Israel Tag 4: Nazimörder und Verhandlungssachen

Youth Reporter in Israel
Anna Morandini / 31.10.2017
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Blick entlang der Straße gesäumt mit Palmen im Kibbutz

Der Umgang mit dem „Auge um Auge“-Prinzip, das Leben in einer ungewöhnlichen Kulturform und das Feilschen um Omas Kreuz. Auch der vierte Tag unserer Israel-Reise war voller außergewöhnlicher Erlebnisse. Altstadt von Jerusalem - enge Gassen

erusalem. In dieser Stadt zu erwachen, ist schlicht surreal. Für mich war sie immer der heilige, geschichtsträchtige Ort. Der Ort, an den Pilgerreisen führen. Der Ort, an dem die Bibel handelt. Der Ort, an dem MuslimInnen im Felsendom beten und Juden und Jüdinnen ihre Wünsche an der Klagemauer anbringen. Mental war mir die Stadt einfach sehr fern – mehr Drehbuchort dreier großer Weltreligionen und aktueller Konflikte als reales Reiseziel. Kaum hätte ich mir gedacht, hier jemals herzukommen. Jetzt bin ich nicht nur hier, sondern atme und fühle die Stadt. Der gestrige Tag hat uns alle emotional berührt. Die Atmosphäre in der Grabeskirche, das ergreifende Gefühl an der Klagemauer. Jerusalem hat uns nicht einfach für sich gewonnen, es hat uns vielmehr gepackt und sich in unsere Köpfe und Herzen eingebrannt. Wissend, dass wir es nicht mehr loslassen können. Wissend, dass sein Charme uns für immer begleiten wird. In dieser Stadt also erwachen wir – surreal und wunderbar zugleich.

KEINE MONDLANDSCHAFT

Der Tag heute steht aber nicht im Zeichen dieser einzigartigen Stadt, sondern einer anderen einzigartigen israelischen Institution. Er wird uns nämlich in ein Kibbuz führen. Doch alles der Reihe nach. Zuerst geht es in ein Großraumtaxi, das uns über die Autobahn ans Ziel bringen soll. Vorbei geht es nicht etwa an einer kargen, eintönigen Wüstenlandschaft, sondern an durchaus bewachsenen, begrünten Ebenen. Immer wieder kleben auf Hügeln die niedrigen, weißen Häuser der arabischen Siedlungen wie Spinnen am Hang.

So erreichen wir das Kibbuz Kefar Menahem, wo uns bereits die großartige Zsuzsi Schindler erwartet. Sie ist aus Österreich in den Kibbuz ausgewandert und will uns heute Einblick in ihre Lebenswelt geben. Zunächst geht es in ihrem Auto durch die Ansiedlung, vorbei an begrünten Gärten, Kreisverkehren und Häusern.

Straßenansicht eines Kibuzz

KEIN PRIVATEIGENTUM

Ein Kibbuz, das wird von manchen als Keim und Erfolgsgeheimnis des Staats Israel betrachtet. Die sich im Zuge des Zionismus (Bewegung der Juden und Jüdinnen nach einem eigenen Staat) oder von Verfolgungen und Elend in ihren Heimatländern in der Region ansiedelnden Menschen, bildeten diese Form des Zusammenlebens. Inmitten der kargen, schwer bewohnbaren Landschaft entstanden immer mehr Kibbuzim. Hier wurden durch Gemeinschaften Sümpfe trockengelegt und Wüste begrünt, Landwirtschaft und Industrie geschaffen. Der Natur Lebensraum abgewonnen. Das Zusammenleben in den Kibbuzim erfolgte ursprünglich nach sozialistischen Idealen: gemeinsame Arbeit, gerechte Güteraufteilung ohne persönlichem Eigentum und gemeinsame Kindererziehung nicht durch die Eltern sondern die Gemeinschaft. Heute, wo es mehr aufzuteilen gibt, hat sich das Modell gewandelt. Die Häuser befinden sich im Privateigentum, die Kinder wohnen bei den Eltern und nicht im Kinderhaus. Trotzdem blieben viele Elemente bestehen, etwa ein starkes Sozialsystem oder eine direkte Demokratie durch Entscheidungen der Kibbuz-Gemeinschaft. Für Touristen sind Kibbuzim heute Anziehungspunkt und Ort der Ruhe, für die junge Bevölkerung eine Chance auf in Städten nicht vorhandenen leistbaren Wohnraum.

