Ja, ich glaube...aber nicht an die Kirche

Leben
Nicole Greiderer / 05.11.2018
Kruzifix

Auf meine eigene Art und Weise bin ich vielleicht sogar gläubig. Aber dafür brauche ich keinen Verein, der mir vorschreibt, wie ich zu leben und zu beten habe, und frage mich immer mehr, wozu ich eigentlich noch der römisch-katholischen Kirche angehöre, mit der ich in ihrer momentanen Form nichts zu tun haben möchte. Für mich sieht es nämlich fast so aus, als sei sie irgendwo zwischen den Kreuzzügen und dem Dreißigjährigen Krieg steckengeblieben.

Nun, man könnte auch sagen, die Kirche bleibt ihren Wurzeln treu. Früher dienten die Ablassbriefe als Einnahmequelle – heute die Kirchensteuer. Früher wüteten Inquisitoren, heute setzt ein Pfarrer in Bad Gastein Homosexualität auf eine Stufe mit Mord, ein Fall, der im Juni dieses Jahres bekannt wurde. Zwar sind natürlich bei weitem nicht alle Kirchenvertreter so intolerant, allerdings kam ich vor zwei Jahren in meiner kleinen Dorfkirche selbst in den Genuss einer beeindruckenden Predigt. Zitat: „In unserer Welt liegt vieles im Argen. Man kann sich sein Geschlecht selbst aussuchen und Homosexuelle dürfen heiraten.“ Ja, genau, sehr abscheulich.

Im wertvollen Unterrichtsgegenstand Religion (der „freiwillige“ Ethikunterricht findet in meiner Schule fairerweise nur am Freitagnachmittag statt, kein Wunder, dass ihn niemand besucht) haben wir im vergangenen Schuljahr neben zwei Steckbriefen zu Jesus von Nazareth und einigen Mandalas auch das Thema Abtreibung durchgekaut. Auf vier beidseitig bedruckten A4-Zetteln war von ÄrztInnen (die „Täter“) und Föten (die „Opfer“) zu lesen, außerdem von Frauen, die um nichts besser als ihr Vergewaltiger sind, wenn sie dessen ungeborenes Baby „ermorden“.

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Mehreren meiner FreundInnen war es in Religion in der Volksschule verboten, das offensichtlich frivole Wort „Spaß“ zu verwenden. „Freude“ sei hier für Achtjährige durchaus adäquater, in meinem Religionsbuch steht – und das ist kein Witz – dass eine Heirat dann ungültig ist, wenn die Frau unter 14, der Mann unter 16 ist. Es wäre mir von der Kirche also schon seit drei Jahren erlaubt, zu heiraten, schade, dass ich das erst jetzt erfahren habe.

Ein Wunder, dass bei solch zeitgemäßem Lehrstoff und Gedankengut Priestermangel herrscht und immer mehr ÖsterreicherInnen aus der Kirche austreten.

Auch die katholischen Oberhäupter können sich das offensichtlich nicht erklären, deshalb gibt es heuer im Oktober erstmals eine sogenannte Jugendsynode mit dem klingenden Titel „Die Jugend, der Glaube und die Berufungsentscheidung“. Dort soll dann mit Jugendlichen über die Zukunft der katholischen Kirche diskutiert werden. Papst Franziskus ist nämlich der Meinung, dass die jungen Leute heutzutage einfach den rechten Weg nicht mehr finden, weil sie zwischen so vielen Möglichkeiten und Verführungen hin- und hergerissen sind. Aber die weisen Männer, die jetzt über die Wertvorstellungen einer Jugend diskutieren werden, von der sie keine Ahnung haben, werden sicher eine gute Lösung finden. Haben sie doch bisher auch immer.

Was ist aber, wenn die Jugend den Weg in die verstaubten Gottesdienste gar nicht finden will, weil das Konzept Kirche sich einfach nicht mit ihren Wertvorstellungen vereinbaren lässt? Vielleicht gäbe es ja mehr Zuspruch, wenn Frauen zur Priesterweihe antreten dürften, wenn Pfarrer endlich (offiziell) auf ihr Zölibat verzichten dürften, wenn einzelne Kirchenvertreter aufhören würden, über Homosexualität, Abtreibung oder Sex vor der Ehe ähnlich zu urteilen wie über Mord und stattdessen den zahlreichen Missbrauchsvorwürfen in ihren eigenen Reihen Beachtung schenken würden? Immerhin lautet das Credo nicht umsonst Nächstenliebe. Das wär doch auch mal was, dass man nicht nur predigen, sondern auch leben könnte.

Links zum Nachlesen

Standard-Artikel zum Vorfall in Bad Gastein

Infos zur Katholischen Jugendsynode

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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