Israel Tag 2: Hummus, Strand und Botschaftsempfang

Youth Reporter in Israel
Anna Morandini / 27.10.2017
Störer: 
Strand von Tel Aviv

Von kulinarischen und gesprächstechnischen Vorzügen eines Botschaftsempfangs, einem Tag am Meer und beeindruckenden Erzählungen eines Holocaust-Zeitzeugen.

Der neue Tag in Tel Aviv beginnt für uns in kurzer Hose mit einem kurzen Spaziergang durch die Stadt, die nie schläft. Er bringt uns zum Benedicts am zentralen Rothschild Boulevard, wo wir bei einem israelischen Frühstück unseren ersten Interviewpartner treffen.

MESCHUGGE, MERETZ UND AVOCADO-HUMMUS

Aviv Netter ist um die 30 und gerade aus Berlin, wo er zehn Jahre wohnte, zurück nach Israel gezogen. Wir befragen ihn zu den Gegensätzen und Gemeinsamkeiten von Deutschland, Österreich und Israel, zur Politik der Länder und zur Veränderung der persönlichen Identität durch das Leben im Ausland. Thema sind aber auch seine meschugge-Partys – eine schwule, israelische Partyreihe des DJs in Berlin. Aviv begegnet uns gut gelaunt, freundlich und interessiert. Warum Berlin das beste Nachtleben hat und er die politischen Veränderungen in Deutschland, Österreich und Israel verfolgt – wo er Mitglied der linken Partei Meretz ist –, halten wir auf Video fest.

Interview mit Aviv Netter

Daneben wird groß aufgetischt. Israelisches Essen besteht immer aus vielen verschiedenen Tellern und Schüsseln, erklärt uns Aviv. Und diese füllen schnell den ganzen Tisch aus. Es gibt Omeletten, Gurken-Paradeis-Salat und viele Weckerln mit diversen Aufstrichen und Avocado-Hummus. Ein guter Start in den Tag.

KONTRASTREICH UND SÜDLÄNDISCH

Unser Weg führt uns dann bei sommerlichen Temperaturen weiter, den von Palmen gesäumten Rothschild Boulevard hinunter. Unsere Blicke wandern in alle Richtungen – hinauf zu den Palmen und modernen Glasfront-Hochhäusern, seitwärts zu den niedrigen, sandfarbenen älteren Häusern und immer wieder vorwärts, auf die belebte Straße selbst. Ein starker Kontrast. Vorbei an einem StraßenkünstlerInnen kommen wir so zum Strand.
Rothschild Boulevard
Es ist ein weiter, heller Sandstrand mit klarem, strahlend blauem Wasser und einer starken Brandung. Viele SurferInnen und SchwimmerInnen genießen die hohen Wellen. Auch uns zieht es sofort zum Wasser – den Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht und den Meeresduft in der Nase. An der Promenade drehen wir noch kurze Videoclips mit Einheimischen, die uns Israel in wenigen Worten beschreiben sollen. Ein junger Mann in Badehose, mit Rad und Surfbrett meint: „We have everything – from good to bad.” Eine starke Aussage.

EIN ZEITZEUGE ERZÄHLT

Zurück im Hostel werfen wir uns in Schale - also in Smoking, Abendkleid und hohe Schuhe -, für das, was uns am Abend erwartet. Zunächst führt uns die Reise jedoch mit einem die Verkehrsregeln kreativ auslegenden Taxifahrer zum Café Mocca, wo uns der Kellner fragt, ob wir auf Deutsch bestellen möchten. Denn hierher hat uns Gideon Eckhaus zum Interview geladen. Der über 90-jährige ist in Wien geboren und nach dem Novemberpogrom nach Israel ausgewandert, wo er maßgeblich zum Aufbau des Staates beitrug. Sein Leben lang engagierte er sich, etwa bei ZeitzeugInnengesprächen über die Zeit des Nationalsozialismus für eine Erinnerungskultur und gegen das Vergessen, bei den Restitutionsverhandlungen mit dem Staat Österreich für die Rückgabe jüdischen Vermögens oder beim Club der Österreicher in Israel zum Wohl der dortigen Holocaust-Überlebenden. Das Gespräch ist dementsprechend beeindruckend. Herr Eckhaus spricht bedacht, langsam und österreichisch. Wenn ihm etwas besonders wichtig ist, wiederholt er es. Wir halten das Gespräch über gute und böse Menschen in allen Kulturen und die langsame Schuldanerkennung Österreichs auf Video fest.

