Jüdische Vertretung auf Hochschulebene - die „JÖH“

Youth Reporter in Israel
Karla Arzberger / 08.01.2018
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Goto von Bini Guttman

Ich treffe Bini Guttman, den Co-Präsidenten der jüdischen österreichischen Hochschülerinnen - passend - in einem der Uni nahen Café mitten in Wien. Trotz des schlechten Wetters sind wir beide pünktlich. Benjamin, aka Bini, ist jetzt seit einem Jahr in seinem Amt als einer der beiden Co-Präsidenten der jüdischen österreichischen Hochschülerinnen. Er studiert Jus und Politikwissenschaft in Wien.

Ein interviewnahes Gespräch über die jüdischen österreichischen Hochschulerinnen und ihren Aufgaben, Antisemitismus und Rassismus an Universitäten und Ansätze, gegen diese Vorzugehen und die coolste Stadt der Welt - Tel Aviv.

 

Wie würdest du jemandem, der nicht weiß, was die jüdischen österreichischen Hochschülerinnen sind erklären, was ihr macht?

Wir sind die politische und soziale Vertretung von jungen Juden und Jüdinnen in Österreich, beziehungsweise Wien, weil fasst alle Juden Österreichs in Wien leben. Wir vertreten Menschen und Jugendliche zwischen 18 und 35: machen einerseits politische Events und politische Lobbying-Arbeiten und andererseits auch soziale Veranstaltungen. 
 


 

Stimmt, ich hab auf eurer Facebookseite ziemlich viel von den Events gesehen, beziehungsweise kommen einem immer wieder Fotos unter auf denen du oder Beni Hess (der andere Co-Präsident) Reden halten. Ist das zu bestimmten Anlässen?

Ja, stimmt, das machen wir eigentlich immer wieder, wenn es gerade passt. Wir haben zum Beispiel auch schon bei anderen Organisationen Verschiedenstes mit auf die Beine gestellt. Von Events bis zu Demonstrationen. Wir machen zum Beispiel auch bald ein politisches Event zur Nationalratswahl in drei Wochen.

 

Gibt es etwas an eurer Arbeit, das du gerne verbessern würdest?

Ich glaube, dass die meisten Studierenden in Österreich sich gar nicht bewusst sind, dass es auch jüdische Hochschülerinnen gibt. Deshalb ist es auch für uns ein Anliegen unsere Events mehr zu „öffnen“, dass nicht nur unsere Mitglieder kommen, sondern auch viele andere Leute, damit wir auch diesen unsere Sichtweise darlegen können. Natürlich auch, um von diesen anderen Leuten lernen zu können. Wir arbeiten sehr gut mit der ÖH zusammen und haben einige Sachen zusammen gemacht. 


Ein anderes Beispiel wäre, dass wir bei den ÖH Wahlen alle Spitzenkandidaten eingeladen haben und mit diesen über Antisemitismus, Rassismus etc. diskutiert haben, auch über Minderheitenpolitik und Hochschulpolitik. Bei dieser Diskussion waren circa 200 Leute anwesend, von denen ungefähr die Hälfte jüdisch waren und die andere Hälfte andere Studierende - und so haben wir eben auch Aufmerksamkeit für unsere Themen geschaffen. 


 

Das schätze ich aber auch als eher schwierig ein, nichtjüdische StudentInnen zu erreichen. 
 


Wir überlegen auch gerade ein bisschen mehr im Hinterfeld den Dialog zwischen Religionen zu fördern und in diese Richtung weiterhin etwas zu machen...das wird eines unserer nächsten Ziele sein. International gibt es da sehr viele Initiativen, Österreichweit eher nicht so.
 Wir versuchen auch mit muslimischen Jugendlichen zusammenzuarbeiten, aber dafür suchen wir noch nach dem richtigen Format für nächstes Jahr, weil da planen wir etwas. Das ist aber noch nicht fixiert.

