Markenzeichen Migrationshintergrund

Wissen
Johannes Lang / 14.03.2017
(c) pixabay

Gemahlene Melonenkerne, Kinkeliba- und Uzizablätter aus Westafrika, in der Obst- und Gemüseabteilung Wasserspinat, Bittermelone, Flaschenkürbis und Stinkfrucht, vietnamesische Austernsauce über mexikanischen Tortillachips. Mehr als 8000 Produkte füllen im Wiener Ethnosupermarkt „Prosi“ einen ganzen Häuserblock aus. Prosi-Chef Augustin „Prince“ Pallikunnel, der Sohn eines südindischen Kautschuk-Bauern, ist heute ein österreichischer Vorzeigeunternehmer.

Und er ist nicht allein: mehr als ein Drittel der in Österreich tätigen UnternehmerInnen kommt laut Wirtschaftskammer aus dem Ausland. Die hohen Selbstständigkeitsraten von MigrantInnen in Österreich sind kein Einzelfall. Rund um die Welt gründen EinwanderInnen durchschnittlich häufiger Unternehmen als Einheimische. Nicht zuletzt etwa die Internet-Giganten Google, eBay und Yahoo, deren Gründer aus Frankreich (eBay) und Taiwan (Yahoo!) auswanderten oder aus der Sowjetunion flohen (Google). ExpertInnen verweisen dabei auf die Bedeutung der Selektion: Risikofreudigkeit ist nicht nur bei der Migrationsentscheidung, sondern auch bei der Unternehmensgründung ein entscheidender Faktor.

Pallikunnel kam ursprünglich zum Studieren nach Wien. „Damals war kein indisches Geschäft hier in dem Grätzel“, erzählt der Unternehmer. „Wir haben mit einem ganz kleinen Lebensmittelgeschäft angefangen.“ Zunächst konnte Pallikunnel vor allem auf den Kundenstock der indischen Community aufbauen, bald schon lockte das exotische Warenangebot aber auch österreichische KundInnen an. „Wenn ich jetzt in die U-Bahn steige, sagen sie „Hallo Herr Prosi“, lacht der indische Unternehmer, der seit mittlerweile 16 Jahren ein beliebtes Straßenfest im Wiener Bezirk Neubau organisiert.

 

(c) Prosi Exotic Supermarket Vienna

 

Auch die gebürtige Ukrainerin Oksana Stavrou kam im Jahr 2000 als Studentin ans Wiener Juridicum. Mit ihrem griechischen Ehemann einigte sie sich später darauf, sich in der österreichischen Hauptstadt „auf neutralem Territorium“ niederzulassen. Er war es dann auch, der sie durch Zufall auf ihre erfolgreiche Geschäftsidee brachte. Als ihr Mann eines Tages durchnässt von der Arbeit nach Hause kam, bat er sie, ihm einen Regenschutz fürs Radfahren zu besorgen. „Ich habe mir ganz genau vorgestellt, wie er auszusehen hatte“, erinnert sich Stavrou. Doch sie fand kein passendes Modell. Und da Stavrou gerade in Karenz war und für ihr Masterstudium einen Businessplan als Hausaufgabe zu analysieren hatte, beschloss sie kurzerhand, selbst aktiv zu werden. „Wenn ich die Idee jetzt nicht ausprobiere, dann schaffe ich das nie mehr“, dachte sich Stavrou. So gründete sie 2011 die ORAIN GmbH und entwickelte das innovative Design für den Raincombi Overall, einen Ganzkörper-Regenschutz für Radfahrer. Ich kann mich nicht an irgendwelche gröbere Hindernisse erinnern“, sagt Stavrou heute. Auch Diskriminierung hat die mittlerweile erfolgreiche Unternehmerin in Österreich „so gut wie keine gespürt“ und sich hier „aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen immer respektiert gefühlt“.

 

So geht es allerdings nicht allen UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund. „Du wirst wegen deiner Herkunft und deiner Hautfarbe in eine Schublade gesteckt“, meint Ali Mahlodji, Gründer der berühmten Internetplattform „Watchado“, österreichischer Integrationsbotschafter und EU-Jugendbotschafter. Tatsächlich ist Diskriminierung am Arbeitsmarkt vielen ExpertInnen zufolge der Hauptgrund für die hohen Selbstständigkeitsraten von MigrantInnen.

