Regnerische Gedanken

Umwelt
Maren Michl / 23.04.2019
Regen

Hörst du das? Wenn du abends im Bett liegst, nicht wirklich müde bist und dich unruhig herumwälzt. Bis du ein leises Trommeln hörst, ein zartes Klopfen an dein Fenster,  mit dem du ruhig einschlafen kannst.

Spürst du das? Wenn du im Sommer im Garten sitzt, und es plötzlich anfängt zu schütten, aber es dir egal ist, weil es eine willkommene Abwechslung von der brütenden Hitze ist, und in fünf Minuten wieder alles trocken sein wird. Du die Tropfen unbekümmert wie Schnee auf der Zunge zerfließen lassen kannst.

Erinnerst du dich an das? Wenn es früher angefangen hat zu regnen, und du mit Gummistiefeln, Anzug und dem winzigen Regenschirm, den du hattest, nach draußen gerannt bist. In Pfützen springen, durch den aufgeweichten Rasen laufen, das Geräusch, wenn der Matsch noch nicht weiß, ob er deinen Stiefel wieder hergeben will.

Fühlst du das? Wenn du nach der Schule zu Fuß nach Hause gehen musst, zu allem Überfluss dicke Tropfen vom Himmel klatschen und sich durch deine Schuhe in die Socken fressen, eiskalt unter deine Haut kriechen und dort systematisch in deine Venen stechen, die die Kälte bis in dein Herz treiben.

Bemerkst du das? Wenn es schon den ganzen Tag irgendwie widerlich nieselt, alles grau hinter einer versprühten Wasserhülle liegt und dann die Sonne darauf scheint, um den schönsten Regenbogen, den du je gesehen hast, an den Himmel zu werfen und dir den Tag zu retten.

Kennst du das? Wenn du gemütlich in deinem Zimmer sitzt und hörst wie draußen die Welt untergeht, wie eimerweise Fluten zu Boden stürzen, immer mehr und immer schneller. Wie du dann dein Fenster öffnest, und teilhast an dieser Machtdemonstration der Natur, wie sie windig ihre Regensoldaten in die eine oder andere Richtung peitscht, kommandiert von Blitz und Donner.

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Also was fühlen wir eigentlich für den Regen? Lieben wir ihn, hassen wir ihn? Fest steht, wir brauchen ihn. Nicht nur um zu leben, auch um zu fühlen.

In welchem guten Liebesfilm kommt es nicht zum lang ersehnten Kuss im Regen, nachdem den Protagonist/innen endlich klar geworden ist, wie sehr sie sich brauchen. Regen als neuer Anfang, als Funke der Hoffnung, der neues (gemeinsames?) Leben sprießen lässt.

Jedes Drama braucht den Moment, in dem die Hauptfigur verzweifelt in einer scheinbar ausweglosen Situation (verlaufen in der Großstadt, zurückgewiesen unter dem Fenster der großen Liebe, frisch geschieden) zusammenbricht, und sich die „Tränen mit dem Regen vermischen und gemeinsam von der Wange zu Boden tropfen“. Regen als ernüchternd kühler Naturspiegel unserer Emotionen. Wenn wir weinen, dann kann es auch der Himmel.

Oder irgendein Film in dem der/die Held/in der Geschichte endlich das Richtige tut, sich vom handgreiflichen Partner/in trennt, sein/ihr Zimmer verlässt und in die Welt aufbricht, aus der Mafia austritt und die kriminelle Kariere an den Nagel hängt. In diesem Moment nämlich stürzt er/sie aus einem Gebäude, voller Tatendrang, stutzt kurz ob des Regens und bleibt stehen. Man sieht ein kurzes Zucken oder Umdrehen, aber dann schaut er/sie wieder nach vorne, legt den Kopf in den Nacken, schließt genießerisch die Augen und lässt sich den Regen über das Gesicht fließen. Begleitet wird das Ganze von einem seligen Lächeln, glücklichem im-Kreis-Gedrehe und in Extremfällen lautem, befreiten Lachen. Regen als Reinigung, als „Schwamm drüber“, wo Flächen überflutet werden entsteht wieder Neues.

Gut und dann gibt es noch Naturfilme in denen Regenmassen irgendwo in einem Norwegischen Wald den Boden zu Matsch verwandeln, Muren Bäume umreißen und die hypnotisierende Männerstimme aus dem Off irgendwas darüber erzählt, was für ein herber Rückschlag der Verlust des Baus für die Hasenfamilie ist, dass die Jungen zwar alle gerettet werden konnten, aber ohne Nest schutzlos den Füchsen ausgeliefert sind. Danke Universum. Regen also auch als grausames Unwetter mit Hang zur Zerstörung.

Ohne den Regen wäre unsere Welt nicht wie sie ist, auch die Literatur würde ohne ganz vertrocknen, nicht nur weil die Regen-Szenen fehlen, sondern auch weil platschen und tropfen, rinnen und fließen, stürmen, nieseln, schütten uns nicht mehr von allen Seiten entgegenregnen, und eine ausgedörrte Buchlandschaft zurücklassen würden.

Ach Regen, du Liebling aller Autoren, was wären wir nur ohne dich.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 12.12.2019 bearbeitet.

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