Körper am Limit: Bodybuilding als 24/7 Hobby

Leben
Nico Lang / 19.11.2020
Bodybuilderin Liana Stadler beim Kreuzheben

Bodybuilding ist wohl eine der kräfteraubendsten Sportarten. Gleichzeitig der Sport, bei dem man am meisten Kraft aufbaut. Wenn man sich diesem Sport hingibt, begleitet er dich rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Youth Reporter Nico Lang begiebt sich in den Alltag einer Bodybuilding-Athletin in Wien.

 

Um Punkt sechs läutet der Wecker. Liana Stadler steigt aus dem Bett und schwingt sich sofort auf ihren Hometrainer. Nach einer halben Stunde Cardio geht es unter die Dusche. Nach dem Ausdauertraining führt der Weg in die Küche, wo bereits alles bereitsteht. Ihre Sachen für die Arbeit sind gepackt. Die Kaffeetasse steht neben der Kaffeemaschine. Haferflocken, eine Schüssel und ein Löffel sind vorbereitet. Wie ferngesteuert holt sie das griechische Joghurt aus dem Kühlschrank und gibt es gemeinsam mit den Haferflocken in die Schüssel.

Perfekt abgestimmter Nahrungsplan

Lianas Coach Stefan Kienzl hat für sie einen genauen Plan erstellt, was sie innerhalb einer Woche essen muss. „Mein Coach ist dabei noch auf der Oldschool-Schiene“, erzählt die 22-jährige. Bei der sogenannten Oldschool-Methode wird vom Coach klar vorgegeben, welche Nahrungsmittel am Tag zu sich genommen werden soll. Liana weiter: „Es gibt auch die neumoderne Methode Fit Your Macros, bei der die Essensauswahl nicht so streng ausfällt. Wichtig ist nur, dass man auf seine Werte kommt.“ Und auf diese Werte, wie Eiweiß, Kohlenhydrate, Fett und Kalorien, wird besonders stark geachtet.

Der menschliche Körper funktioniert aber nicht bei jedem gleich. Manche Menschen brauchen mehr Eiweiß als andere. Deshalb stellt Kienzl einen an Lianas Körper angepassten Plan zusammen, um optimale Ergebnisse zu erreichen.

Um Punkt acht leitet Liana bereits den ersten Sesselkreis im Kindergarten. Doch selbst bei ihrem Job als Kindergartenpädagogin wird sie von ihrem Hobby eingeholt. Alle zwei bis vier Stunden muss sie etwas essen. Ihr Mittagessen hat sie bereits am Vortag vorgekocht und in Boxen aufbewahrt. Da es im Kindergarten keine Mikrowelle gibt, verzehrt sie ihre Mahlzeiten meistens kalt. Heute gibt es Hühnerbrust mit Reis und Gemüse. Sich vegan, also komplett ohne tierische Produkte, zu ernähren ist bei dieser Sportart relativ schwierig.

Gleich ins Fitnessstudio

Nach der Arbeit geht es für Liana direkt ins Fitnessstudio. Davor macht sie aber einen kleinen Abstecher zum Supermarkt. Dort weiß sie bereits, wo sie alles findet, was sie braucht. Da sie in ihrem Essensplan wenige Variationen hat, isst sie jede Woche das Gleiche. Um Punkt 16 Uhr zieht sich Liana ihre Trainingsklamotten an. Den Einkauf lagert sie im Kühlschrank des Fitnessstudios. Dann beginnt schon das Training. Heute ist „Pull“ an der Reihe. Auch hier hat Liana von ihrem Coach eine genauen Trainingsplan bekommen. Wie beim Essen gibt es beim Training unterschiedliche Methoden. Kienzl hat für Liana den „Drei Split“ ausgesucht. Jeden Tag abwechselnd „Push-Pull-Legs“ heißt das also für Liana.

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Push betrifft alle Drückbewegungen und ist für Schultern, Trizeps und Brust gedacht. Pull-Übungen wiederum trainieren Rücken und Bizeps. Zu allen drei Bereichen gibt es drei verschiedene Übungspläne, die sich immer wiederholen. Ziel dabei ist, die die Frequenz der Wiederholungen bei den einzelnen Übungen zu erhöhen. Sollte eine Übung schon gut funktionieren, wird das Gewicht erhöht. Es wird empfohlen, alle zwei bis drei Tage einen Tag Pause einzulegen. Im Bodybuilding spricht man dabei von Regeneration.

Alles ist durchstrukturiert und vorgekocht

Nach zweieinhalb Stunden ist Liana mit dem Training fertig. Sie springt in die Dusche und verzehrt ihre Post-Workout-Mahlzeit, die man eine halbe Stunde nach dem Training essen sollte. Sie packt ihre Sachen zusammen, holt ihren Einkauf und fährt mit dem Auto zurück nach Hause. Dort beginnt sie das Essen für die nächsten drei Tage vorzukochen. Als die Boxen für Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gefüllt sind, schaut Liana auf ihren Stehkalender. Denn jeder Tag durchorganisiert. Nur so schafft sie es, alle Pläne einzuhalten und einen Überblick zu bewahren, was es noch alles zu erledigen gibt. Sie seufzt. Auf dem Kalender steht: Flüge stornieren.

