Istanbul, das sind deine Kinder

Reisen
Beritan Balci / 28.11.2019
Kind auf Straße

Bosporos. Zwanzig Uhr dreißig. Eine Brücke, die zwei Kontinente, zwei aufeinanderprallende Kulturen verbinden soll. Westen und Osten.
Istanbul. Die inoffizielle Hauptstadt der Türkei strebt mit seinen knapp fünfzehn Millionen Einwohnerinnen nach einem westlichen Lebensstandard. Die Jugend möchte international, modern sein. Neben Ali’s Dönerspieß steht jetzt Can’s Burgergrill. Blockbuster flimmern über die alten Kastenfernseher, und an kaum einem Bazar fehlt die neue Kleiderkollektion von Kanye West. Gefälscht natürlich.
Neben gestressten Unternehmerinnen, die aus ihrem Cold Brew Latte im Starbucks bei Besiktas schlürfen, tummeln sich junge Menschen, die ihr letztes Taschengeld für eine Flasche Bier ausgeben. Die kostet hier nämlich zwischen dreißig und vierzig Lira. Danke Erdogan.

Abends erwacht die Stadt zum Leben. Ali hat das letzte Stück Fleisch vom Spieß an einen der Straßenkatzen-Clans verfüttert. Weiter unten an der Straßenecke singen drei Freunde zu lauter Trommelmusik türkische Volkslieder. Melodien, die von alten Zeiten erzählen, vermischen sich mit den Schreien der Simit-Verkäufer. Hier bekommt man so einen Sesamring für einen Lira und fünfundsiebzig Kurus - umgerechnet siebenundzwanzig Cent, oder anders gesagt, knapp ein Fünftel des durchschnittlichen Tagesbudgets für Mindestlohnempfängerinnen.
So klein der Abstand zwischen Europa und Asien am Bosporos scheint, so groß ist hier die Lücke zwischen Arm und Reich.

Ortswechsel. Taksim Platz. Einundzwanzig Uhr. Der Platz, den viele nur aus den Nachrichten kennen. Der Platz, den eine ganze Nation zum Beben brachte, als Erdogan 2013 entschied, eine 1940 abgerissene, osmanische Kaserne im Gezi Park, dem letzten Stück Grün im Herzen Istanbuls wiederaufbauen zu lassen. Die Antwort der Bevölkerung: Frauen, Männer, Anarchistinnen, Fußballfans, PKK-Anhängerinnen, Kopftuchträgerinnen, Politikerinnen gehen „Her yer Taksim. Her yer direnis“ (Taksim ist überall. Überall ist Widerstand) schreiend, Arm in Arm auf die Straßen. Erdogans Antwort wiederrum: Wasserwerfer, Pfefferspray, Schlagstock.
Radikale Situationen verlangen radikale Maßnahmen. Viele Menschen treten in Hungerstreik, weigern sich tagelang zu essen. Die Bäume im Park dürfen bleiben. Die Kaserne wird nicht gebaut.

Dort, wo vor wenigen Jahren demonstriert wurde, sitzt jetzt ein Kind vor einer umgekippten Mülltonne und sucht nach Essensresten. Ein paar Meter weiter kann man sich vor lauter Touristinnen kaum bewegen. Istiklal Street. Neben dem berühmten Kaugummieis wird hier die Zukunft kleiner Kinder für wenige Euros verkauft. Statt in die Schule zu gehen, servieren sie überteuerten Tee, rauchen Shishas mit Doppel-Apfel Geschmack an, und versuchen Taschentücher für weniger als zehn Cent zu verkaufen.

Es ist ein komisches Gefühl, hier zu sein.
Das ist also das Land, das seit Jahren versucht, in die EU zu kommen. Das Land ohne dessen Auswanderer ganze Boulevardblätter keine Schlagzeilen hätten. Das Land in dem Nationalstolz groß geschrieben wird, während man über Begriffe der Aufklärung schweigt.

Istanbul, das sind deine Kinder. Deine Kinder, die Nachts keine Betten haben, während ihr Präsident in einer weißen Villa im Naturschutzgebiet schläft.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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