Gideon Eckhaus im Interview

HYMNENCHOR IN DER BOTSCHAFTSVILLA

Zu Fuß stöckeln wir weiter um den Häuserblock. Vom Gefühl her fühle ich mich nicht mehr wie in einem exotischen Land am anderen Ende des Mittelmeers, mit Grenzen zu Syrien und Ägypten. Vom Feeling her könnte es auch meine Heimatstadt Graz sein. Einzig dass man Ende Oktober dort nicht kurzärmlig den lauen Abend genießen könnte, erinnert mich, wie sehr es gilt, diesen Moment zu genießen.

Martin Weiss - Botschafter in Israel

Vorbei an Sicherheitsleuten, aber ohne Kontrolle, geht es in das prächtige Anwesen des österreichischen Botschafters Martin Weiss in Israel. Es werden viele Hände geschüttelt, mit Menschen in Anzug, Abendkleid und Dirndl. Das erste Mal an diesem Abend fühlen wir uns nicht overdressed. Beeindruckt schießen wir Fotos von Pool, Palmen und Veranda. Vor österreichischer, EU und israelischer Flagge ist ein Rednerpult aufgebaut. Hier hält der österreichische Botschafter in Israel eine launige Rede, spricht von jüngsten Erfolgen in der israelisch-österreichischen Beziehung, von der klar pro-europäisch und pro-israelischen Haltung Österreichs egal unter welcher Regierung - im Hinblick auf die jüngste Wahl - und den Fußballvereinen Red Bull Salzburg und Maccabi Tel Aviv. Es folgt eine Rede des israelischen Repräsentanten, des Ministers für öffentliche Sicherheit, strategische Angelegenheiten und Information. Auch er erwähnt die gute Partnerschaft. Es folgen die Hymnen der beiden Länder, bei der israelischen singen viele Gäste lautstark und stolz mit.

MR. AMBASSADOR BEI FISCH-FALAFEL UND STIEGL-BIER

Für uns ist der Abend eine tolle Gelegenheit mit vielen Leuten mit israelisch-österreichischem Bezug ins Gespräch zu kommen. Doch zuvor gibt es auch für uns Weißwein, Stiegl-Bier, Mini-Hamburger, Zwetschgenkuchen und Fisch-Falafel. Dann stürzen wir uns in das „High-Society Getümmel“, filmen und führen unzählige Gespräche. Mit Salzburger Design-StudentInnen, die auf Erasmus in Israel sind. Mit einer Israelin mit österreichischen Großeltern, die ein hebräisches Kochbuch über die Wiener Küche verfasst hat. Mit einem österreichischen Holocaust-Überlebendem, der bis heute in Israel lebt. Mit Leuten, die aus den verschiedensten Zufällen hier sind. Mit dem Direktor des österreichischen Kulturforums Tel Aviv, Johannes Strasser. Mit dem stellvertretenden österreichischem Militärattaché in Israel. Und nicht zuletzt mit dem österreichischen Botschafter, der sich mehr österreichische TouristInnen in Israel wünscht und wie so viele unserer GesprächspartnerInnen das gute Wetter und die Freundlichkeit der Menschen im Land hervorhebt. 
 
Es ist ein spannender Abend für uns, etwas das wir so noch nicht erlebt haben und bestimmt nicht vergessen werden. Gegen neun leert sich die Veranda, die Gäste ziehen weiter zu ihren nächsten Feierlichkeiten. Wir fahren mit Zsuzsi Schindler, die uns am Samstag durch ihr Kibbutz führen wird, im Auto durch die Straßen des belebten Tel Avivs zurück ins Stadtzentrum. Wieder ein aufregender Tag, mit vielen Eindrücken und neuen Erfahrungen. Er endet für uns fast wie er begonnen hat - in Tel Aviv, im kurzen Abendkleid, mit einem kurzen Spaziergang durch die Stadt, die nie schläft.

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