Dubrovnik von BesucherInnen enteignet

Reisen
Blick über Dubrovnik und im Vordergrund Kreuzfahrtschiffe

Ehemals Handelsstadt Ragusa, im Film King´s Landing, wird heute von Tourist_Innen überrannt.

Wenige kennen es als kroatisches Athen, manche als Ragusa und die meisten treten das UNESCO-Weltkulturerbe mit Füßen. Die Rede ist von einem der Hauptdrehorte der HBO-Hochglanzserie „Game of Thrones“. In dieser dient Dubrovnik als Basis für das 3D-Modell der Hauptstadt der sieben Königslande namens „King´s Landing“. Doch genau dieser Umstand ist einer der Hauptgründe dafür, dass das reale Dubrovnik zugrunde geht.

Alter Stadtkern

Hintergründe und Vorgeschichte

Schon früh als Handelsknoten genutzt, kannten es die Römer als Ragusium, die italienische Handelsmacht Venedig als Ragusa. Dubrovnik (Dubrava = Eichenhain) wurde bereits um 980 zum Erzbistum ernannt. Es erlebte viele verschiedene Herrscher, von den Römern bis zu den Slawen und genoss als Seefahrts -und Handelszentrum sowie Adelsrepublik große Unabhängigkeit.

Heutzutage ist man allerdings wieder stark in die Abhängigkeit gerutscht: Die Metropole mit dem antiken Stadtkern mutiert Jahr für Jahr mehr zum Freilichtmuseum und leidet unter denselben Problemen wie auch Barcelona und Venedig. Preisdumping, billige Reiseangebote, die Kreuzfahrtindustrie und noch billigeres Wohnen machen die riesigen Touristenströme fast unbewältigbar. Schon bei der Einfahrt über die Franjo-Tuđman-Brücke (Franjo Tuđman= erster, demokratisch gewählter Präsident Kroatiens) ragen den BesucherInnen Kreuzfahrtschiffe entgegen und lassen nicht viel vom Stadtbild übrig.

Blick über die Stadt und davor Kreuzfahrtsschiffe

Hinzukommt, dass die gigantischen BesucherInnenströme die Stadtkasse eher leer als voll machen. Aus den kleinen, organisierten Müllinseln werden in Dubrovnik Berge, denn viele TouristInnen fühlen sich durch diese bemüßigt, die lokalen Mistkübel zu ignorieren und ihren Dreck ebenfalls dort abzulagern. Die Entsorgung des Mülls kostet ein Vielfaches der Gewinne, die man mit Souvenirs einfährt.

KundInnen statt BesucherInnen = GesellschafterInnen statt EinwohnerInnen

Der deutsch-französische Sender Arte hat dem Problem mittlerweile ein Denkmal in Form einer Dokumentation gesetzt. Sie trägt den klingenden Titel „Tourist go home“.

In dieser spricht Andro Vlahušić (HNS=Kroatische Liberaldemokraten), der Gradonačelnik (Bürgermeister) Dubrovniks, die charismatischen Worte: „Meine Aufgabe als Bürgermeister ist es, eine Firma zu leiten. Ich bin kein Bürgermeister, sondern der Chef eines Unternehmens mit 15.000 Gesellschaftern.“ Die 15.000 MitarbeiterInnen sind übrigens die EinwohnerInnen Dubrovniks und nicht alle von ihnen, vor allem die ältere Generation, sind glücklich über diesen Umstand. Vlahušić hat Dubrovnik in den letzten Jahren für Hollywood geöffnet und es damit praktisch als Freiluftset verkauft. Neben „Game of Thrones“ und „Star Wars“ dreht dort Leonardo di Caprio an seinem neuen Robin Hood.

Dies zieht viele Serienfreaks an, die in nahezu unglaublicher Zahl die Stadtmauer Dubrovniks, welche die Starigrad (Altstadt) umschließt, übervölkern.

Alte Stadtmauer mit vielen Menschen

Die Kommerzmauer

Mittlerweile ist man dazu übergegangen nur eine limitierte BesucherInnenzahl einzulassen. Diese muss durch mehrere Einbahnsysteme durch den Eingang gequetscht werden. Während man also auf der hohen, begehbaren Mauer, dank der Menschenmasse, sehr langsam in der Sonne siecht, dräut in Hafennähe ein in der Bucht verankertes Kreuzfahrtschiff heran. Wo ein solches ist, sind die KreuzfahrerInnen nicht weit. Im Minutentakt ziehen riesige Gruppen an mir vorbei und demonstrieren ihr Desinteresse an der Mauer, indem sie diese mit gebrandeten Aufklebern der zugehörigen Kreuzfahrtgesellschaft verunstalten. Selfiesticks werden ausgepackt und die nähere Umgebung geht in Deckung. Mit Entsetzen habe ich heuer festgestellt, dass die Anzahl der Lokale auf der Mauer, die die TouristInnenen zum Konsum anregen sollen, auf ein Vielfaches gewachsen ist. Seit Jahren komme ich immer wieder nach Dubrovnik um die Mauer zu begehen, wobei der wahrhaftige Kommerz zum Greifen nah scheint. Ja, es wird mit und auf der Mauer Geld gemacht: Führungen für „Game of Thrones“-Sets, Eintritt für die Begehung der Mauer und große Bars zur Verköstigung der Menge.

Blick über den Hafen und die Altstadt

Geschäfte, Konzerne, Geldströme,…

Eine EU-Parlamentsabgeordnete gibt in der Arte-Doku ein paar der Hauptgründe für dieses Desaster preis: Das Verständnis der Stadt als Geschäftsapparat von der Führungsebene her, regiert von globalen Geldströmen und gebeutelt von mangelnder Selbstverwaltung. Dies zieht ein massives Brain-Drain (Abwanderung qualifizierter ArbeitnehmerInnen) nach sich: In Dubrovnik kann ein Reiseleiter oder eine Reiseleiterin mehr verdienen als ein Professor oder eine Professorin, laut Arte. Generell bringt der paneuropäische Tourismus rund 400 Milliarden Euro pro Jahr, die EinwohnerInnen der betroffenen Städte bekommen aber, wie schon erwähnt, nur den Müll ab, während die großen Kreuzfahrtgesellschaften einen gewaltigen Gewinn, auf Kosten anderer, einfahren. Seit die Globalisierung zugeschlagen hat, leben nur mehr um die 1000 Menschen in Dubrovnik. Jährlich besuchen fast 2 Millionen Dubrovnik, die Majorität davon sind KreuzfahrerInnen. Der Weg zur Museumsstadt ist nicht mehr weit.

Die alte Stadtmauer und das Meer

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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