 

Ich komme ja aus St. Pölten und dort leben momentan 2 jüdische Personen. In Wien ist da schon große Nachfrage da, oder?

Ja natürlich.

 

Gibt es auf den Unis auch rassistische Aussagen oder Anfeindungen gegenüber Juden?
 


Also das aller aktuellste, größte Beispiel dafür war ja dieses Jahr vor den ÖH Wahlen die AG Jus. Imzuge dessen waren wir auch sehr aktiv als Organisation. Was vorgefallen ist: es wurden interne WhatsApp Chats der AG auf dem Juridicum, dort wo ich studiere, geleaked, in denen antisemitische aber auch behindertenfeindliche, rassistische Witze auf tiefstem Niveau geteilt worden sind. Was daran in unseren Augen vor allem erschreckend war, waren zwei Dinge. Erstens, ist die AG keine rechtsextreme Organisation. Markus Ripfl vom Ring freiheitlicher Studenten, eine rechtsextreme Organisation, hat an dem Tag (damals der 9. Mai, Tag der Vollständigen Kapitulation von Nazi-Deutschland), an welchem es am Heldenplatz ein Fest gibt, gesagt, dass er das nicht feiert, sondern, dass er heute einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte gedenkt, nämlich der Vertreibung der Deutschen. Das war die Aussage am Tag vor den Vorfällen der AG Jus - die Aussage Ripfls war nicht überraschend, denn dass die RFS eine rechte Organisation ist, die solche Ansichten hat, war eigentlich jedem bewusst. Aber die AG ist quasi in der Mitte der Gesellschaft. Ich glaube auch nicht, dass die Leute, die diese Witze geschrieben haben selbst Nazis oder Rechtsextreme sind, oder sich selbst als Antisemiten sehen, sondern das Ganze zeigt finde ich einfach, dass es zu wenig Sensibilisierung in Österreich gibt. Wie so etwas gesehen wird, ist tief in der Gesellschaft verwachsen, nämlich nur als Witz. Das zweite was mich erschüttert hat, war die erste Reaktion, die damals von der AG kam, nämlich genau die Rechtfertigung, dass es nur schwarzer Humor war. Sie haben die nächsten Tage dann ein Posting geschrieben, indem sie sich nicht entschuldigt haben, sondern sich gerechtfertigt haben, dass es nur blöde Witze waren, und man solle nicht so eine große Sache daraus machen. Eine Woche später, kam eine offizielle Entschuldigung. 
Das war der zweite Punkt, an dem wir uns dachten, dass wirklich etwas falsch läuft. Wir haben dann auch eine Petition mit organisiert, weil viele von den Beteiligten nicht zurückgetreten sind.

 

Und das Ganze war ja genau eine Woche vor der Wahl.

Genau, und die AG hat dadurch nur ein halbes Prozent verloren. Bei der Podiumsdiskussion, die ich vorher erwähnt habe, waren auch die Spitzenkandidaten der AG und haben sich in ihren Reden recht deutlich gegen Antisemitismus und Rassismus ausgesprochen und ich glaube die persönlich hatten vermutlich auch nichts damit zu tun, aber danach die geleakden Nachrichten...das macht dann ein eigenartiges Bild.

 

Die Betroenen sind aber jetzt nicht mehr tätig, oder?
 


Teilweise nein, teilweise ja. Aber ich finde, dass das ganze eigentlich ein Symptom ist, das zeigt, wie viel Sensibilisierungsarbeit in Österreich nötig ist. In Deutschland glaube ich, sind die auf dem Gebiet viel weiter, die haben ihre eigene Geschichte viel besser aufgearbeitet, weil Österreich ja in weiten Teilen immer als „das erste Opfer“ von Nazideutschland bezeichnet wurde und ein Schuldeingeständnis, beziehungsweise die Aufarbeitung, erst in den 90er Jahren stattgefunden hat. Lange hat keine Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und das zeigt sich dann in solchen Vorfällen. Ich glaube ja nicht, dass die Beiteiligten, oder Personen die so etwas machen, sich als Antisemiten sehen und auch nicht, dass sie welche sind. Man muss einfach bei der Sensibilisierung ansetzen und aufzeigen, dass das, was hier passiert ist problematisch ist. 


