Raus aus der verdammten Box – Einblick in die ARS Electronica 2019

Kultur & Events
Andrea Ortner / 11.09.2019
Ars Electronica Center bei Nacht blau beleuchtet

Für Neulinge bedeutet der Besuch der ARS Electronica*, in diesem konkreten Fall das Betreten der POSTCITY in Linz, vor allem Reizüberflutung: Alles biept, klingt und blinkt, die Halle ist eine einzige Komposition aus allen Klängen des Farbspektrums gemischt mit regenbogenfarbenen Musikstücken. Oder andersrum? Ein digitales Wonderland, und wir, die wir darin wandeln, sind Alice. Das diesjährige Motto der ARS Electronica ist „Out of the Box – Die Midlife-Crisis der Digitalen Revolution“. Das wirft Fragen auf.

Welche Box?

                                   Welche Krise?

                                                                       Welche Revolution?

Die Messe selbst bezeichnet sich als „Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft“, wobei „stets die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung neuer technischer und wissenschaftlicher Entwicklungen im Mittelpunkt [steht].“  Eine noble Behauptung, doch wie wird dies konkret umgesetzt? Eine Reise auf der Suche nach digitalen und analogen Antworten.

Welche Box?

Computer sind faszinierend. Hochkomplexe Maschinen, die in Sekunden Rechenaufgaben bewältigen, für die ein Mensch Monate bis Jahre bräuchte – und trotzdem basiert alles auf 1 und 0, auf „Strom fließt“ und „Strom fließt nicht“. Manchen Menschen macht so eine Box Angst: Wir fühlen uns ausgeliefert, hören von Datenmissbrauch und dem gläsernen User. Hier setzt die ARS Electronica an: Sie zeigt uns, was alles möglich ist, wie wir die Technik nicht fürchten müssen, sondern nutzen können. Und sie zeigt uns, dass Technik und Kunst kein Widerspruch sind.

Zum Beispiel gibt es das Projekt OTON Glasses.

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OTON Glasses: lesen, ohne zu sehen

OTON Glasses sind Brillen, die keine Gläser haben, dafür aber eine seitliche Kamera und einen Lautsprecher, der via Kabel mit dem Rahmen verbunden ist. Gedacht ist das Gerät für Menschen mit eingeschränktem Sehen. Die Kamera der Brille ermöglicht es via Texterkennungssoftware, getippten Text per Knopfdruck zu scannen und über den Lautsprecher auszugeben, sodass auch Menschen mit Sehbehinderung die Texte erfassen können.

Im Gegensatz dazu reißt „She-Bon“ die Technik auf künstlerische Art und Weise aus ihrer Box.

She-Bon: mehr als nur tragbare Erregungsmesser

She-Bon: mehr als nur tragbare Erregungsmesser

„She-Bon“  ist laut Definition der Urheberin Sarah Petkus „A wearable platform for sensing and indicating human arousal“. What? Der technische Aspekt dieses Vorhabens sind tatsächlich tragbare, optisch auffällige Gadgets mit Sensoren, die Herzschlag, Muskelspannung usw. messen, um die (sexuelle) Erregung des oder der TrägerIn zu messen. Das Besondere dabei ist, dass der gesamte Entwicklungsprozess dokumentiert wurde. In einem Video erzählt die Entwicklerin frei von der Seele, wie Menschen „out of touch“ mit ihren Körpern sind, wie schwer es ihr fiel, einen Orgasmus zu haben und wie ungerechtfertigt die Scham in Bezug auf Sex-Toys sei. Die Videoreihe soll dazu beitragen, das Tabu um Sex und Sexualität zu brechen, aber auch um datenbasiert ein besseres Sexleben zu ermöglichen.

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Die EntwicklerInnen von She-Bon wollen das Tabu um Sexualität brechen.

So unterschiedlich all die vorgestellten Projekte sind, sie haben eines gemeinsam: Die Technik wird greifbar, hat ein reales Resultat, das bestaunt, belächelt, verbessert, benutzt werden kann. Sie lassen den wahren Charakter unserer digitalen Welt erahnen: Die neuen Errungenschaften sind Werkzeuge, die von uns verwendet werden wollen um zu gestalten. Lassen wir sie nicht in einer Box rumliegen!

Welche Krise?

