Mit Kanonen auf Spatzen schießen: Ein Rückblick auf den Karneval 2019

Leben
Andrea Ortner / 26.06.2019
Fasching

Das ist ein MEINUNGSARTIKEL, der die persönliche Sicht der Autorin widerspiegelt und auch als solcher aufgefasst werden soll.

Karneval. Oder, wie wir in Österreich sagen: Fasching. Eine lange Tradition, ein lustiges Fest für Groß und Klein. Ein Tag, an dem jede/r mal eine andere Rolle annehmen kann, sich für ein paar Stunden neu erfindet. Ein Tag, der ein bisschen verrückt ist und an dem ausgelassen Feiern nicht nur erlaubt sondern erwünscht ist.

Ein Tag, der dieses Jahr von einer Debatte dunkel überschattet wurde: Was darf man eigentlich an Fasching und was nicht?

Die Frage ist natürlich berechtigt. Es ist naheliegend, dass sich niemand als Hitler verkleiden sollte – nicht nur, weil es in Österreich und Deutschland strafbar wäre (Wiederbetätigung), sondern weil die abscheulichen Verbrechen dieses Mannes an der Menschheit unendlich schwer wiegen und deshalb niemand Hitler „imitieren“ sollte, ohne auch dessen abscheuliches Wirken als Mahnung in den Vordergrund zu rücken. Fasching ist Spaß – da passt ein Nazi auch als Karikatur nicht hin. Es wäre überdies auch höchst unsensibel gegenüber Opfern des Regimes oder dessen Nachkommen, sie an dieses dunkle Kapitel der Geschichte zu erinnern.

Das ist die eine Seite. Nun wurden dieses Jahr aber keine Hitler- oder Stalin-Kostüme thematisiert, sondern – Achtung – Menschen, die sich zum Beispiel als „IndianerInnen“ (ugs. Begriff, mit dem genaugenommen Native Americans gemeint sind), japanische Geishas oder als das andere Geschlecht verkleidet hatten. Auch Dreadlocks und „Black-Facing“, also sich das Gesicht schwarz anzumalen, erhitzten so manches Gemüt. Die Argumentation: Die genannten Kostüme/Looks seien diskriminierend gegenüber jenen, die auch an den restlichen 364 Tagen im Jahr Native Americans, transsexuell, „Asiaten/Asiatinnen“ (verallgemeinernd gesprochen) oder eben People of Color sind. Für diese seien es eben keine „Kostüme“ oder Rollen, die man für ein paar Stunden annimmt sondern die Realität, verbunden mit der alltäglichen Diskriminierung aufgrund dieser Merkmale. Der Spaß des einen Mannes, der sich am Faschingsdienstag in Frauenkleidern betrinkt ist das Leid jenes anderen Mannes, der als Crossdresser Beschimpfungen und möglicherweise Gewalt ertragen muss. Aber kann man diese beiden Ereignisse wirklich so einfach in Relation miteinander setzen?

Die Debatte, wer was wie an Fasching darf und was nicht, wurde ja eigentlich durch ein anderes Ereignis medial gepusht: Der Auftritt Annegret Kramp-Karrenbauers (AKK), die Bundesvorsitzende der CDU, in der Sendung «Stockacher Narrengericht». Die Politikerin nutze ihren Auftritt für einen unpassenden Witz über das dritte Geschlecht im Zusammenhang mit öffentlichen Toiletten und erntete dafür prompt Unmut. Zu Recht, denn selbst zur Zeit des Karnevals ist diese Frau hochrangige Politikerin und kann sich als solche eben NICHT diskriminierend und beleidigend äußern, sei es auch nur ein „Scherz“.

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Biene (Video Y-Kollektiv): " [im Bezug auf Dreadlocks] es gibt so viele schöne Dinge, die damit in Verbindung stehen[..] wenn eine Frisur verschiedene Kulturen auf diese banale Art und Weise zusammenbringen kann, ist das doch was Wunderschönes."

AKK spielt in der großen Debatte aber nur eine kleine Rolle, der Kern der Diskussion sind tatsächlich der Karneval an sich und manche Kostüme. Kostüme, die Menschen aber rein zum Spaß und nicht als Provokation anziehen. Zur Erinnerung: Es ist Fasching, ein Saufgelage, wo man gern mal in Verkleidungen schlüpft, die man sonst nie tragen könnte und einfach eine gute Zeit haben will.

