Remake of a Summer - Viele Bilder von Paris

Kultur & Events
Karim Azman / 26.05.2018
Festivalpass

Nicht jeder Dokumentarfilm ist so, wie er einem vielleicht in jungen Jahren erschien und der geistig in einer Schublade abgelegt wurde. Im Kindesalter verband man mit dem Wort Dokumentation, Filme in denen eine Stimme aus dem Off synchron zu den bewegten Bildern eher trocken Lehrreiches über längst Vergangenes vermittelte. Leider lief es stets nach dem gleichen Schema ab, was in so manchen Schulstunden ganze Klassen dahindämmern ließ.

Dass Dokumentationen laut der Wortbedeutung nur die Realität abbilden, indem sie Handlungen von Menschen filmen oder nur insofern in die Realität eingreifen, dass Interviews geführt werden, ist ein oft vergessener Fakt. Es bedeutet schlicht: Keine Verstellung wird gefordert, keine professionellen SchauspielerInnen sind nötig.

Keine Zeit wäre besser gewesen als sich vom 4. bis zum 10. Mai 2018 anlässlich des „ethnocineca“-Filmfestivals in das Kino De France und das Votiv Kino zu begeben, um sich die Verschiedenartigkeit und Vielfalt dieser Filmkategorie vor Augen zu führen und sich von den vielen Qualitäten begeistern zu lassen. Oder eben bei der festgefahrenen Meinung zu bleiben. Wie schade, würde man nicht mal den Versuch machen, sie zu überdenken.

Viel zu oft bleiben im Leben die wichtigsten Fragen offen. Jede/r will glücklich sein, doch wie glücklich werden? Wohl die meisten haben sich schon gefragt, ob sie glücklich sind. Und was ist Glück eigentlich? Jede/r hat darauf eine andere Antwort. Wie interessant die verschiedenen Zugänge und die gesamte Vielfalt der Antworten zu diesen elementaren Fragen sein können, hat der Gewinnerfilm „Remake of a Summer“ in der Kategorie „Excellence in Visual Anthropology Award“ bewiesen.

Zunächst wird beliebigen PassantInnen in Paris die Frage gestellt ob sie glücklich seien und danach, was Glück für sie persönlich bedeutet. Zahlreiche Szenen regten zum Nachdenken an. Beispielsweise als ein 40-jähriger desillusioniert erklärte, dass es zum Erwachsenwerden gehöre, Träume aufzugeben. Eine Aussage, die das Potenzial hat, die Menschen zu motivieren, ihre Talente zu nutzen und ihre Lebenszeit für ihre Leidenschaft herzugeben. Junge Menschen ermutigt es gewiss, ein solches Eingeständnis zu hören, denn wer möchte eines Tages Derartiges sagen müssen?

Mit Dialogen aus dem Original „Chronicle of a Summer“, die sich stets wunderbar zu den eigentlichen Interviews im Film fügten, wurde auch nicht die avantgardistische Facette außer Acht gelassen, was den Anspruch der Filmemacher offenlegt: Hier wollte man Außergewöhnliches schaffen, über Konventionelles hinausgehen…

Ebenfalls ein besonderer stilistischer Griff war, die Mitwirkenden am Ende in einem Kinosaal über den Film sprechen zu lassen. Obwohl verschiedene Personen mit Migrationshintergrund zu Wort kamen, war nicht die Herkunft von Bedeutung, wie eine mitwirkende  Person im Gespräch am Ende vermutet hatte, denn tatsächlich hat laut den FilmemacherInnen bei der Wahl der InterviewpartnerInnen eher Alter sowie gesellschaftliche Schicht eine Rolle gespielt. Es wurde kein Anspruch auf Repräsentativität gestellt.

Einige Fragen waren den Interviewten neu, manche nicht unbekannt, sie sind jedoch von diesen persönlich erstmals selbst beleuchtet und reflektiert worden. Womöglich könnte es auch Ziel der MacherInnen gewesen sein, bei manchen einen Nachdenkprozess einsetzen zu lassen, bezüglich dieser vielleicht entscheidendsten Fragen nach dem Lebensglück. Abgesehen davon, wurden auch Fragen zu Identität und selbstbestimmtem Leben angestoßen oder gestellt. Dilara, 20, aus der Türkei, sagte, sie müsse zwischen menschlichem Kontakt und Freiheit wählen, da ihre in der Türkei lebende Familie sie einenge und beschränke. Zum einen sagt eine algerisch-stämmige Französin, dass sie bei der Frage, ob sie aus Brasilien komme, oft bejahe, da sie sich nicht gerade mit Algerien verbunden fühle. Zum anderen sagt ein schwarzer Tänzer, dass er wegen seinen engen Hosen verspottet wurde, aber er dennoch seinen Traum, das Tanzen, leben und sich nicht verstellen wolle. Es geht darum, sich nicht von den Vorstellungen der Gesellschaft unterjochen zu lassen.

Die Botschaft könnte lauten: Versauert nicht in einer Ritterrüstung, die euch mehr Sicherheit verspricht, aber die Freiheit raubt, denn vielleicht lebt es sich als LebenskünstlerIn in Ungewissheit besser. Insgesamt stellt dieser Dokumentarfilm ein erfrischendes Erlebnis dar. Inspirierend, motivierend, erhellend. Eine Werbung für diese vielleicht etwas angegraute Sparte des Films, die die Kassen noch immer nicht so klingeln lässt und doch einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft leistet. Obwohl angegraut der falsche Ausdruck sein könnte, ist „Remake of a Summer“ doch eigentlich eine „neuartige kinematografische Methode“: Nämlich die Neuverfilmung eines 50 Jahre alten Dokumentarfilms, im Besonderen des Kultfilms „Chronicle of a Summer“ von Jean Rouch und Edgar Morin. Hat man diesen nicht gesehen, so weckt er beim Zuseher oder der Zuseherin Interesse aufs „Original“ und selbst ohne dieses zu kennen, kann der Film getrost als gelungen bezeichnet werden. Die Essenz des Films, schöpft euer Potenzial aus und lasst euch nicht beirren, belebt ungemein. Denn es wird kein Elend gezeigt. In persönlichen Gesprächen über die Zukunft werden selbstbewusste Entscheidungen getroffen und erklärt, die die ZuseherInnen wohl gleichermaßen motivieren sollen. Ein positiver Film, der mit positiven Bildern und Emotionen, die Träume – aber auch Probleme – von Paris' BürgerInnen nahebringt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 21.08.2019 bearbeitet.

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