HeldInnen der Nacht

Engagement
Anna Morandini / 25.05.2016
Sitz und Liege im Rettungsauto

Graz, Donnerstagnacht. Rotes Kreuz, Bezirksstelle Graz-Stadt. Langsam treffen die ersten Freiwilligen ein, bereit für ihre Nachtschicht. Zwei von ihnen sind Almut und Marco. Almut macht gerade die Matura an einem Grazer Gymnasium, Marco hat noch ein Jahr an der HTL vor sich. Beide sind 18 Jahre alt und lassen sich heute bei ihrem Dienst über die Schultern schauen.

Sie sind zwei von 3,3 Millionen. 3,3 Millionen Menschen oder rund 46% der österreichischen Bevölkerung über 15 Jahren, die sich freiwillig engagieren. EU-weit sind es sogar 93 Millionen Freiwillige.

Sie folgen damit der Tradition des „Ehrenamtes“, einer ursprünglich politischen und später humanitär-karitativen Tätigkeit. Sich zu engagieren heißt laut Definition sich leidenschaftlich auf etwas einzulassen oder auch zu verpflichten.

17:20, Überprüfung des Rettungswagens. Bei der Routinekontrolle, die vor jeder Schicht die vollständige Funktionsfähigkeit der Ausrüstung sicherstellen soll, zeigt Marco, was alles zur Ausstattung gehört. Unter anderem sind das eine Trage und ein Tragsessel, eine Vakuummatratze, ein     Sanitätskoffer, Sauerstoffeinheiten, Schienungsmaterial und ein Defibrillator.

Es bleibt Zeit, Almut zu fragen, wie sie zu ihrer Freiwilligenkarriere gekommen ist. Das erste Mal von der Rot Kreuz Jugend hat sie in einer Jugendzeitschrift gelesen. Mit 16 ist sie dort beigetreten, mit 17 in den Rettungsdienst und nach einer Ausbildung und der Erlangung der Volljährigkeit ist sie nun eine vollwertige Sanitäterin.

1. Lektion bevor es losgeht: „Alles in Uniform duzt sich!“ – Mitarbeiter der Rettung sind also sowohl untereinander, als auch im Umgang mit Kollegen von Feuerwehr und Polizei per Du.

18:00, Einsatzbeginn, 1. Fahrt. Nach der Kontrolle des Rettungswagens melden sich Marco und sein Kollege einsatzbereit. Prompt kommt der erste Auftrag: der Transport einer Patientin vom Facharzt ins Krankenhaus. Einer der einfacheren Einsätze, kann die Patientin doch selbstständig gehen und muss nicht von den Freiwilligen getragen werden.

Tatsächlich sind die SanitäterInnen an solche Aufträge gewöhnt, stellen doch Fahrten, die man vielleicht schneller mit der Rettung assoziiert – wie Blaulichtfahrten zu PatientInnen mit Herzinfarkten oder schweren Verletzungen – nur einen Bruchteil ihrer Aufgabengebiete dar. Die Rettung verwendet ein neunstufiges System, anhand dessen Einsätze bewertet werden: Während hohe Nummern wie 8 oder 9 Transporte oder Terminfahrten bedeuten, erhöht sich mit niedrigeren Nummern die Dringlichkeit und es darf auch das Blaulicht verwendet werden, das den Rettungswagen zu einem Einsatzfahrzeug mit Sonderbefugnissen im Verkehr macht. Almut erzählt, dass ihre Tätigkeit oft auch schlicht die einer Gesprächspartnerin für transportierte PatientInnen ist.

18:40, Patiententransport. Noch nicht zum Stützpunkt zurückgekehrt, ereilt Marco schon der nächste Funkspruch. Diesmal soll ein Patient von der Strahlentherapie nach Hause gebracht werden. Für Marco heißt das auch ein neues Formular auszufüllen. Für jede/n Patientin/en eines. Denn was nicht notiert ist, ist quasi nicht geschehen und würde dem Roten Kreuz folglich nicht vergütet werden, erklärt er.

