Reichtumsgefälle

Leben
Lena Leibetseder / 16.01.2019
bling gang china

Das Internet, das liebste Tool zur Selbstdarstellung, hat einen neuen Trend geboren. Geburtsort: Das chinesische soziale Netzwerk „Weibo“. Geburtsgewicht: 2,3 Millionen Klicks. Unter dem Hashtag „fallingstars“ nehmen mittlerweile tausende UserInnen auch außerhalb Chinas an der „Flaunt your Wealth Challenge“ teil, um ganz trivial mit ihrem Reichtum anzugeben. 

Eine junge Frau liegt mit dem Gesicht nach unten in Geldscheinen. Im perfekten Radius aufgefächert umrahmen die Scheine ihren Oberkörper, die Tasche liegt offen am Boden. Handy, Sonnenbrille, Lippenstift und Kamera sind herausgefallen und reihen sich in die ausgeklügelte Bildkomposition ein. Das Bild soll so aussehen, als wäre die Frau gestolpert und dabei zufällig in einen Kranz ihrer Besitztümer gefallen.

Wenn dieses Bild in einem Museum hängen würde, läge eine sozialkritische Rezeption nahe. Einem Mädchen, das zwischen ihren Besitztümern scheinbar zerstört am Boden liegt, haftet ja ein Hauch von Antikapitalismus an. Die TeilnehmerInnen der „Flaunt your Wealth Challenge“ sind dem Antikapitalismus jedoch in keiner Weise verbunden, ihr Ziel ist die substanzlose Darstellung ihres Reichtums. Sie geben lediglich mit ihrem Geld an. „Flaunt your wealth“ heißt zu Deutsch nicht zuletzt „stelle deinen Reichtum zur Schau“.

Die trivialen Beweggründe hinter diesen Postings schreien nach Kritik, und Kritik heißt in sozialen Medien oft Parodie. Ein alter Mann fotografiert sich zwischen Bierdosen und seinem Zelt, eine Studentin zwischen einer Packung Tampons, einem angebissenen Burger und einer leeren Wasserflasche.

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Doch diese Diskrepanz zwischen den originalen Fotos der Challenge und den Parodie-Bildern ist im Kern ein Abbild der chinesischen Gesellschaft. Die Wirtschaft in China boomt, und gleichzeitig hat die Schere zwischen Arm und Reich die 180-Grad Öffnung seit langem überschritten. Ein junger Chinese fotografiert sich in Peking inmitten seiner Rolex-Uhren während ein Bauer in der Provinz Guizhou Schwierigkeiten hat, seine Familie zu ernähren.  Die chinesische Landbevölkerung wohnt ihn selbstgebauten Häusern, friert im Winter und hat keinen Zugang zu Strom oder Trinkwasser. Junge Schülerinnen lernen indessen in Hongkong rund um die Uhr, um einen der wenigen Studienplätze oder eines der noch wenigeren Stipendien zu erlangen. Die Studiengebühren scheinen in China im Vergleich zu den USA zwar minimal, allerdings sind die 800 Euro, die ein Studium im Durchschnitt kostet, für die meisten ChinesInnen eine untragbare finanzielle Belastung. Denn jede/r sechste Chinese/Chinesin muss mit neun Yuan am Tag auskommen, das ist umgerechnet knapp ein Euro.

China zeigt sich jedoch reformwillig. Die Regierung bemüht sich, die Schere zu schließen. Auch das rasante Wirtschaftswachstum der Volksrepublik trägt zur Wohlstandssteigerung bei – China ist Weltmarktführer bei erneuerbaren Energien, die größten Technologiefirmen der Welt haben ihren Sitz in Peking oder Hong Kong. Die chinesische Wirtschaft ist gut aufgestellt, doch durch das krasse Armutsgefälle wirkt sich der Boom fast nur auf die Oberschicht aus. Die Armut der Unterschicht ist immer noch Realität und verleiht den Bildern der „Flaunt your Wealth Challenge“ einen bitteren Beigeschmack.

Es darf natürlich jede/r in sozialen Netzwerken posten, was er oder sie möchte, so lange man den rechtlichen Rahmen einhält. Wenn junge ChinesInnen gerne skurrile Reichtums-Angeberei posten, sollen sie das so exekutieren. Kritisiert werden soll aber Vieles, um das Mädchen, das ihren Kopf auf Geldscheine bettet und alle anderen zum Nachdenken zu bringen. Darüber, dass in China die untersten 25 Prozent nur ein Prozent des Staatsvermögens besitzen, das obere Prozent aber mehr als ein Drittel. Und darüber, dass es sehr zynisch anmutet, zwischen seinen Rolex-Uhren zu posieren, während ein Teil der Landbevölkerung hungert.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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