteten Bachelor habe (den braucht in meinem Gebiet wirklich nur, um den Master machen zu können). Doch genug über das Universitätssystem geschimpft. Ist das System schlecht oder bin ich nicht fürs Studium geeignet?

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Betrachten wir zuerst das System, so wie ich es als Studentin wahrnehme. Das wesentliche Problem ist, dass hier unterschiedliche Vorstellungen von Bildung aufeinander treffen. Auf der einen Seite sind die Professor*innen, die oftmals das Humboldt’sche Bildungsideal lehren. Dieses besagt, dass die Universität dem Menschen zu Mündigkeit und Selbstbestimmung verhilft. Dem gegenüber stehen viele junge Maturant*innen, die studieren, um später bessere Jobmöglichkeiten zu haben. Selbstverwirklichung gibt’s in den Sozialen Medien oder im Sport und hat für die junge Generation so viel auf der Uni zu suchen, wie Plastik im Meer: Absolut gar nichts. Bereits in den ersten Semestern fragen sich viele nach dem Sinn des Studiums, brechen dieses ab oder fallen in eine tiefe Leere. Warum das geschieht? Uns jungen Menschen wird etwas versprochen, das eine Universität nicht einhalten kann. Mit einem Studienabschluss gibt es keinerlei Garantie für einen sicheren Arbeitsplatz, sondern nur ein abgeschlossenes Studium. Mir ist bewusst, dass in technischen und naturwissenschaftlichen Studien die Welt noch heil ist und oft wird mir von Traumgehältern und Traumarbeitsbedingungen berichtet (Ich bin nach wie vor der Meinung, dass an dem irgendwas faul sein muss…). Doch je mehr Studierende auch diese Fächer bekommen, desto größer wird der Konkurrenzkampf, ergo die Löhne werden niedriger und der Druck höher (hoffen wir es einmal nicht). Zusammengefasst kann ich keiner Seite die ganze Schuld geben, da beiderseitige Vorstellungen aneinander vorbeigehen.

Und was kannst du tun?

Doch wenn du bereits studierst, was kannst du tun, um nicht wie die Titanic in den kalten Wellen der Uni unterzugehen?

Sei dir bewusst, dass du nie das Gefühl hast, genug zu können und zu wissen. Es wird immer die Professor*innen als auch Studienkolleg*innen geben, die dein Wissen hinterfragen und wiederlegen werden. Es werden Situationen kommen, in denen dir jemand vorwirft, dass du „ja keine Ahnung hast vom echten Leben“. Die angemessen Reaktion wäre: „Stimmt, ich weiß nichts. Aber was macht dich in deiner Meinung so sicher?“. Abschließend glaube ich, dass es im Bildungssystem nicht darum geht, viel Wissen wie Nahrung vor einem Unwetter zu horten. Soweit ich begriffen habe, sollten wir bereit sein jeden Tag zu lernen, sowohl von Büchern als auch vom „realen“ Leben. Bildung bedeutet eine gewisse Offenheit gegenüber verschiedenen Denkansätze und auch den Willen zu haben, darüber zu diskutieren. Wenn du mit diesen Qualitäten einen gutbezahlten Job findest, so hat die Universität und auch du selbst etwas richtig gemacht.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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