Gerade deswegen ist es natürlich sehr schade, dass einige dieses Fest nicht genießen können. Das tut mir leid, wirklich. Aber als Person, die in sich selber ruht und Selbstvertrauen hat, könnte man doch einfach über solche Kostüme, die ohne (!) negative Hintergedanken getragen werden, hinwegsehen - sei es lächelnd oder kopfschüttelnd. Ich fühle mich als Frau auch nicht angegriffen, wenn ein Mann sich für den Faschingsumzug als „Sexy Tänzerin“ verkleidet. Klischeeüberladen? ja. Lächerlich? Erst recht. Aber verletzend? Lasse ich wirklich zu, dass ein blödes Kostüm mir meine Stimmung vermiest?

Faschings-“IndianerInnen“ Rassismus vorzuwerfen, ist doch das sprichwörtliche „Mit-Kanonen-auf-Spatzen-Schießen“. Rassismus und Transphobie sind komplexe, wichtige Themen, die auf jeden Fall unsere Aufmerksamkeit verdienen – doch das Einzige, was man der Frau mit dem schwarz überschminkten Gesicht an Fasching vorwerfen kann, ist in Wahrheit Unsensibilität. Sie ist unsensibel in dem Sinne, dass sie sich keine Gedanken darüber macht, wie ihre Verkleidung auf andere wirkt oder ob sie sich unbewusst auf negativ behaftete Stereotype fokussiert und mit diesem Verhalten andere emotional verletzen könnte. Aber ist sie deswegen Rassistin?

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Diskriminierend oder einfach nur ein Kostüm?

Die Sache ist doch die: Dass andere Menschen sich aufgrund der gewählten Verkleidung diskriminiert fühlen könnten, bedenken viele einfach nicht – weil es aus ihrer Sicht auch überhaupt nicht so gemeint ist! Hinter diesen Kostümen steht keine Feindseligkeit. Feindseligkeit steht hinter den Argusaugen, die einen Nigerianer im Geschäft beobachten oder einer Kopftuchträgerin auf der Straße folgen. Feindseligkeit steht hinter Gewaltverbrechen an transsexuellen Personen und der Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt. DAS sind die Debatten, die die Medien füllen sollen und die Kommentarspalten im Internet überlaufen lassen müssen! Kulturelles Unwissen und fehlendes Einfühlungsvermögen sind Fehler und damit sehr menschlich. Und ja, lasst uns daran arbeiten, uns in andere hineinzuversetzen, einander zu verstehen und Rücksicht zu nehmen. Die Welt wird eine bessere sein. Sie wird aber vor allem dadurch besser, dass wir gemeinsam die „großen Brocken“ angehen, anstatt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Der österreichische Poet Alfred Polgar schrieb einst: „Der Idealist geht glatt durch Wände und stößt sich wund an der Luft.“

Fasching ist vorüber, die Luft ist heraus, die Hatz ist vorbei. Klimawandel, Flüchtlingskrise, häusliche Gewalt und Rechts-Aufschwung nicht. Also an die Arbeit, reißen wir diese Wände endlich ein – gemeinsam und ohne heiße Luft!

Debatte/weitere Links:

Video Diskriminierung: https://www.funk.net/channel/softie-11990/mein-koerper-ist-kein-kostuem-...

ZeitOnline über AKK: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-03/cdu-chefin-annegret-kramp-karrenbauer-karneval-drittes-geschlecht (15.03.2019)

Facebook Video über Diskriminierung (Betroffene berichten): https://www.facebook.com/softie.offiziell/posts/247209719387296?__xts__[0]=68.ARA16pvoImipNdtZKxbQqQdO0etTQMapu2nS053l4Y9JPa9ujKRukMZ0LKnr2FwQrWYupS22XSNvx9CXe5EN3k1hKgowtLMg0X7o4AUkDfORkTv-w4HQWfNf0WRjAIyV-9emQSprIuo-9bBQ_VanXVZxBN8B2DimCCYoftm5We01F8U-BvZyG-H1np3DiRt_8YtDjqWXJ2WCuJYAZz3dqSxYyLwM2wij0bWrmLj91TszmlzQOIlIdODg9Ndv_j5wlPDupwe7wmMm0fH8yDaRxVVI0hEmthwvEgI3vDHwzLwxo1XYYguUBYqng9JCpTz3YL94I8daa5XzDkb9YnR0Cu5JiDRxl84cpA&__tn__=C-R (15.03.2019)

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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