KEINE REUE  

Den ersten Programmpunkt bildet ein Interview mit Chaim Miller, einem über neunzigjährigen österreichischen Auswanderer und wirklichem „Inglorious Bastard“. Wir treffen ihn in seinem kleinen, Kibbuz-typischen Wohnhaus. Auf geringer Fläche finden sich dort Badezimmer, Schlafzimmer und ein zusammenhängender Vorraum-Wohnzimmer-Küchenbereich. Die Wände sind mit Bildern des Kibbuz sowie seiner Familie dekoriert, in den Regalen steht Dekoration aus verschiedenen Ländern und im Bücherregal reihen sich vor allem hebräische Werke. Der Gastgeber begegnet uns freundlich interessiert und überaus fit. Er wartet mit israelischen Keksen auf, die wir später begeistert als Mitbringsel auf dem Markt erstehen werden.

Chaim Miller beim Interview

Vor unseren laufenden Kameras erzählt Chaim Miller ruhig und unaufgeregt aus seinem bewegten Leben. Von seiner Jugend als Jude im antisemitischen Wien der Zwischenkriegszeit, von seiner Emigration nach Israel und seinem dortigen Engagement in der Verteidigung des Landes in der Haganah, von seiner Rache nach dem Krieg und seinem Leben im Kibbuz. Und der Mann hat einiges zu erzählen. Stunden könnten wir ihm zuhören. Für Gesprächsstoff sorgt aber vor allem seine auch schon 3sat-Dokumentationen füllende Rolle in den Jahren nach dem Krieg. Gemeinsam mit anderen Juden war er nach Österreich zurückgekehrt, um Nazis für ihre Gräueltaten zu richten. Er spricht davon, wie wenige Täter durch die Justiz bestraft wurden sondern weiter Ämter in Österreich und Deutschland bekleideten oder ein ruhiges Leben in Südamerika führten. Davon, wie er mit anderen über einige Urteile sprach und sie im Wald erschoss. Davon, wie alles, was er von aus ihrem Martyrium zurückkehrenden Juden und Jüdinnen hörte, ihn nicht anders handeln lassen konnte. Davon, wie der Tot seiner Eltern in einem baltischen Nazi-Lager ihn nach Rache streben ließ. Er sagt er bereue nichts, das er in seinem Leben getan hat. Heute, nach all den Jahren, würde er vielleicht trotzdem anders handeln. Schon in der Recherche waren wir gespannt auf diesen Mann, der aus Rache getötet hat. Wir sind hergekommen, um zuzuhören und zu verstehen. Das haben wir versucht. Wirklich verstehen können wir es nicht, sind wir uns später einig. Höchstens erfassen. Wirklich verstehen, könnten wir es wohl erst, wenn wir etwas Derartiges durchleben müssten. Niemals wieder sollte ein Mensch in dieser Situation sein. Manchmal ist es gut, nicht zu verstehen.

KEINE EINFACHEN ZEITEN

Aviktor Cohen beim Interview

Nach diesem intensiven, wieder emotional aufwühlenden Erlebnis, geht es nachdenklich zu Fuß weiter ins Altenheim des Kibbuz. Dort treffen wir einen weiteren österreichischen Auswanderer mit ähnlicher Geschichte. Dem fast Hundertjährigen merkt man sein Alter mehr an, er spricht langsam und leise. Für uns ist es schwierig und anstrengend ihm zu folgen, er hat aber nicht weniger spannende Geschichten zu erzählen. Wir hören fasziniert einem der letzten Zeugen jener Zeit zu - versuchen zu begreifen, was sich so weit weg und unbegreiflich anfühlt. Szuszi Schindler vor ihrer Eingangstüre