Gibt es in einem Zeitalter von Google Inc, Zuckerbergs und einem Social-Credit-System für StaatsbürgerInnen denn überhaupt die Möglichkeit, „Kunst, Technologie und Gesellschaft“ in Einklang zu bringen? Kann zwischen dem Datenkapitalismus des Silicon Valleys und dem Datentotalitarismus autoritärer Staaten ein neuer Weg, ein nachhaltiger DatenHUMANISMUS entstehen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die „European Platform for Digital Humanism“. Ein Ziel ist es, die soziale Marktwirtschaft samt Wertschöpfung mit europäischen Werten zu vereinen, human zu produzieren, „Synergien zwischen Kunst und Technologie“ zu fördern und „nachhaltige Innovation in Industrie und Gesellschaft zu stärken“. Die STARTS-Ausstellung bietet Einblick:

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Kunststoffalternative1: Die Kunststoffalternative aus Cellulose ist vielseitig einsetzbar.

Ein Forschungsthema ist die Kunststoffindustrie: Plastik ist praktisch, aber nicht umweltfreundlich. Im Zuge des Projektes „This is grown“ entwickelten Jen Keane und WissenschaftlerInnen des Imperial College London ein kunststoffähnliches Material aus Cellulose – hergestellt von Bakterien. Das Gewebe ist reißfest, kann in verschiedenen Variationen hergestellt werden und ist zudem auch als Hybridform (also mit herkömmlichem Kunststoff gemischt) erhältlich, sodass es in zahlreichen Bereichen der Industrie (auch als Schuh, siehe Bild) verwendet werden könnte.

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Dieser Schuh wurde von Bakterien „gewoben“.

Ja, es gibt also eine Krise – aber mithilfe neuer Technologien und kreativen Köpfen können wir diese bewältigen und eine neue Zukunft entwerfen.

Welche Revolution?

Welche Revolution dauert 40 Jahre? Die Evolution des digitalen Zeitalters ist eine einzige Aneinanderreihung kleiner und großer Revolutionen. Der erste Personal Computer, das Internet, Big Data, autonome Fahrzeuge, künstliche Intelligenz. Wie geht es weiter? Zum einen wäre hier die Kunst. A-Mint und Ai-Da sind zwei auf KI basierende Maschinen, die mithilfe von Unmengen an Daten Musik komponieren und Kunstwerke zeichnen und malen. Ai-Da wurde bewusst menschlich gestaltet, um den Menschen einen Zugang zum/zur „KünstlerIn“ hinter den Werken zu ermöglichen. Auf die Frage, ob seine Maschine denn nicht herkömmliche KüstlerInnen gefährde, sagte einer ihrer Erschaffer nur: Es sei eine neue Form der Kunst, so wie vor Jahrzehnten die Fotografie – eine Erweiterung herkömmlicher Wege also.

A-Mint und dessen Creator Alex Braga, (c) Phillip Greindl

A-Mint und dessen Creator Alex Braga, (c) Phillip Greindl

Wie bereits erwähnt müssen wir auch unser Konsumverhalten, unsere Gier und die Produktionskette überdenken. Der Turbo-Kapitalismus hat uns weit gebracht, jedoch ist es an der Zeit, Mäßigung zu zeigen, mit der DatenCloud klug umzugehen und neue Wege zu erschließen (Ein Buchtipp: Homo Deus von Yuval Noah Harari).

Es reicht aber nicht, diese Revolution allein den EU-Institutionen, den „Eliten“ aufzubürden. Jede/r muss sich selbst kritisch befragen: Was will ich, was nicht? Was soll mit meinen Daten geschehen? Wie weit darf Überwachung zugunsten der Sicherheit gehen? Das #25QforCities sollte einen guten Einstieg zu dieser Thematik liefern.

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25QforCities: Wie gestalten wir unsere Zukunft?

Doch egal wie wir uns entscheiden, was auch immer kommen mag, die Botschaft der ARS Electronica ist klar:

In jedem Fall müssen wir alle „Out of our Boxes“. Wir müssen raus aus der Deckung, raus aus der Komfortzone, raus aus unseren Bubbles, raus aus unserer Ignoranz. Wir müssen raus aus der irrigen Meinung, dass wir uns um die Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft drücken könnten.“ (Zitat der VeranstalterInnen)

Und irgendwie haben sie es geschafft: Die ARS Electronica, ein futuristisch anmutendes Wonderland, das tatsächlich Kunst, Gesellschaft und Technik vereint.

(c) Emiko Ogawa

* Die ARS Electronica ist eine seit 1979 in Linz stattfindende Messe, die sich mit digitaler Innovation, Kunst und Gesellschaft beschäftigt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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