Frühstück mit Chai und Kascha – die ersten Wochen mit meinem sibirischen Austauschpartner

Reisen
Hannah Dahl / 26.02.2020
Hanna und Stepan Selfie vor einer Glasscheibe

So kurz und doch schon eine Ewigkeit - es ist schwer zu sagen, ob die ersten Wochen seit der Ankunft meines 17jährigen russischen Austauschpartners Stepan schnell oder langsam vergangen sind. Erst knapp 20 Tage ist es her, dass mein Vater und ich ihn – natürlich ausgerüstet mit einem selbstgebastelten Willkommensschild – am Flughafen Wien-Schwechat empfangen haben. Der erste Eindruck bestätigte meine Vorstellungen – ein schlanker Junge mit braunen Augen und Wuschelhaar, der uns mit einem vom langen Flug müde gewordenen Lächeln begrüßte. Wie unsere ersten gemeinsamen Wochen verlaufen sind, lässt sich wohl nur in Stichworten zusammenfassen:

#1 Verständigung: Es stellte sich schon in den ersten Stunden heraus, dass Stepan fast so eine leidenschaftliche Plaudertasche ist wie ich. In einer Mischung aus Russisch, Deutsch und Englisch unterhielten wir uns bereits am Tag seiner Ankunft bis spät in die Nacht. Es ist für mich sehr interessant, mitzuverfolgen, wie schnell sich Stepans Deutschkenntnisse und Wortschatz verbessern, ich hoffe, dass es mir während meines Russland-Aufenthaltes ähnlich ergehen wird. 

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#2 Vorurteile: Viele ÖsterreicherInnen hegen immer noch das Vorurteil der strenggläubigen, konservativen, zurückhaltenden und verschlossenen RussInnen. Tatsächlich trifft keine dieser Eigenschaften auf Stepan zu. Sogar bei der Konfrontation mit tabuisierten Themen wie „Homosexualität in Russland“ durch einen meiner weniger sensiblen Klassenkammeraden bewahrte Stepan die Ruhe und schaffte es, die Provokation mit Humor und Witz zu umgehen - Respekt!

#3 Schulbesuch: Aller Anfang ist schwer - umso schwerer, wenn man erst seit drei Monaten Deutsch lernt. Für Stepan war der Unterricht bisher wohl bestenfalls langweilig, aber immerhin eine gute Möglichkeit, um sein Vokabelheft um einige Wörter zu erweitern und in der Klasse einen hohen Beliebtheitsgrad zu erlangen, um den ich ihn schon fast ein bisschen beneide.

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#4 Familienleben: In Punkto Zusammenleben hat sich wohl in der Zeit am meisten getan - obwohl Stepan es durch seine sehr offene und sympathische Art außerordentlich schnell geschafft hat, zu einem Teil der Familie zu werden, wurde uns bald klar, dass doch gewisse kulturelle Unterschiede bestehen. Vor allem in den ersten Tagen nach seiner Ankunft führte Stepans unverblümte Ehrlichkeit zu einigen unangenehmen Situationen, die inzwischen aber nur noch als kleine Missverständnisse wahrgenommen werden. Von der ein oder anderen Grenzüberschreitung oder frechen Anmerkung abgesehen gestaltet der Alltag aber seit seiner Ankunft durchaus interessanter und abwechslungsreicher als sonst. Stepan verbreitet eine Neugier und Energie, die einfach ansteckend ist.

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#5 Ernährung: Ein gutes Beispiel dafür, dass Stepan sich oft kein Blatt vor den Mund nimmt, findet sich in der Küche. So zeigte sich Stepan mit unseren bescheidenen Versuchen, unsere Ernährung etwas zu russifizieren, recht unbeeindruckt. Mit leichtem Kopfschütteln und traurigem Blick rührt er frühmorgens in unseren gescheiterten Versuchen, russische Speisen wie „Kascha“ (Buchweizenbrei) herzustellen. Manche Dinge kann man wohl einfach nicht nachmachen.

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#5 Gemeinsamkeiten: Die Sache, die mich an Stepan wohl am meisten begeistert, ist seine schon fast überbordende Neugier, Energie und Unternehmungslust, die ich auch in mir stark verankert sehe. So steht er beispielsweise fast jeden Morgen um Punkt sechs Uhr auf, um Morgengymnastik zu machen – so weit reicht meine Motivation nun aber auch wieder nicht.  Auch sonst haben wir beide sehr viel gemeinsam: von der Vorliebe für Süßes bis hin zu einer ausgeprägten Zielstrebigkeit, die leider auch ein bisschen in Richtung Konkurrenzdenken geht. Auch das Interesse an Sprachen, Musik und Literatur teilen wir!

Schlussendlich würde ich die ersten gemeinsamen Wochen im Rückblick als durchaus gelungen betrachten. Mal schauen, wie sich die Situation weiterentwickelt - still 2 months to go!

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 19.10.2021 bearbeitet.

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