Nach dem Zeitaufwand ihres freiwilligen Engagements gefragt, argumentiert Almut, dass es sich für sie und andere lohne. Die Frage ob ihre Arbeit von den PatientInnen wertgeschätzt werde, lässt sich nicht eindeutig beantworten: manche seien hysterisch, andere schimpfen und diskutieren, die nächsten zeigen sich ausgesprochen dankbar. Das schönste sind für Almut aber Situationen, wie jene, als sie und ihre KollegInnen einem älteren Herrn zurück in den Sessel halfen. Für die SanitäterInnen eine Arbeit von einer Minute, belohnt durch einen warmen Händedruck und ein strahlendes Lächeln.

19:15, Besichtigung der Leitstelle. Hier laufen die Fäden für die gesamte Steiermark zusammen. Während im Hintergrund auf einem Fernseher gerade das Kulinarium von „Steiermark heute“ läuft, widmen sich mehrere MitarbeiterInnen konzentriert den vielen Monitoren, die sie überwachen. Jeder ist für andere Bezirke zuständig. Notrufe annehmen, auf dem Stadtplan am Monitor einschätzen welcher Rettungswagen am nächsten ist, oder ob einer aus der Garage angefordert werden soll und die Anweisungen an das Team durchgeben.

Auch die MitarbeiterInnen hier haben schon einiges erlebt. Während einige AnruferInnen ins Telefon brüllen, sie bräuchten einen Notarzt oder eine Notärztin, aber die Adresse in ihrer Panik nicht bekannt geben, brauchen andere eher jemanden zum Reden (hierfür gibt es andere Nummern, wie die rund um die Uhr gratis aktive Telefonseelsorge 142) oder den Ärzte Notdienst (nachts in Graz und Wien erreichbarer Notdienst für ärztliche Notfälle). Bei vielen Anrufen geben die MitarbeiterInnen der Leitstelle über das Telefon Anweisungen zur Ersten Hilfe Leistung bis zum Eintreffen der Rettung.

20:00, Abendessen. Es ist gerade nicht viel Betrieb, daher genehmigt die Leitstelle gerne die Zeit für ein schnelles Abendessen in einer Gaststätte. Während Steirersalat und Käsekrainer verdrückt werden, erblickt eine ältere Dame im Vorbeigehen die Rot Kreuz Jacken von Marco und seinem Kollegen. Sie habe heute schon mit der Rettung zu tun gehabt, meint sie und lädt auf den Apfelsaft ein.

Rot-Kreuz-Logo

Warum engagieren sich Menschen also freiwillig? Für Almut sind es vor allem die netten Leute und die gute Atmosphäre im Team, außerdem lerne man so viele Sachen kennen – nicht nur im Hinblick auf Erste Hilfe Kenntnisse sondern auch bezüglich der Personen, mit denen man durch die Arbeit verkehre – und man tue gleichzeitig Gutes. Für sich gewinne sie viele Erfahrungen und FreundInnen. Marco ergänzt: „Wenn ich mir aussuchen könnte: Donnerstagabend Rettung oder Donnerstagabend fortgehen... ich würde sicher Rettung nehmen! Erstens ist es billiger“, argumentiert er lachend „und zweitens lernt man was fürs Leben!“

20:30, Aufenthaltsraum. Für die Zeit zwischen den Einsätzen steht den Freiwilligen in der Zentrale ein Aufenthaltsraum zur Verfügung. Er ist mit einer Küche, Esstischen, einem Billard- und einem Drehfußballtisch, Sofas und einem Fernseher ausgestattet. Während einige auf den Sofas die Nachrichten im Fernsehen verfolgen, hat sich an den Tischen eine Lerngruppe gebildet: Einer Schülerin werden Tipps zum Dividieren von Potenzen und Einschätzen von Winkelfunktionen anhand des Einheitskreises gegeben. Almut betont, dass es hier für jedes Fach jemanden gebe, der einem helfen könne und unterstreicht das gute Gemeinschaftsklima.

