Studiert (nicht) Jus: Ein Interview-Entscheidungsguide zur Studienwahl. Über Studieninhalte, Berufschancen und andere Überraschungen

Wissen
Anna Morandini / 18.09.2018

Rund 2500 Studierende entscheiden sich (Stand: vor Einführung der nun politisch vorgegebenen Aufnahmeprüfung) alleine in Wien jeden Herbst für ein Jus-Studium – etwa 1000 von ihnen schließen die Studieneingangs- und Orientierungsphase auch ab. Und das obwohl viele dieses Studium vor allem mit Auswendiglernen assoziieren. Keineswegs alle entscheiden sich ganz bewusst für die juristische Ausbildung: von manchen hört man, es sei schlicht das Studium, das man sich noch am ehesten vorstellen könne. Dabei gibt es in der Schule mit juristischen Inhalten im Vergleich zu jenen so vieler anderer Studienrichtungen – man denke nur an Physik, Germanistik, Psychologie oder auch Lehramt - kaum je Berührungspunkte. Auch das sich durch das Studium ziehende Fälle-Lösen ist aus der Schule kaum mehr als eine Unbekannte. Grund genug zwei Jus-Studierenden, Simone (21) und Lukas (20) vom Wiener Juridicum, Fragen zum manchmal eher mythenumwobenen Jus-Studium zu stellen.

Gibt es einen Aufnahmetest? Habt ihr Tipps dafür?

Simone: Bei mir gab es keinen Aufnahmetest, aber eine Steop [Anm.: Studieneingangs- und Orientierungsphase]. Ich fand nicht, dass diese schwierig war, obwohl alle einen extremen Stress davor haben. Meiner Meinung nach ist die Steop, vor allem wenn man in die Vorlesungen geht und mitlernt, schaffbar.

Lukas: Bei mir gab es noch keinen Aufnahmetest, jedoch wird es soweit ich weiß in Zukunft einen geben. Außerdem gibt es im ersten Semester eine Studieneingangsphase, die sich am Juridicum Wien aus einer großen, schriftlichen Prüfung aus den Fächern Öffentliches Recht, Privatrecht und Rechtsphilosophie sowie einer Pflichtübung aus wahlweise Römischem Recht oder Rechtsgeschichte zusammensetzt. Vieles davon ist im späteren Studium noch wichtig, weshalb die Studieneingangsphase einen ganz guten Einblick ermöglicht, ob das Studium wirklich den eigenen Interessen entspricht. Aus der Schule kommend ist mir die Einführungsprüfung vor allem wegen des Stoffumfangs sehr schwierig erschienen, mit guter Zeiteinteilung und ausreichend Lernen und dem Besuchen von Übungen, in denen auf Basis der selbst gelernten Theorie (Prüfungs-)Fälle gelöst wurden, war sie aber eigentlich gut machbar.

Worum geht es im Jus-Studium? Was lernt man - was nicht?

Simone: Man lernt - entgegen den Vorstellungen vieler Leute - nicht nur Dinge auswendig, sondern es geht vor allem darum, die Dinge zu verstehen. Im ersten Studienjahr bekommt man nur einen kleinen Überblick durch die Steop und lernt sonst vor allem Rechtsgeschichte und Römisches Recht. Die anderen Dinge wie Privatrecht und Öffentliches Recht kommen erst im 2. bzw. 3. Abschnitt.

Lukas: Das Studium ist (zumindest in Wien) in drei Abschnitte gegliedert. Im Einführungsabschnitt sind neben der Steop auch noch Rechtsgeschichte, Römisches Recht und ein wenig Internationales sowie Europarecht zu bewältigen. Es folgt der privatwissenschaftliche Abschnitt, mit Bürgerlichem Recht, Zivilverfahrensrecht, Arbeitsrecht und Unternehmensrecht. Hier lernt man detailreich welche Rechte und Pflichten BürgerInnen untereinander haben – da geht es beispielsweise um Eigentum, Ehe und Scheidung, Erbschaft und Rechtsgeschäfte wie den Kauf. Vieles davon betrifft tatsächlich das tägliche Leben, ist also gar nicht so abstrakt wie sich das einige vorstellen. Außerdem lernt man hier auch wie Prozesse ablaufen und Gerichte arbeiten. Es folgt der Staatswissenschaftliche Abschnitt, mit Öffentlichem Recht, Europarecht und Internationalem Recht. Hier lernt man also wie der Staat aber auch die Europäische Union aufgebaut ist oder welche Rechte und Pflichten Staaten international haben. Daneben gibt es noch abschnittsunabhängige Prüfungen wie Strafrecht, Steuerrecht und selbst zu wählende juristische Wahlfächer.

