Hitzewelle, Regenfall, 2x200.000 Menschen und doch der glücklichste Ort auf Erden

Kultur & Events
Denise Meier / 26.08.2019
Tomorrowland

Die Antwort auf die Frage, warum eine Kleinstadt in Belgien jedes Jahr wieder fast eine halbe Million Menschen wie magisch anzieht.

Ein Lichtermeer, der Boden bebt. 90.000 Leute springen im Takt. Auf der riesigen Bühne legt ein DJ auf und bringt die Menge zum Singen, Tanzen, Lachen. Eben noch knapp 40°C, beginnt es nun zu regnen, aber das ist egal. Vollgeschwitzt, nassgeregnet und total übermüdet haben 200.000 Menschen gemeinsam eines der besten Wochenenden ihres Lebens. Das alles jährlich Ende Juli in Boom, einem kleinen Städtchen in Belgien.

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Tomorrowland - der Name des Festivals ist sicher kein unbekannter, wird es doch seit 2009 jährlich zu bekannten Auszeichnungen nominiert und geht als Gewinner hervor. Die 400.000 Tickets  für die zwei Wochenenden sind innerhalb einiger Minuten ausverkauft. Brasilien, Australien, Japan, Menschen aus aller Welt trudeln in der größten Hitze des Jahres ein um gemeinsam das Leben, die Liebe, die Zukunft und natürlich die Musik zu feiern. Doch was genau macht das Tomorrowland so besonders, so begehrt?

Anders als die meisten anderen Festivals beginnt das Tomorrowland schon am Hinflug. Im Flugzeug läuft Musik, die erste TML-Tageszeitung wird verteilt, jeder ist total motiviert. Von den anschließenden Bussen zum Festivalgelände aus bekommt man einen ersten Einblick in den Festivalspirit der Belgier: Tomorrowland-Flaggen vor jedem Fenster der typisch belgischen Backsteinhäuser in Boom. Eine Familie verteilt selbstgebastelte Stoffrosen. "Das machen wir jedes Jahr, manche Menschen sammeln unsere Rosen sogar", sagt die Mutter stolz.

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Jeder Morgen beginnt mit der Tageszeitung Tomorrowland Today, einem kleinen Frühstück und, zumindest anfangs, ganz viel Sonne. Nachmittags geht es dann auf das absolut überwältigende Tomorrowland-Gelände. 17 Bühnen zieren die Kleinstadt, eine beeindruckender als die andere. 40°C und strahlende Sonne zwingen die Festivalbesucher*innen an Tag 2 in die begrenzten Schattenplätze, man steigt sich auf die Füße, rempelt sich an, doch das macht gar nichts. Man entschuldigt sich, lächelt "Where are you from?" und hält dem/der Anderen seine Flagge entgegen, Handschlag, weitertanzen. Obwohl sich so viele Leute auf so kleinem Raum befinden, passiert nichts. Nein, das stimmt nicht, es passiert sehr wohl etwas: Die Welt rückt ein kleines Stückchen näher zusammen. Lisa, 19 und Carina, 21: "Wenn jeder erleben würde, was wir hier erleben, dann würde es keine Streitereien und Kriege auf der Welt mehr geben. Wenn einfach jeder sehen könnte, was Menschen auf die Beine stellen können, wenn sie zusammenhelfen." 90.000 Menschen stehen abends vor der Mainstage. Die "People of Tomorrow" genießen die Musik, die positive Stimmung, die Freude um sie herum. Die Feuerwerke am Abend sind da nur das Sahnehäubchen. Die Welt ist in Ordnung - bis es dann zu regnen beginnt.

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Regnen ist eine Untertreibung, es schüttet wie aus Eimern. Und es hört nicht auf, auch nicht als am nächsten Morgen die Sonne aufgeht und auch nicht als die Festivalbesucher*innen sich wieder vor den Bühnen versammeln. Blickt man vom Hang vor der Mainstage hinunter, sieht man ein Meer aus blauen und gelben Regenponchos und aus jedem schaut ein glückliches Gesicht heraus. In der linken Ecke sammelt sich die Schweiz, hundert, vielleicht mehr Menschen mit roten Flaggen, auf denen ein weißes Kreuz abgebildet ist. Sie rennen gemeinsam nach links, nach rechts, ziehen dann einer nach dem anderen als roter Faden durch das blau-gelbe Meer bis ganz vorne zur Bühne. Als Nebenstehende*r kann man nur staunen. Fällt jemand, so wird er wieder auf die Beine gestellt. Einzelne rutschen auf ihren Ponchos bäuchlings den Hang hinunter wie Kinder, werden von völlig Fremden angefeuert, ein Rollstuhlfahrer wird samt Stuhl über die Köpfe der Masse gehoben. "Eigentlich sollten alle, die wegen Depressionen zum Arzt gehen, hierher geschickt werden", sagt Carina. Obwohl es zwei Tage lang durchregnet, könnte die Stimmung nicht besser sein. Die Sonne brauchen die Menschen nun nicht am Himmel, die tragen sie im Herzen.

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Das Tomorrowland hinterlässt so einige Eindrücke in den Erinnerungen seiner Besucher*innen: Ein Riesenrad, Bühnen unter freiem Himmel,  auf dem Wasser, in riesigen Zelten, in riesigen Zelten auf dem Wasser, Leute jeder Altersklasse (ja, auch Senioren), Speisen aus aller Welt, freundliche Gesichter, hier unterschreibt man auf einer Flagge, da tauscht man Kontaktdaten für später, prost, cheers, salud, tim tim. "Live today, love tomorrow, unite forever" - Ein Satz, den wohl niemand hier so schnell vergessen wird.

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Der Aufenthalt in Boom, Belgien vom 25. bis 29. Juli 2019 war voller Sonne, Regen, Spaß, Emotionen, Musik. Für insgesamt 400.000 Menschen beginnt nun wieder der Alltag, so wie immer, nur anders. Mit dem Kopf voller Musik und dem Herzen voller Sonne lebt es sich viel leichter.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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