Es bietet sich die Gelegenheit das System besser zu verstehen. Tagsüber ist in Graz die Berufsrettung im Einsatz. Die Freiwilligen übernehmen die Nacht-, Sonntags- und Feiertagsschichten. Dabei ist man einer Partie angehörig, die an je einem bestimmten Tag wöchentlich den Nachtdienst und alle sechs Wochen einen Sonntagsdienst übernimmt. Im Raum Graz sind dabei in einer Nacht mindestens 10 Rettungswägen mit je mindestens zwei SanitäterInnen im Dienst, diese werden der Reihe nach mit Einsätzen versehen und reihen sich, wenn sie sich nach einem Einsatz wieder als einsatzbereit melden, wieder hinten in der Liste ein. Diese Liste ist auf Monitoren im Aufenthaltsraum angezeigt und erlaubt es den Freiwilligen so einzuschätzen, wie lange es bis zum nächsten Einsatz dauern könnte.

21:05, Essen aus dem Rathaus. Nach einem eher ungewöhnlichen Anruf führt die nächste Fahrt zum Grazer Rathaus. Dort ist von einer Veranstaltung Essen übrig geblieben, das man gerne den nachtaktiven Freiwilligen übergibt. Zu diesem „Einsatz“ wird also mit Töpfen und Schüsseln ausgerückt. Auch die sich im Aufbruch befindliche Festgesellschaft freut sich über diese Verwertung, wie überhaupt den TrägerInnen der Jacke mit dem Roten Kreuz an diesem Abend meistens Respekt und Zuneigung entgegengebracht werden.

Die gerade nicht ausgerückten Freiwilligen empfangen den Essenstransport schon in der Garage der Zentrale mit Freude und Unglauben. Auch für sie ist dies keinesfalls Routine. „Woher kommt das Essen?“, hört man immer wieder und „warum bekommen wir Essen aus dem Rathaus?“. „Wegen dem roten Plus!“, attestiert Marco grinsend. Obwohl viele schon gegessen haben, werden Erbsenreis, Tortellini und Geschnetzeltes mit Freude zwischen den Einsätzen verspeist.

21:40, Blaulichtfahrt: Frau in den Wehen. Der nächste Einsatz hat eine höhere Priorität, folglich wird der Einsatzort mit Blaulicht angefahren. Kreuzungen dürfen also bei Rot befahren werden, aber immer mit Bedacht und Vorsicht. Wie bei den anderen Einsätzen, strahlen Marco und sein Sanitäterkollege auch jetzt Ruhe und Besonnenheit aus. Ähnlich wie Feuerwehrleute auch nicht in brennende Gebäude stürmen, wägen sie kurz ab und entscheiden, dass die Liege in dem verwinkelten Haus keine Option ist. Dann werden die werdende Mutter und der Vater im Krankenhaus abgesetzt, wo dem Personal noch die gewonnenen Informationen zur Wehenfrequenz gemeldet werden.  

24:00, Schlafenszeit. In höheren Etagen des Gebäudes stehen den Freiwilligen Schlafräume zur Verfügung. Jeder entscheidet anhand der Liste am Monitor selbst, ob er bis zum nächsten Einsatz schlafen oder lieber wach bleiben möchte. Im Schlafraum liegen Leintücher und Bettbezüge bereit, mit denen sich die Freiwilligen ihr Bett herrichten. Wer sich bei dieser Schicht einen Rettungswagen teilt, der teilt sich auch ein Zimmer. Wird der Rettungswagen von der Leitstelle für einen Einsatz angefordert, geht das Licht im Zimmer automatisch an und der Wagen wird ausgerufen.

Die Schlafenszeit ist auch jene Zeit, in der man das Geschehene verarbeitet. Wie gehen die Freiwilligen mit ihren teils sehr schwierigen Einsätzen um? Almut und Marco befinden, dass solche Fälle zum Glück nicht überwiegen. Für Almut war der schlimmste Fall nicht einer mit wüsten Verletzungen, sondern einer, bei dem sie der Schicksalsschlag eines Mädchens später weiter beschäftigte. Marco sagt, er denke positiv: Dass er sein Bestes getan habe und auch die Verantwortlichen im Krankenhaus dies tun würden. Besonders schlimm sind für ihn Einsätze mit Kindern. Doch dem Leid der PatientInnen stehen auch immer wieder einfache „Danke“ gegenüber und das schönste sei, wenn die Patientin oder der Patient wieder lächeln könne und man sehe, dass es ihr oder ihm besser gehe.