 

(c) Ali Mahlodji

 

Die beeindruckende Geschichte von Ali Mahlodji zieht ZuhörerInnen auf amerikanischen TED-Talks und in österreichischen „Problemschulen“ in den Bann. Sie beginnt in Teheran, das Mahlodjis Eltern nach dem Protest gegen die Khomeini-Diktatur Hals über Kopf verlassen müssen, und im Flüchtlingslager Traiskirchen, als die Familie beschließt, dauerhaft in Österreich zu bleiben. „Die geilste Entscheidung, die meine Eltern je gemacht haben“, sagt Mahlodji, der damals erst zwei Jahre alt war. Aber es ist auch eine Geschichte voller Rückschläge und Bruchlandungen. Mahlodji, der seit der Scheidung seiner Eltern stottert, bricht aus Angst vor der mündlichen Abschlussprüfung mit 17 die Schule ab. Er findet schließlich eine Anstellung in einer Apotheke: zuerst putzt er die Böden, später mischt er von früh bis spät Pulver im Labor. Doch damit gibt sich Mahlodji nicht zufrieden. Nach einem Jahr wird er Produktionsleiter, berufsbegleitend besucht er jetzt eine HTL-Abendschule. „Wenn du etwas immer und immer wieder versuchst, hängst du irgendwann die Leute ab, die aufgeben“, sagt Mahlodji. Der plötzliche Tod seines Vaters verändert das Leben des jungen Überfliegers von Grund auf. „Ich bin im schwarzen Anzug im Spital gestanden, draußen das fette Firmenauto, und hab mir nur gedacht: ich hab mich nicht einmal von ihm verabschieden können“, erinnert er sich. Mahlodji will „etwas Sinnvolles machen“ und wird Lehrer. Die Gespräche mit seinen SchülerInnen über ihre Zukunftspläne rufen ihm eine Idee aus Kindheitstagen in Erinnerung – Jugendliche bei der Berufsorientierung durch kostenlos zugängliche Interviews mit Berufstätigen in verschiedenen Feldern zu unterstützen. „Ein Freundebuch für Erwachsene“ nennt es Mahlodji. Im Jänner 2012 geht die Karriereplattform „Whatchado“ – amerikanischer Slang für „was machst du?“ – online. Medien und Unternehmen sind begeistert. „In Österreich gibt es ein paar Wahnsinnige, die wollen die Welt verändern“, erinnert sich Mahlodji an die Reaktion der Öffentlichkeit. Heute erzählen über 5000 Menschen in den Videos auf „Whatchado“ über Leben, Werdegang und Beruf – von der Busfahrerin bis zum Bundespräsidenten. Für den österreichisch-iranischen Doppelstaatsbürger sind die nach Österreich gekommenen AsylwerberInnen eine große Chance: „Die meisten Unternehmen wünschen sich Leute, die dynamisch, flexibel und mehrsprachig sind und mit mehreren Kulturen können.“ Ein Anforderungsprofil, auf das alle Flüchtlinge passen, die notwendigerweise multikulturell sind und harte Zeiten kennen.

 

Dass Migration mehr als nur ein Nullsummenspiel sein kann, zeigen auch Nikolaus Franke und Peter Vandor von der Wirtschaftsuniversität Wien. Interkulturelle Erfahrungen können die Fähigkeit der Identifikation vielversprechender Geschäftsideen fördern, denken die GründerexpertInnen. So wurden etwa in einer von ihnen durchgeführten Studie die Geschäftsideen jener Studierenden, die ein Semester im Ausland verbracht hatten, deutlich besser bewertet. UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund kopieren und adaptieren häufig erfolgreiche Businesskonzepte aus anderen Ländern. So geschehen auch beim wohl berühmtesten österreichischen Unternehmer: Dietrich Mateschitz lernte 1980 bei einer Thailand-Reise den bei  Lastwagenfahrern beliebten Energy-Drink Krating Daeng kennen. Dem österreichischen Geschmack angepasst wurde das nunmehr als Red Bull verkaufte Gebräu schnell zum Verkaufs- und Exportschlager.

 

Auch der niedrige Status des Unternehmerberufs in Österreich mag EinwanderInnen vom Sprung in die Selbständigkeit abhalten. „Wenn ich mit Bekannten spreche, trauen sie ihren Ohren nicht“, erzählt Raincombi-Geschäftsführerin Stavrou. Ihre österreichischen JuristenkollegInnen empfinden ihren Erfolg als Unternehmerin offenbar als sozialen Abstieg. Stavrou selbst sieht das aber ganz anders: „Ich habe mich gefunden und möchte mein jetziges Unternehmerleben nie wieder gegen einen Bürojob tauschen.“ Auch Ali Mahlodji hörte von allen Seiten nur, warum sein Unternehmenskonzept nicht aufgehen könne. Ein Glück, dass er sich die Worte seines Vaters zu Herzen nahm: „Alles, was die erwachsenen Leute kennen, ist die Vergangenheit. Das hat nichts mit deiner Zukunft zu tun.“

 

Tipp:

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 12.12.2019 bearbeitet.

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