Leaving Israel

Youth Reporter in Israel
Anna Morandini / 07.01.2018
Störer: 
Foto aus einem Auto heraus

Über Emotionen auf und Leere nach Reisen. Über sechs Tage in einem faszinierenden Land und die Geschichten zwischen seinen Zeilen.

 

Es heißt, die Welt sei ein Buch und wer nicht reise, lese nur eine Seite davon. Für mich ist die Welt viel eher eine gut sortierte Bibliothek und wer nicht reist, der liest ein Buch daraus: eine ergreifende, zusammenhängende Geschichte voller Höhen und Tiefen, mehr als genug für ein erfülltes Leben. Sein eigenes Stammbuch freiwillig zuzuklappen, schmökernd durch die Bibliothek zu streifen und auch aus anderen zu lesen, ist für mich ein Luxus. Ein entkommen aus dem Alltag, eine immer wieder unvorhersehbare Erweiterung des Horizonts.

Letzte Woche hatte ich wieder die Chance, genau das zu tun. Ein unverhofftes, völlig überraschendes Angebot des Jugendportals ein neues Buch aufzuschlagen, auf Reise zu gehen und darüber zu berichten. Kurz habe ich überlegt, denn sein eigenes, vertrautes Buch für eine Weile zuzuklappen und ins Regal zu stellen, um eine fremde Ecke der Bibliothek zu erkunden, erfordert immer auch etwas Mut und Abenteuerlust. Zumal dieses Buch in einer Ecke stand, die ich ob der einschlägigen, einseitigen Medienberichte durchaus auch mit Gefahr assoziierte. Doch die Neugier auf Neues, die Freude auf verschiedenste Erlebnisse und die bunten, dicht beschriebenen Seiten eines neuen Buches waren viel zu groß.

So fand ich mich mit vier anderen Jugendlichen an einem spätoktoberlichen Mittwochmorgen in Schwechat ein, um die Bibliothek zu erkunden. Am Deckblatt des neuen Buches, das Wort „Israel“. Die Ecke des neuen Buches: „Naher Osten“, Regal „Mittelmeerraum – Levante – Palästina“, Fach „jüdischer Staat“. In unseren Gesichtern ein Lächeln, auf unseren Flugtickets das Reiseziel „Tel Aviv“. Schon heute, eine Woche später, ist es ob der vielen zwischenzeitlichen Ereignisse für mich schwierig zusammenzufassen, was ich damals fühlte. Im Vordergrund standen Freude und Neugier auf die Reise, auf die vielen Interviews mit spannenden Persönlichkeiten, auf die vielen fremden, geschichtsträchtigen Orte, auf das Meer, auf den Botschaftsempfang, auf das ortstypische Essen. Irgendwo im Hinterkopf, durch Optimismus und positive Gedanken zurückgeschoben, aber nicht aufgelöst, die Frage um die Gefährlichkeit des Reiseziels – die Anschläge in Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln, die Kriege in der Region und die Gründe für die strengen Sicherheitskontrollen.

Doch schon mit der Landung in Tel Aviv war all das tatsächlich fast vergessen. Die spätsommerlichen Temperaturen erwärmten unsere Haut und Herzen, die Taxifahrt vorbei an Palmen und Wolkenkratzern war ein warmes Willkommen, das unsere Vorfreude auf die nächsten Tage steigerte.

Und da waren wir, hatten das bunt verzierte Buch in der Hand, ließen unsere Finger über Einband und Seiten gleiten. Atmeten den Geruch des alten Papieres. Schalteten das Leselicht an, beugten uns über die engbeschriebenen Zeilen und versuchten so viel wie möglich des dicken Buches, der langen Kapitel, zu lesen, zu verarbeiten und für immer in unseren Gedächtnissen festzuhalten.

Die Tage waren vollgefüllt mit Erlebnissen und Eindrücken, die Nächte kurz, ob der abendlichen Artikel-Schreibsessions in den Lobbys unserer Hostels. Für meine Mama, die mich so gerne nach den Top 3 Erlebnissen meiner Reisen fragt, werde ich weniger denn je eine Antwort haben. In sechs Tagen habe ich Israel in so vielen Facetten erlebt. Es hat mich in seine Arme genommen und nicht ohne Spuren in meinem Herzen losziehen lassen.