01:25, Licht an: Einsatz. Für solche Fälle schläft man möglichst im Gewand. Ein bis dreimal pro Nacht wird man im Durchschnitt aufgeweckt, erzählen die Freiwilligen. Über orange-blinkende Ampeln und menschenleere Straßen geht es durch die schlafende Stadt. Der Wirt eines Cafés hat den Notruf alarmiert, nachdem ein Nachbar zu ihm gekommen war und ihn darum gebeten hatte. Der Mann stellt sich als verwirrt und betrunken heraus und will auch nicht mehr ins Krankenhaus. Die Sanitäter überzeugen sich durch Fragen und Blutdruckmessung von seinem Zustand und bringen ihn dann nach Hause. Das Formular bleibt diesmal unausgefüllt.

Doch welche Ausbildung benötigt man, um solche und andere Einsätze durchführen zu können? Die Ausbildung zur Sanitäterin oder zum Sanitäter beinhaltet Wissen zur Ersten Hilfe und zu den Gerätschaften des Rettungswagens. Zudem müssen 160 Einsatzstunden gesammelt und eine Prüfung abgelegt werden. Die Dauer hängt daher von der  Kandidatin oder dem Kandidaten ab, beträgt aber in der Regel zwischen einem halben Jahr und einem Jahr. Als Ausbilder fungiert das Rote Kreuz, über das die Kurse und Einsätze laufen.

Mit der Ausbildung gehen zudem Pflichten einher. Wenn Almut in ihrem Alltag einen Motorradunfall erblickt, hat sie nicht nur wie jede Bürgerin oder jeder Bürger die Pflicht zur Hilfeleistung – das heißt: Notruf wählen und nach bestem Wissen und Können helfen, bis die Rettung eintrifft – sondern unterliegt der erweiterten Hilfeleistungspflicht: Sie muss wann immer nötig, das, was sie gelernt hat, anwenden.

06:00, Dienstende. Mit dem Beginn der Schicht der Berufsrettung endet die Arbeit der Freiwilligen. Für sie heißt das: Bett abziehen und auf zu Schule oder Arbeit. Marco und Almut macht es nicht viel aus, am nächsten Tag zur Schule zu gehen.

In Almut und Marcos Dienststelle hat man kein Problem Freiwillige zu finden. Und generell hat Freiwilligenarbeit in Österreich einen hohen Stellenwert, die Quote für freiwilliges Engagement liegt mit 46% der über 15-jährigen ÖsterreicherInnen weit über dem EU-Schnitt von 23%. „Vielleicht weil es uns doch recht gut geht und wir ganz andere Bilder in den Medien sehen“, wagt Almut einen Erklärungsversuch. Auch der Zeitaufwand für freiwilliges Engagement ist erheblich: Sieben von zehn Freiwilligen sind bis zu 30 Tage im Jahr im Einsatz.

Gewinn daraus zieht nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Freiwilligen selbst, ist ihr Engagement doch eine Chance Neues zu lernen, ein Ausgleich zu Beruf oder Ausbildung, die Möglichkeit Stärken zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Aus Untersuchungen geht zudem hervor, dass Freiwilligenarbeit Verantwortungsbereitschaft, Organisationstalent, Teamfähigkeit und Führungsqualität stärken kann. Zudem berücksichtigen zahlreiche Unternehmen freiwilliges Engagement bei Bewerbungen. Außerdem können freiwillige Tätigkeiten neue soziale Kontakte und ein reges gesellschaftliches Leben fördern und so zu einem sinnerfüllten Leben beitragen.

Die Rettung ist eine von zahlreichen Organisationen und Tätigkeitsbereichen der Freiwilligenarbeit. Egal ob beim Vorlesen im Altersheim um die Ecke, bei Deutschkursen für Flüchtlinge oder im Sportbereich: Wer sich engagieren will, hat zahlreiche Optionen im In- und Ausland. Informationen bietet die vom Sozialministerium betreute Website www.freiwilligenweb.at

Auch für alle anderen gilt: Gut zu wissen, dass im Notfall immer jemand da ist!

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 11.12.2019 bearbeitet.

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