Kulturclash aber kein Hochzeitscrash

Leben
Maria Kuen / 17.08.2016
Mann und Frau mit Blumenstrauss

Heute habe ich leider keine Hochzeitseinladung für dich - jedenfalls keine deutschsprachige, für dich verständliche, viel Spaß beim Rätseln!“ Ich war mir sicher, könnte mein Briefkasten sprechen, hätte er so mein Stirnrunzeln beim Betrachten der Einladung spöttisch kommentiert. Aber dank meines mäßigen Schulfranzösisch wurde nach einigen Minuten klar, dass es sich um die Hochzeitseinladung von Freunden handelte. Eine junge Tschechin heiratete einen jungen Franzosen in ihrer Heimatstadt Pilsen. Schon die strikte Einteilung des Textes in zwei Blöcke, auf der linke Seite in tschechischer, auf der rechte Seite in französischer Sprache, wies auf die Schwierigkeiten dieses Unterfangens hin: Trennungen. Trennungen zwischen zwei Sprachen, zwei Ländern, die Trennung zwischen den Gästen. Wird die offensichtliche Sprachbarriere der beiden Völker die Hochzeit zu einem peinlichen Chaos machen oder werden die sich Unbekannten durch die Liebe des Brautpaares vereint werden? Da ich weder der einen, noch der anderen Nation angehörte, konnte ich dieses Geschehnis in der Beobachterinnenrolle verfolgen. 

Am Tag der Hochzeit stellte das Kommunikationsproblem die größte Hürde dar. Nach schüchternen Begrüßungen ging es in der Kirche genauso holprig weiter. Der Pfarrer, der die Trauung bilingual gestalten wollte, sprach ein Französisch mit stark tschechischem Akzent, sodass die Franzosen ihre eigene Sprache nicht verstanden.

Doch mit dieser Banalität beschäftige sich niemand länger. Die französischen Gäste und ich hatten die Möglichkeit, typisch tschechische Hochzeitsbräuche kennen zu lernen. Es ist Sitte, das Brautpaar und die Gäste auf dem Weg zur Kirche mit kleinen Spielen und Tests zu überraschen. Die freundliche, familiäre Atmosphäre der tschechischen GastgeberInnen und der zu jeder Gelegenheit getrunkene Schnaps, ließ schnell das Eis schmelzen. Beim gemeinsamen Reiswerfen und Tanzen kam man sich näher.

Und die Kommunikationsprobleme erwiesen sich dann doch glatt als Vorteil: da man die Ankündigungen der nächsten Programmpunkte oft nicht verstand, konnte man sich einfach überraschen lassen. So gelangte ich, gemeinsam mit den verwirrten FreundInnen des Bräutigams, nach einem nächtlichen Spaziergang durch tschechische Straßen zu einem Platz, an dem wir gemeinsam Wunderballons steigen ließen.

Auch wenn zwei Länder an diesem Abend näher zueinander fanden, behielt doch jedes seine Eigenheiten bei. Während die östlichen Gäste ausgelassenen zur landestypischen Polka tanzten, aßen die Franzosen genussvoll ihren eigens importierten Käse. 

An diesem Tag gingen nicht nur zwei junge Menschen den Bund der Ehe ein, zwei Familien, mehr noch, zwei Nationen näherten sich gegenseitig an, lernten voneinander und akzeptierten ihre Gegensätze - eine Einstellung, eine Geisteshaltung, die man auf der großen Bühne der Politik so schmerzlich vermisst, aber sehnlichst erhofft!

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.11.2020 bearbeitet.

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