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In sechs Tagen habe ich sein junges, modernes, hippes, urbanes Zentrum Tel Aviv kennengelernt. Das prächtige Rothschild-Boulevard, wo hinter den südländischen Bäumen abwechselnd niedrige, sandfarbene Häuser und hohe, moderne Wolkenkratzer mit Glasfronten gen Himmel streben. In Kontrast und Harmonie. Wo die Menschen, die das Straßenbild prägen, kaum bunter und freundlicher sein könnten. Wo die starke Brandung des Meeres, die Surfer zurück an den Sandstrand trägt. Wo einen ein kurzer Spaziergang in das arabische Jaffa bringt, das mit seinen Palmen und kleinen, hellen Häusern so selbstzufrieden und authentisch wirkt. So wie Tel Aviv selbst, dass zu wissen scheint, dass es so viel ist und nicht mehr zu sein braucht, um sich mit den hektischeren Metropolen dieser Welt zu messen.

In sechs Tagen habe ich sein historisches, religiöses und geschichtliches Zentrum Jerusalem kennengelernt. Wohin ChristInnen, Juden und Jüdinnen und MuslimInnen zu ihren heiligen Städten pilgern. Wo die religiösen Gefühle von Millionen von Menschen die Stadt in eine besondere Atmosphäre hüllen. Wo sich Moscheen an Synagogen und Kirchen reihen. Wo farbenfrohe Läden und enge, gewundene Gässchen ein einzigartiges Stadtbild präsentieren. Wo die Stimmung in Grabeskirche und an der Klagemauer selbst uns nicht religiöse Menschen in Atem hielt.

In sechs Tagen habe ich sein sozialistisches, landwirtschaftliches und staatstragendes Zentrum des Kibbuz kennengelernt. Wo Menschen durch harte Arbeit und Gemeinschaft der Natur Lebensraum abgewannen. Wo heute ein Hort der Ruhe und Entschleunigung in unserer schnelllebigen, gestressten Welt liegt. Wo der Mensch, der Nachbar, die Natur im Mittelpunkt der Handlungen der Einwohner stehen. Wo uns so großzügig mit Hummus und Pita aufgewartet wurde.

In sechs Tagen habe ich unzählige ergreifende Gespräche mit beeindruckenden Persönlichkeiten geführt. Mit dem schwulen, jüdischen, israelischen Berliner DJ Aviv Netter, der so viel zu erzählen hatte und uns als freundlicher, positiver Mensch in Erinnerung blieb. Mit den österreichischen Holocaust-Flüchtlingen Gideon Eckhaus und Chaim Miller, die in ihrem Leben so viel erlebt haben und erleben mussten. Die hier in Israel nicht nur eine neue Heimat fanden, sondern auch zu ihrem Aufbau beitrugen. Die trotz ihrer Geschichten nicht verbittert wirkten, sondern ihre Erlebnisse bereitwillig teilten. In der Hoffnung, dass sie nicht mit ihrer Generation verloren gehen werden, sondern durch uns Junge der Menschheit als mahnendes Beispiel erhalten bleiben. In der Hoffnung, aus Geschichte zu lernen. In der Hoffnung, eines „nie mehr wieder“. Ich habe mit vielen Israelis in kurzen Straßeninterviews gesprochen, die ausnahmslos bereitwillig in unsere Kameras sprachen und so viel Positives in ihrem Land sahen.

