Nix ist fix – Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben

Leben
Alexandra Martinetz / 25.11.2020
Stay Unsicher lautet die Devise

Die Welt ist ein unsicheres Pflaster. Viele Bereiche unseres Lebens sind fragil – Veränderungen sind unumgehbar. Auf nichts und niemanden ist Verlass. Was es mit „stay home, stay safe“ auf sich hat? Ob es Sicherheit überhaupt gibt? Eine philosophische Auseinandersetzung mit der "Sicherheit" von Youth Reporterin Alexandra Martinetz

Allgegenwärtige Angst und Verunsicherung

Die täglichen Nachrichten taugen nicht dazu, uns in Sicherheit zu wiegen. Viele Ereignisse werden als potenziell schädlich eingeschätzt, wir werden permanent mit Angstmeldungen bombardiert und von einem Gefühl der Übereinstimmung ist auch nicht die Rede. Obgleich Verbote und Einschränkungen als Maßnahmen für ein geschützteres Volk gelten sollen, bewirken sie vor allem eines: Verunsicherung.

Das gewisse Maß an Überschaubarkeit und Vorhersehbarkeit ist nicht gegeben. Regeln, Vorschriften und Kontrollen tragen zwar dazu bei, dass die Welt objektiv sicherer empfunden wird, doch ob nur unsere Wahrnehmung dadurch beeinflusst wird, oder sie wirklich zu einer positiven Veränderung beitragen, sei dahingestellt. All das, was in modernen Gesellschaften für ein Gefühl von Stabilität und Verlässlichkeit sorgen sollte, ist ins Rutschen geraten. Wenn nun alles im Fluss ist und vieles den Bach runtergeht, ist Flexibilität gefragt.

Groß ist das Verlangen nach definitiven Antworten in politisch unklaren Zeiten, in privaten sowie in beruflichen Umbruchsituationen. Bedauerlicherweise bringen ExpertInnen und WissenschaftlerInnen auch keine sachgemäße Aufklärung. Die Tatsache, dass sie sich in existenziell wichtigen Fragen widersprechen oder selbst revidieren, führt zur Erkenntnis: Sie wissen es auch nicht. So wird das Lebensgefühl von der endlosen Krisen- und Katastrophenlitanei in den Medien geprägt.

Vermeintliche und echte Bedrohungen sind allgegenwärtig. Wir müssen immer auf das Schlimmste gefasst sein, mit Worst-Case-Szenarien rechnen: Terroranschlägen, Epidemien, Naturgewalt, Flugzeugabstürzen, Inflations- und Pleitespiralen, Lebensmittelverunreinigungen, Arbeitslosigkeit. Doch besonders in Zeiten der Krisen lernen wir, resistenter zu werden.

Krise bedeutet Entwicklung

Wer im Latein-Unterricht die Ohren gespitzt hat, kann sich bestimmt erinnern, dass das Wort Krise vom lateinischen „crisis“ stammt, das unter anderem mit „Entscheidung“ übersetzt werden kann. Daraus lässt sich ableiten: Sofern eine Entscheidung getroffen wird, gibt es einen Wendepunkt; wenn es einen Wendepunkt gibt, wird die Richtung gewechselt – und wer sich ins Land des Unbekannten wagt, macht meist aufschlussreiche Entdeckungen. Was wir daraus lernen? Der Begriff Krise muss nicht zwangsläufig negativ konnotiert werden, denn in jedem Fall findet Entwicklung statt.

Ein Statement zur Coronakrise: „Stay home, stay safe!“. Nun stellt sich die Frage, inwiefern wir (zuhause) sicher sind. Da Sicherheit nicht messbar ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit, jederzeit geschützt zu sein, nicht berechenbar. Somit ist nix fix, außer die Tatsache, dass wir (nach heutigem Stand) alle irgendwann sterben. Es ist ungewiss, ob wir jemals genug sein, haben oder erreichen werden, um uns vollkommen geborgen zu fühlen. Jedoch ist anzumerken, dass Sicherheit stets relativ ist und von jedem Individuum anders wahrgenommen wird.

Die Illusion von Sicherheit

Zwar ist es plausibel, durch Aktion und materielle Güter die Illusion von (mehr) Sicherheit zu erschaffen, nichtsdestotrotz kann uns keiner retten – nicht vor unseren eigenen Ängsten. Und obgleich unsere Ängste relevante Überlebenshelferchen sind, lassen wir uns von ihnen meist mehr einschränken als wir von ihnen profitieren. Unsicherheit ist immer auch Angst vor einer empfundenen Gefahr. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen – Sicherheit ist nicht absolut und Risiken sind nie ganz auszuschließen.

Doch liegt nicht in der Akzeptanz der Unsicherheit und des Risikos die Voraussetzung für Fortschritt? Jedenfalls ist die Erwartung, Unbeeinflussbares kontrollieren zu können, ein großer Feind der Gelassenheit.

Probier's mal mit Gemütlichkeit! Zum klugen Umgang mit Unsicherheit gehört die Weisheit, dass man gelegentlich ein Wagnis eingehen muss. Die Lust am Unbekannten und Ungewissen, das Eintauchen in das Überraschende, in die dosierte Vorwegnahme des Todes – all das gehört auch zum Leben. Es ist zwar bequem, in der Komfortzone zu verharren, erweitert unseren Horizont jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Und obgleich das Streben nach Sinn und Orientierung gebenden Instanzen gewissermaßen vorteilhaft ist, gewinnt man Freiheit, wenn man sich aus den Fesseln des Allbekannten befreit. „Stay home, stay safe“ lautet die Devise. Was ich davon halte? Abstand! 
 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.10.2021 bearbeitet.

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