Eine weitere Sache, wenn es um Antisemitismus auf Unis geht, ist, dass viele Professoren auf dem Juridikum oder der Geschichtefakultät schlagende Deutsche Burschenschafter sind, die zu rechtsextremen Gruppen gehören, die quasi - das ist meine Einschätzung - das Bindeglied zwischen dem Parlamentarismus und den organisierten Neonazis sind. Solche Leute, die in rechtsextremen Gruppen aktiv sind, dürfen unterrichten - Geschichte unterrichten. Beispielsweise, war der ehemalige langzeitige Dekan der Rechtsgeschichte im Juridikum, der jetzt schon in Pension ist, Mitglied einer ziemlich heftigen Burschenschaft war. Solche Fälle gibt es auf allen Unis. Ich sehe ein Problem darin, wenn Rechtsextreme insbesondere Geschichte unterrichten. Das hat nichts verloren an einer Hochschule.

Ein drittes Problem an Hochschulen ist die BDS Bewegung. Das steht für Boycott, Divestment and Sanctions und ist eine Gruppe, die von sich selbst aus sagt, dass sie gegen Israel ist. Sie sprechen Israel das Existenzrecht ab und sind für einen akademischen Boycott, wollen den Austausch praktisch blockieren. Diese Bewegung ist vor allem an den englischen und us-amerikanischen Hochschulen populär. In Wien ist das ganze noch relativ klein, aber auch im Kommen. Da waren wir insbesondere die ersten, die sich davon explizit distanziert haben. 
In Österreich gibt es jetzt eben auch einen Ableger von BDS, die einige Aktionen organisiert haben - bis jetzt noch mit relativ wenigen Leuten.

 

Vieles davon war mir gar nicht bewusst. Die RFS, die oben angesprochene rechte Hochschülerinnenschaft, bekommt bei den ÖH Wahlen ja sehr wenige Stimmen, ich dachte demzufolge, dass es auf Hochschulebene kaum bis keinen Rassismus und Antisemitismus gebe.

Im Großen und Ganzen ist die Situation in Wien, in Österreich, in vielen europäischen Ländern gut. Es geht uns prinzipiell gut und es ist auch zum Beispiel kein Problem sich öffentlich als Jude zu bekennen - was nicht in allen Ländern so ist.

 

Zurück zu euch. Was sind denn die wichtigsten Aufgaben der jüdischen österreichischen Hochschülerinnen?

Es ist mir hierbei auch wichtig zu sagen, weil wir uns gerade sehr lange über Antisemitismus unterhalten haben, dass es auch ganz viele andere Themenfelder gibt und, dass wir nicht nur eine Organisation gegen Antisemitismus sind. Es ist eben nur eine Komponente, über die aber auch eben viel geredet wird. Wir organisieren auch gerne ganz andere Events. Eines der besten Events war der Filmclub Tacheles, wo wir zuerst einen Film über die erste Gay Pride in Jerusalem gezeigt haben und danach haben wir Party gemacht, es gab Falael, das ganze hat bis sechs in der Früh gedauert. Es waren 800 Leute dort - von denen waren die meisten auch nichtjüdisch, also es findet bei vielen Leute Interesse. Das wäre zum Beispiel der Aufgabenbereich Kultur.

 

Gibt es eigentlich auch andere Hochschschülerinnenschaften die sich für eine Religion/Ethnie stark machen, mit denen ihr zusammenarbeitet?

Nicht wirklich. Es gibt leider im Moment in Österreich zum Beispiel keine muslimische Organisation, mit der wir zusammenarbeiten. Es gibt schon welche, aber mit einigen können wir uns keine Zusammenarbeit vorstellen, weil diese problematische Beziehungen zu muslimischen Brüderschaften haben. Wir haben in Österreich sehr viele einzelne kleine Gruppen, die sich organisieren, aber so wirklich eine „Partnerorganisation“ gibt es nicht, was ich sehr schade finde.