In sechs Tagen habe ich Orte besucht, an die ich nie auch nur erhofft hatte, jemals zu gelangen. Ich habe in der Villa des österreichischen Botschafters an Fisch-Falafel und Mini-Burger geschlemmt, der israelischen Nationalhymne gelauscht und zahllose Gespräche geführt. Ich habe in der Grabeskirche und an der Klagemauer gestanden und mich von den Gefühlen überwältigen lassen. Ich habe im israelischen Parlament, dem Knesset, nicht nur über ein raumfüllendes Kunstwerk von Chagall gestaunt, sondern vor allem darüber, wie viel eher die dortige Demokratie der österreichischen als der amerikanischen entspricht. Mit Parteien- statt Kandidatenwahl, mit starkem Premierminister statt starkem Präsidenten. Ich habe in der weltweit größten Holocaust-Gedenkstätte gestanden und trotz vorangegangenen Besuches in Mauthausen erneut für einige Stunden jeglichen Glauben an die Menschheit verloren. Ich habe mit all diesen Kindern, Frauen und Männern gelitten und gewünscht, es nachträglich ändern zu können. Ich habe der Stille in der Halle der Erinnerung gelauscht. Ich habe Namen, Alter und Nationalität im Gedenkraum an die getöteten Kinder ungläubig aufgenommen. Ich habe im geschichtlichen Museum versucht die unbegreiflichen Fakten eines der größten Massenmorde der Geschichte zu verarbeiten. Ich habe am Glauben an die Menschheit wieder festgehalten und mich dem „nie mehr wieder“ verschrieben. Ich bin in Tel Aviv in kurzer Hose, Sonne und Wind am Strand gesessen und in der Jerusalemer Altstadt bei Falafel und Pita zwischen arabischen Geschäften.

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In sechs Tagen sind mir die flüchtigen FreundInnen, mit denen ich auf Reise gegangen war, ans Herz gewachsen. Ich habe mit ihnen Hostelzimmer, Sonnencreme, Wimperntusche und Pita geteilt. Ich habe viel aus ihrem Leben erfahren und mir einen Ruf als Optimistin erarbeitet. Ich bin mit ihnen zufrieden, hungrig und müde durch die Gassen Tel Avivs und Jerusalems gestreift. Ich habe die vielen Erlebnisse gemeinsam mit ihnen verarbeitet und die Interviewaufgaben mit ihnen geteilt. Ich habe ihre Texte und Schreibstile bewundert, die mich so berührten und ergriffen.

Es heißt, die Welt sei ein Buch und wer nicht reise, lese nur eine Seite davon. Für mich ist die Welt viel eher eine gut sortierte Bibliothek und in den vergangenen Tagen durfte ich ein neues, mitreißendes Buch entdecken. Die Zeit war zu kurz, um alle Seitenstränge der Handlung zu lesen. Deshalb werde ich es wohl wieder einmal in die Hand nehmen. Weil seine Geschichte mich ergriffen hat, mich zum Weinen und Lachen gebracht hat. Weil seine ProtagonistInnen mir ans Herz gewachsen sind. Weil ich mich zwischen seinen Zeilen für viele Stunden verloren habe, die Außenwelt vergessend. Und als es wie vereinbart Zeit war, das Buch zuzuklappen und wieder ins Regal zustellen, war sie wieder da. Diese Leere, die mich nach jedem außergewöhnlichen Buch, nach jeder außergewöhnlichen Serie, nach jeder außergewöhnlichen Reise befällt. Diese Leere, dass die Geschichte zu Ende ist, ich aber noch nicht bereit bin zur Heimkehr zu meinem Stammbuch.
Zehn Stunden nach der Landung in Wien bin ich auf dem Weg zur Uni, Unternehmensrecht. Während ich durch den Votivpark gehe, kriechen herbstlicher Wind und Kälte mühelos durch Pullover und Winterjacke. Meine Gedanken tragen kurze Hosen und sonnen sich am Strand von Tel Aviv. Es wird wohl noch eine Weile brauchen, bis ich wieder die Stelle in meinem Stammbuch finde, an der ich es weggelegt habe. Bis ich wieder dort ankomme, wo ich zu Hause bin. Aber sie wird kommen. Genauso wie die Chance, es wieder beiseite zu legen. Und für einige Zeit zu entschwinden in ein neues Buch, eine neue Welt, auf eine neue Reise.

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 03.12.2021 bearbeitet.

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