Wettbewerbe im Bodybuilding: Von Europa bis zum Olympia Showdown

Normalerweise würde Liana dieses Jahr unter anderem nach England und Spanien fliegen, um bei internationalen Bewerben mitzumachen. Das Ziel war es sich für die Europameisterschaft in Spanien zu qualifizieren. Sie war bereits mitten in ihrer Diät. 16 Wochen vor den Bewerben startet die Diät für Bodybuilder, um das Gewicht wieder zu verlieren, welches sie in der Off-Season zugelegt haben.

„Man isst eigentlich fast gar nichts mehr“, erklärt Liana. „Teilweise ging es mir echt schlecht.“

Wegen COVID-19 sind jetzt alle Bewerbe abgesagt worden. Die Diät musste abgebrochen werden. Liana ist offensichtlich darüber enttäuscht. So kurz vor dem nächsten Schritt in ihrer Karriere ist das ein Rückschlag. Doch die Wahlwienerin zeigt sich dennoch optimistisch und bereitet sich für nächstes Jahr vor.

Wie bei den meisten Sportarten ist auch beim Bodybuilding Olympia das höchste, was man erreichen kann. Anders ist aber, dass hier das Event jährlich stattfindet, und zwar als "Olympia Showdown" in Las Vegas. Dorthin kommen nur die absoluten Profi-Builder. Doch der Weg zu diesem Highlight der Bodybuilder ist ein langwieriger und anstrengender.

Um teilnehmen zu können, muss man international über Jahre hinweg Profi-Bewerbe overall gewinnen. Um an Profi-Bewerben teilnehmen zu können, muss man aber erstmal einen internationalen Amateur-Bewerb overall gewinnen. Das bedeutet einen Sieg in der jeweiligen Kategorie, in der man antritt, und zusätzlich muss man sich gegen die Sieger der anderen Kategorien durchsetzen.

Der erfolgreichste Österreicher, der es als Mr. Olympia geschafft hat, ist Arnold Schwarzenegger. Er konnte den Sieg gleich siebenmal für sich beanspruchen.

Präparate und Medikamente im Bodybuilding

So eine Leistung zu erbringen, ist auf natürlichem Wege nur schwer möglich. Viele Profi-Bodybuilder nehmen zusätzliche Präparate und teilweise auch bestimmte Medikamente, die für Muskelwachstum, schnellere Fettverbrennung und ähnliches sorgen sollen. Vor allem für Frauen kann dies massive körperliche Veränderungen auslösen. Zu den verbreiterten Stimmbändern, was zu einer tieferen Stimme führt, kommt auch zunehmender Haarausfall.

„Fast alle weiblichen Profi-Bodybuilder haben keine oder weniger Haare und tragen Perücken“, erzählt Liana.

Denn durch das erhöhte Testosteron sterben die Haarwurzeln ab. Selbst Liana hat schon Haarausfall, aber bei ihr wachsen die Haare noch nach. „Ich habe seit zwei Jahren keine Periode mehr.“

Sollte Liana irgendwann einmal Kinder wollen, müsste sie ihren Körper erst wieder auf Normalzustand bringen. Liana selbst nimmt aktuell noch keine unterstützende Mittel, sondern hat ihre Form auf naturalem Wege erlangt.

Der Schlaf gehört zum Programm

Die Flüge sind storniert. Jetzt geht es an die Posen. Liana muss ihre Routine im Schlaf beherrschen, damit sie diese bei den Bewerben, ohne nachzudenken umsetzen kann. Jeder Bodybuilder hat einen eigenen Ablauf an Körperhaltungen, bei denen die Form der Muskeln präsentiert wird. Am Wochenende übt sie die Posen mit einem eigenen Posing-Coach. Zum Abschluss wird gedehnt.

Am Abend wird alles in ein Logbuch geschrieben, zusammen mit dem Gewicht, damit Coach Kienzl den Trainingsfortschritt verfolgen kann. Alle paar Tage schickt sie ihm auch Bilder, damit er ihre Form abschätzen und den Trainingsplan bei Bedarf anpassen kann.

Um Punkt 22 Uhr richtet Liana das Frühstück für den nächsten Tag her. Die Tasse wird neben die Kaffeemaschine gestellt. Die Trainingssachen und die Sachen für die Arbeit werden gepackt. Die Schüssel bereitgestellt und ein Löffel auf dem Tisch bereitgelegt. Die Haferflocken daneben. Dann geht sie ins Bett. Auch der Schlaf ist sehr wichtig. Mindestens sieben Stunden am Tag sollten drinnen sein.

Bodybuilding ist bestimmt nicht für jeden oder jede von uns das Richtige. Die körperlichen und auch geistigen Strapazen können zeitweise schon sehr an den eigenen Reserven zehren. Für Liana ist es jedoch ein Sport in dem sie komplett aufgehen kann.

“Ich mag es wenn mein Tag so durchstrukturiert ist. Mir macht es einfach Spaß!”

Dass es ihr Spaß macht merkt man sofort. Ich persönlich kenne Liana bereits seit Kindheitstagen. Ihre Liebe zu Sport ist auch schon relativ früh zum Vorschein gekommen, deshalb glaube ich, dass sie nun das richtige für sich gefunden hat. 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 26.11.2021 bearbeitet.

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