Reallife-Tutorial: Die Bilanz meines Au-Pair-Daseins

Engagement
Andrea Ortner / 05.07.2018
Au Pair

Huiiii. Und auf und ab fährt die emotionale Achterbahn. An Bord: Ich mit meiner italienischen Gasfamilie: Mama, Papa, Tochter (9 Jahre) und die beiden Söhne (5 und 6 Jahre alt). Nach mittlerweile fünf Monaten halte ich es für angebracht, Bilanz zu ziehen. Ich bekam interessante Einblicke in das italienische Familienleben und die Kultur unseres südlichen Nachbarlandes, verbesserte mein Italienisch und machte viele neue Erfahrungen. Urlaub – so viel schon mal im Voraus – war´s trotzdem keiner.

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Ich würde diese Zeit eher als ein echtes Reallife-Tutorial betrachten. Auch wenn sich das Au-Pair-Dasein natürlich nicht mit echter Mutter- und Vaterschaft vergleichen lässt, bekommt man schon mal eine Vorstellung vom Familienleben – es entsteht im besten Fall eine Gemeinschaft, eine Einheit, die auch durch gelegentliche Streitereien nicht erschüttert wird. Und im schlimmsten Fall bekommt man  ein warnendes Beispiel, wie man seine eigenen Kinder NICHT erziehen sollte… Wie auch immer, im Nachhinein ist man wenigstens nicht mehr ganz so unwissend und unvorbereitet auf ein mögliches Leben mit eigenen Kindern:

Es sollte ja mittlerweile allgemein bekannt sein, dass Nachwuchs zu haben Arbeit bedeutet. Bevor ich jedoch Teile dieser Arbeit übernehmen musste, war mir nicht bewusst, wie viele Kleinigkeiten beachtet werden müssen, damit der Rest im Großen und Ganzen funktioniert. Es fängt am Morgen an: Wettercheck. Was ziehen wir an? Lange Ärmel oder kurze? Oder beides, um flexibel zu sein? Wechselkleidung – vergiss NIEMALS Wechselkleidung. Allgemein muss man sich einfach angewöhnen, für mehrere Leute zu denken, sich in sie hineinzuversetzen und so vorauszusagen, was im Verlauf des Tages benötigt wird. Essen: Bedenke, wer was wie nicht mag und sei immer darauf vorbereitet, dass das Lieblingsessen von gestern heute „grauslich“ ist. Freizeit. Wer hat wann Nachmittagsaktivitäten? Ist die Sportkleidung gewaschen, sind die Taschen gepackt? Sind auch 25 Extraminuten eingeplant, für den Wut- und Schreianfall darüber, dass wir heute die blaue Wasserflasche anstatt der grünen nehmen? Gut. Und immer wieder muss Spielzeug repariert werden, da kommt etwas handwerkliches Geschick zugute. Auch Streit schlichten nimmt bei drei Rabauken ziemlich viel zeitlichen Aufwand ein: zuerst müssen die Zähne des einen aus der Schulter des anderen gelöst werden; danach wird ein (labiler) Waffenstillstand vereinbart und danach im besten Fall ein Kompromiss ausgehandelt – oder die Streithähne werden räumlich getrennt (die realistischere Lösung). Erschwerend ist hier, dass natürlich jedes Kind unterschiedlich ist und somit einen anderen Umgang erfordert. Doch man wächst wirklich mit und an diesen Aufgaben, jeden Tag, Stück für Stück.

Jeden Tag, jede Stunde und jede Minute wird man auch an etwas anderes, sehr Fundamentales erinnert: die eigene Vorbildfunktion. Kinder bemerken ALLE mehr oder weniger schlechten Angewohnheiten, auch die, von denen du selbst bisher nichts wusstest. Vor allem die einmaligen Kleinigkeiten, die auftreten, wenn wir uns ein Stückchen gehen lassen, werden beinhart geahndet. Beispiel gefällig? Halt dir beim Gähnen einmal die Hand nicht vor, und deine Kleinen werden dich auf ewig daran erinnern. Du hast es eilig und wagst es, schnell mit den bereits angezogenen Schuhen etwas aus dem Wohnzimmer (!) zu holen? Von nun an wird also fröhlich mit Schuhen durchs Haus gelaufen, ja? Oder das etwas unangebrachte Handzeichen, gerichtet an den Fahrer, der einem den Vorrang nimmt….Nein liebe Gastmutter, von MIR haben sie diese Geste ganz bestimmt nicht gelernt! Es ist faszinierend, wie aufmerksam Kinder Erwachsene beobachten und zu imitieren versuchen – sie halten einem sprichwörtlich den Spiegel vor.

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Das Wichtigste, das ich mir persönlich mitnehme aus diesen Monaten, ist eine neu entdeckte Dankbarkeit gegenüber meinen eigenen Eltern. Kinder zu haben/zu betreuen ist ein Abenteuer, aber vor allem eine große Aufgabe und Verantwortung und nein, es macht nicht immer nur Spaß. Es erfordert Beherrschung, ruhig zu bleiben, wenn (d)ein Kind dich anschreit, wüst beschimpft; sich versteckt, weil er/sie nicht zur Schule will und ihr eh schon spät dran seid; bewusst den Esstisch verwüstet oder (ha!) in einem Anfall von Misogynie Frauen als Dienerinnen, schwach und unterlegen bezeichnet. Aber dann gibt es auch die andere Seite: stundenlanges gemeinsames Fußballspielen im Park, lachend. Oder der freudige Empfang, der mich erwartete, als ich nach einem Wochenendausflug wieder zurückkam. Oder als mein Kleiner mir die Hälfte seines Nachtisches anbot, damit auch ich etwas von dieser köstlichen Leckerei (namentlich Paprikachips) haben konnte.
Und ich denke: Es ist nicht immer alles gut.
Aber es ist OK.
Und diese Zeit wird mir für immer im Gedächtnis bleiben.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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