Geburtstag auf Lettisch - 100 Jahre in 3 Tagen

Reisen
Sharon Muska / 29.11.2018
Lettland Flagge

Es ist der Abend des 18. Novembers, ein Sonntag, an dem sich mein Blick gebannt zum Nachthimmel richtet. Ein Funkeln in meinen Augen ist nicht zu leugnen, heller strahlen in diesem Moment wohl nur die hochsteigenden Feuerwerkskörper über der Düna. Für einige Momente ist alles perfekt, es herrscht, vom Krach der Pyrotechnik abgesehen, beeindruckende Stille. Hin und wieder wird gejubelt, es gibt vereinzelten Applaus, doch der steigert sich. Die Show endet imposant, es ist plötzlich taghell in Riga, das Feuerwerk (hier ein Video von mir) scheint nicht enden wollend. Dann aber ist es vorbei. Tausende Menschen lächeln zufrieden, drehen sich um und suchen einen Weg aus Rigas Altstadt. Ich bin einer von ihnen.

Aber alles auf Anfang. Als ich Ende Oktober beschließe, für gut zwei Wochen das Baltikum zu besuchen, sind mir Estland, Lettland und Litauen noch kein nennenswerter Begriff. Alle drei Länder sind Mitgliedstaaten der EU, ja, von besonderer Größe ist keines von ihnen und die Lage erscheint mir – im Nord-Osten des Kontinents – nicht ganz fremd, darüber hinausgehend hält sich mein Wissen aber in Grenzen. Lettland? Die rot-weiß-rote Fahne wird des Öfteren mit der Österreichischen verwechselt, etwa im September dieses Jahres, als Bundeskanzler Sebastian Kurz den Regierungschef Mazedoniens besucht. Ich informiere mich also ein bisschen über Städte, Sehenswürdigkeiten, das Wetter. Auf die Idee, meinen Reisezeitraum nach nennenswerten Ereignissen abzusuchen, komme ich aber nicht – und so ist es reiner Zufall, dass ich am Freitag des Geburtstagswochenendes den Busbahnhof im Herzen Rigas erreiche.
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Geburtstagswochenende, vielleicht ein gar salopper Begriff für das wichtigste Jubiläum, das der Staat Lettland in seiner bemerkenswerten, in vielerlei Hinsicht tragischen Geschichte feiert. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, am 18.11.1918, erklärt Lettland erstmals seine Unabhängigkeit. Mit dem Gewinn des Lettischen Unabhängigkeitskrieges folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung, ehe das Land im Zweiten Weltkrieg erst von der Sowjetunion, dann von Deutschland okkupiert wird. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs folgt die Angliederung an die Sowjetunion, Lettland wird zur Lettischen SSR – und bleibt dies bis zum Jahr 1990. Da erfolgt am 4. Mai die Wiederherstellung der Unabhängigkeit, 2004 wird das Land schließlich EU- und NATO-Mitglied. Mehr als die bedeutsamsten Eckpunkte der Landesgeschichte sind das aber natürlich nicht.

In ähnlich prägnanter Form, jedoch auf viel unterhaltsamere Art und Weise wird die Geschichte Lettlands am Samstagabend behandelt, jedenfalls verspricht dies das Programm der bundesweiten Hundertjahrfeier. Dann steht nämlich „Abas Malas“ – auf Deutsch etwa „Beide Seiten“ – auf dem Programm, eine Musik- und Tanzshow, die in zwei Stunden einen mitreißenden Überblick über das vergangene Jahrhundert geben möchte. Ob das gelingt? Ich beschließe, es mir mit eigenen Augen anzusehen, und bin überrascht und fasziniert zugleich. Von der ersten Minute an versprüht die Vorstellung Emotionen, Leidenschaft und durch das vielfältige Stagedesign unvorhersehbaren Tiefgang. Von Volkstänzen, über Ballett, bis hin zu Breakdance reicht die Variation der Vorführungen, das Programmheft hilft auch unkundigen ZuseherInnen, zu denen ich eindeutig gehöre, sich während der zwei Stunden gut zurecht zu finden. Standing Ovations waren angesichts des vor Stolz sichtlich strotzenden Heimatpublikums zu erwarten, sind jedoch absolut verdient und halten einige Minuten an.

Das Freiheitsdenkmal im Zentrum Rigas und der dazugehörige Hauptplatz sind die Orte, die am Sonntag besonders im Mittelpunkt stehen – schließlich symbolisieren sie nicht nur wie kaum andere die Unabhängigkeit Lettlands, sie sind auch Schauplatz des abendlichen Festakts. Schon am späten Nachmittag ist der Platz beachtlich gefüllt, immer mehr Menschen strömen auf ihn, um den Festivitäten beizuwohnen. Mich interessiert, wie zufrieden die LettInnen mit der Gesamtsituation in ihrem Land sind, ob es etwas gibt, dass sie gerne ändern möchten? Erfreulicherweise scheuen nur wenige den Kontakt mit dem Smartphone, welches als Diktiergerät-Ersatz dient, und erzählen mir ihre Ansichten. „Obwohl die Vergangenheit hart war, stehen die Menschen hier zusammen, sie sind mutig. Wir sind ein kleines Land, aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist groß. Ich würde mich freuen, wenn die Leute offener wären – wir sind Fremden gegenüber oft skeptisch und kühl“, sagt Ieva. Sie wird später Teil des Chors sein, der die Feierlichkeiten gesanglich untermalt. Kristians und Oskars sind Schüler, kurz vor dem Abschluss. Sie stehen in einem Park am Rande des Hauptplatzes und blicken mit einer gewissen Distanz auf das Geschehen. „Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft freundlicher und offener wird. Nicht nur an Feiertagen, sondern besonders im Alltag“, erzählt Oskars. Glücklich sind alle Befragten über die Unabhängigkeit des Staates. Über die aktuell herrschende Distanz zu Russland. Und die Vorfreude auf das später stattfindende Feuerwerk scheint allgegenwärtig.
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Davor kommt es vor dem Freiheitsdenkmal zu einigen musikalischen Darbietungen, wer sich von dem Platz wegbewegt und durch die Stadt spaziert, sieht unzählige Lichtinstallationen. Gebäude, Parks und sogar Flüsse werden auf romantische Art und Weise beleuchtet, heute Abend pulsiert das Land, das ist zu spüren. Als der lettische Präsident Raimonds Vējonis, früherer Vorsitzender der Grünen Partei, seine Festrede hält, haben die Menschenmassen bereits ein eindrucksvolles Ausmaß angenommen. „Ich sehe ein Lettland, in dem Wissen zu neuen Entdeckungen, Entwicklungen und Wohlstand führt“, sagt er, und erntet dafür Zustimmung aus dem Publikum. Ein Orchester spielt die Nationalhymne, der Chor, dem auch Ieva angehört, stimmt sogleich ein. Erst danach verlassen die Anwesenden nach und nach das Geschehen. Der Pfad, den schließlich die ganze Menschenmenge einschlägt, führt quer durch die Altstadt und endet vor der Düna. Zeit für das Feuerwerk, endlich. Vielleicht ein Vorbote für eine strahlende Zukunft, denke ich mir. Dann richtet sich mein Blick zum Nachthimmel.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 10.12.2019 bearbeitet.

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