 

Dann kommen wir mal zu einem etwas anderen Thema. Was ist denn dein persönlicher Bezug zu Israel?

Ich bin sehr oft in Israel, fast jedes Jahr. Demnächst werde ich auch ein Semester dort studieren. Wien ist meine Heimat, auf jeden Fall Österreich, aber Tel Aviv, Israel ist auf jeden Fall eine zweite Heimat für mich. Ich bin Zionist, also grundsätzlich dafür, dass das israelische Volk einen eigenen Staat hat, deshalb find ich es auch wichtig, für Israel aktiv zu sein - was aber nicht gleichzeitig heißt, dass ich nicht loyal zu Österreich bin. Abgesehen davon, dass Tel Aviv die coolste Stadt ist, in der ich jemals war. 


Ist Tel Aviv mit Wien vergleichbar?

Von der Größe her, ist es eigentlich kleiner als Wien. Es liegen aber so viele Städte neben Tel Aviv, die das ganze aber relativieren. Tel Aviv ist auf jeden Fall viel belebter als Wien. Wenn du auf die Straße gehst, auch mitten in der Nacht, dann ist überall was los, nicht wie in Wien, wo am Schwedenplatz die meisten Leute sind. Es ist sehr divers.

 

Und deine Beziehung zum Judentum?


Zum Judentum ist das schwerer zu definieren. Ich bin nicht streng gläubig, aber halte mich trotzdem an einiges. Ich esse zum Beispiel nur koscheres Fleisch. Aber ich trage wie du siehst keine Kippa.
 Ich finde, dass das Besondere am Judentum ist, dass es viel mehr als eine Religion ist. Ich habe einige Freunde, die Atheisten sind, die sich aber dennoch als Juden sehen - weil es um die ganze Kultur geht, weil es ein ganzes Volk ist.

 

Abschließend: Wie siehst du das Bild von Israel, das in Österreich in den Medien transportiert wird?

Was ich vor allem interessant finde ist, dass völlig überhöht von Israel berichtet wird. Israel ist ein sehr kleines Land, was im Moment auch ein relativ kleiner Konflikt ist - trotzdem wird auf Titelseiten berichtet und es gibt eine enorme Fixierung auf das Thema. Ich beschäftige mich mit Israel, das ist klar, aber warum sich fast alle österreichischen Tageszeitungen andauernd mit Israel beschäftigen, mit den meisten anderen Konflikten auf der Welt aber gar nicht, finde ich ist ein interessanter Punkt. Ich hab immer das Gefühl, als ob man sagen will „aber schaut´s, die Juden sind auch schlecht. Wir müssen uns nicht schlecht fühlen, wegen unserer Geschichte, weil schaut ´s mal, was die Juden jetzt dort machen.“

 

Gibt es auch „gute“ österreichische Berichterstattung über Israel?
 


Es gibt Darstellungen, die sind okay, aber auch welche, die sind es nicht. Ich finde nicht, dass jeder Bericht im ORF, der kritisch ist, demnach falsch ist. Viele sehen das so. Aber ganz viele Berichte sind eben falsch und es wird oft mit falschen Narrativen gearbeitet, vor allem immer wieder wenn es Krieg gibt. Da werden dann Bilder aus dem syrischem Bürgerkrieg verwendet und man zeigt damit den Leuten das Leid in Gaza. Es finden viele falsche Vergleiche statt.

 

Ich glaube auch, dass viele Leute außer dem medialen Bild gar kein Bild haben. Das ist mir auch aufgefallen an den Reaktionen von Leuten, denen ich sage, dass wir nach Israel fliegen.

Das glaube ich auch. „Hast du keine Angst nach Israel zu fliegen“, ist so eine Aussage, die dann kommt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 21.10.2020 bearbeitet.

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