Schulter an Schulter als Soldatinnen des Friedens

Youth Reporter in Israel
Lizanne Daniel / 21.11.2017
Störer: 
Klagemauer Jerusalem

Heller, rauer Kalkstein. Menschenmassen in Hoffnung.

Ich warte. Wir stehen so dicht gedrängt, dass ich die Frauen neben mir spüren kann. Manchmal kreuzen sich Blicke und dann ist es die unausgesprochene Verbundenheit, die sie für einen kurzen Moment festhält. Ein Augenblick, in dem Fragen der Distanz, Fragen des Konflikts und Fragen des Misstrauens beantwortet scheinen. Ein Augenblick, der keine Zweifel duldet und einer, in dem sie ausgelöscht werden, die Mauern, die wir bauen in dem sinnlosen Versuch, festzuhalten, was niemals uns gehörte. Denn es ist hier nur Platz für diese eine Mauer. Vielleicht die einzige unserer Welt, die verbindet und Brücke statt Grenze ist. Die Mauer aus hellem, rauem Kalkstein. Die Klagemauer in Jerusalem.

Ich warte also darauf, den Zettel in meiner Hand zwischen die Steine zu schieben, um ihn hier zurückzulassen. Ein Zettel unter tausenden mit einem Wunsch unter tausenden und von einer Frau unter tausenden.

Sie dreht sich um. Und obwohl sie mich nicht berührt, weiche ich instinktiv zurück, gefesselt von ihrem tränenverschleierten Blick. Die Träne, die sich dann in ihren Wimpern verfängt bis sie schwer genug ist, um langsam bis zum Kinn zu rollen, hinterlässt eine schmale Spur auf ihrer staubigen Wange. Es ist diese Träne, die für einen kurzen Augenblick Zentrum meines Universums wird. Ich spüre den inneren Kampf – Hoffnung gegen Verzweiflung. Es ist ein Kampf, der viel zu schwer scheint für diesen zierlichen Körper. Deshalb ist es selbstverständlich, ihn kollektiv auszuführen und die eine große Last auf tausende Schultern zu verteilen.

Als die erste Schrecksekunde überwunden ist, dreht sich plötzlich alles. Ich möchte nicht mehr weg, so schnell wie möglich weg von tränenverschleierten Blicken und staubigen Wangen. Denn ich habe begriffen: Ich bin ein Teil von all dem, und es ist ein gewaltiges Gefühl, das zu begreifen. Ich bin nicht religiös, und ich bin nicht Jüdin und doch ist es der einzige Ort, an dem ich in diesem Moment sein möchte. Denn es fühlt sich richtig an. All diese Frauen sind Mosaiksteine eines Ganzen, das sich nicht auf menschlich erdachte Prinzipien, auf Religion und Nationalität beschränken lässt. Es ist weitgreifender, durchdringender, unhinterfragbar. Jetzt in diesem Moment, in allen vergangenen und für immer. Und während ich begreife, verschleiert mein Blick und ich weiß, die Träne, die sich in meinen Wimpern verfängt, wird eine schmale Spur auf meiner Wange hinterlassen.

 

Sie sieht es. Und wir lächeln uns an, in dem Wissen, ich trage damit einen kleinen Teil ihres Wunsches mit. Nach einer kurzen Ewigkeit löst sich unser Blick, und sie schiebt sich an mir vorbei, um zwischen den tausend anderen Frauen zu verschwinden. Ich sehe ihr nach bevor ich mich wieder der Mauer zuwende, um meinen eigenen kleinen Wunsch den Steinen anzuvertrauen.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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