Entspannt geht es danach weiter, als uns Zsuzsi zu sich einlädt und zeigt, wie Hummus richtig israelisch gegessen wird. Nach einigem Plaudern starten wir auch bei der um die 70-Jährigen die Videokamera, um aufzunehmen, was sie zu erzählen hat. Und das ist einiges. Zsuszi ist in Budapest geboren, kam mit neun Jahren als Flüchtling aus dem kommunistischen Ungarn mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Wien. Dort besuchte sie die Schule, die Oper und wuchs behütet auf. Anders als unsere anderen Gesprächspartner kam sie, ob ihres vergleichsweise jungen Alters, nicht als Holocaust-Flüchtende nach Israel. Ihre Emigration war keine Entscheidung gegen Österreich, sondern eine für Israel. Nach der Staatsgründung war das junge, von einer Übermacht aller arabischen Nachbarstaaten militärisch attackierte Land in allen Medien und Sympathieträger einer ganzen Generation. Viele waren es, die dem sich seinem völligen Auslöschen so tapfer entgegenstellenden Staat helfen wollten. So auch Zsuzsi, die als Volontärin in ein Kibbuz kam, Hebräisch lernte und sich mit ihrem Mann für immer im jüdischen Land niederließ. Ihre Verbindung zu Österreich, das sie häufig besucht und dessen Entwicklungen sie akribisch verfolgt, blieb bestehen. Wieder eine schwer fassbare, beeindruckende Lebensgeschichte.

KEIN ESSEN OHNE PAPAGEI

Gerne würden wir noch sitzen bleiben und weiter den spannenden Geschichten lauschen. Doch nachdem uns Zsuzsi noch kurz durch den Kibbuz mit eigener Fabrik, Kuhställen, Bibliothek, Schwimmbad, Theater und ehemaliger Töpferei führt, ist es Zeit zu fahren. Gerne würden wir alle hier bleiben, im entspannten Ort fernab von jeglichem Alltagsstress. Hier scheint die Welt stillzustehen. Hier scheint sie für einen Auenblick heil zu sein. Hier, wo der Mensch, der Nachbar und die Natur im Mittelpunkt stehen.

Zurück in Jerusalem legen wir eine Pause ein, um die vielen intensiven Eindrücke zu verarbeiten und neue Kräfte zu finden. Erst in der Abenddämmerung brechen wir noch einmal in die Altstadt auf. Die sich windenden Gässchen der heiligen Stadt fühlen sich schon ein wenig vertraut an. Unweit der Grabeskirche entscheiden wir uns, nachdem wir unzähligen Kellnern, die uns geradewegs in ihr Lokal zerren wollten ausgewichen sind, für ein Restaurant. Der Kellner mit dem Papagei auf der Schulter gab den Ausschlag. Eine Entscheidung, die wir nicht bereuen, sind wir doch ob des guten arabisch-israelischen Essens begeistert.

Das Youth Reporter-Team beim Essen

KEIN VERHANDLUNGSTALENT BLEIBT UNENTDECKT

Die Stärkung soll uns helfen, bei den folgenden Verhandlungen. Wir stürmen nämlich die Geschäfte der Altstadt, um Mitbringsel für (Groß-)Eltern und FreundInnen zu ergattern. Der Trick: der Preis ist nicht angeschrieben sondern verhandelbar. Man entscheidet sich also für ein Kreuz als Mitbringsel für die Großeltern, ein T-Shirt als Erinnerung für sich selbst, eine Postkarte für die Eltern und eine orientalischen Lampe für die Freundin und fragt den Verkäufer nach dem Preis. Dieser ist zunächst horrend, vor allem da ob der Währung Schekel etwa die Zahl 100 genannt wird (was nur 25 Euro entspricht), aber auch weil die Verkäufer den Preis durchaus selbstbewusst hoch ansetzen. Es liegt dann an einem selbst, eine andere Zahl zu nennen oder mit einem „no“ ein besseres Angebot für die bunten, orientalischen Waren in den vollgestopften, kleinen, farbenfrohen und produktvielfältigen Geschäften einzufordern. Ziemlich ungewohnt, feilschen wir doch daheim im BILLA oder Hofer höchst selten mit dem/der KassiererIn um den Preis der Semmel. Herausfordernd auch, da wir den Wert der Ware kaum einschätzen können, die Schekel-Summen verwirrend sind und die Verkäufer eindeutig mehr Übung in der Angelegenheit haben. Der eine oder die andere von uns entdeckt aber tatsächlich sein Verhandlungstalent und handelt seine bunte Lampe von 260 auf 70 Schekel herunter. Inklusive Jobangebot des Verkäufers, ob der beeindruckenden Feilschkünste. Aber auch wer sein T-Shirt für nur fünf Schekel billiger als ursprünglich angeboten ersteht, kehrt mit einem Lächeln im Gesicht und einem Andenken in der Hand zurück ins Hostel – durch die beleuchteten, belebten, engen Gässchen der beeindruckenden Stadt.

Am Bazar in Jerusalem

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 31.05.2020 bearbeitet.

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