Man lernt, abei wie unser Rechtssystem funktioniert, welche Rechte sich aus dem Gesetz und der Rechtsprechung ergeben, wie man an strittige Rechtsfragen herangeht und wie man auf Basis der Theorie lebensnahe Fälle löst. Einige Dinge, die in der Praxis eine wichtige Rolle spielen, bleiben aber an der Uni ausgespart: etwa der Umgang mit KlientInnen oder die Beweissammlung.

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Welche falschen Erwartungen könnt ihr hier zerstreuen?

Simone: Man muss nicht alles auswendig lernen, wie alle glauben, schon gar keine Gesetzestexte.

Lukas: Eine Gesetzessammlung (meistens den gelben Kodex) darf man bei jeder Prüfung dabeihaben – das Gesetz muss man also nicht auswendig können, sondern verstehen was drinnen steht und wie man mit diesen abstrakten Regeln konkrete Fälle löst. Auswendiglernen muss man dafür trotzdem sehr viel und wohl mehr als in vielen anderen Studien, da dies die Basis für erfolgreiche Prüfungen bildet.

Was ist gut an diesem Studium, was nicht so toll?

Simone: Ich finde es spannend einen Überblick über die Rechtsordnung zu bekommen, weil es auch im täglichen Leben ein Vorteil ist, wenn man über die Rechtslage Bescheid weiß. Was ich nicht so gut finde, ist die Situation im Juridicum in Wien. Oft gibt es überfüllte Hörsäle (vor allem aber nicht nur am Semesterbeginn) und meiner Meinung nach laufen die mündlichen Prüfungen nicht immer absolut fair ab – so variiert etwa die Prüfungsschwierigkeit und Stoffabgrenzung je nach dem alphabetisch zugeteilten/zugeteilter PrüferIn.

Lukas: Gut finde ich, dass das Studium sehr breit aufgestellt ist, was vor allem vielseitig interessierten Studierenden zu Gute kommt, da man sowohl im Studium viele verschiedene Aspekte von Philosophie und Sprachen über Geschichte und Politik bis zu Mathematik findet und auch nach dem Studium viele verschiedene Felder offenstehen. Außerdem sind viele der erlernten Rechtsmaterien tatsächlich auch für den Alltag relevant.

Ein Auslandssemester wird zwar durchaus empfohlen, ist jedoch etwas schwieriger als in anderen Studien, da das Recht überall anders ist und deshalb nur wenige Prüfungen auch im Ausland abgelegt werden können. Außerdem ist Jus in einer Fremdsprache natürlich fordernd.

Was sollte man mitbringen? Wann sollte man eher ein anderes Studium wählen?

Simone: Auch wenn man nicht nur auswendig lernt, muss man bedenken, dass Jus ein sehr lernintensives Studium ist und man (wahrscheinlich) schon recht viel lernen muss. Es braucht auf jeden Fall auch einiges an Motivation, wenn man wieder einmal ein paar dicke Bücher vor sich liegen hat!

Lukas: Nicht jedem liegen die (jedenfalls in Wien) sehr großen Prüfungen, für die man je nach Lerntyp schon mal vier Monate lernen muss. Da sollte man schon eine gewisse Motivation und einiges an Durchhaltevermögen mitbringen. Zudem gibt es (in Wien) kaum Anwesenheitspflichten. Deshalb, und weil man große Stoffmengen im Selbststudium bewältigen muss, ist sicher eine sehr hohe Organisationsfähigkeit gefragt – das kann man schon mitbringen oder sich im Laufe des Studiums aneignen.

Außerdem gibt es (in Wien) ausgesprochen viele mündliche Prüfungen. Für Leute mit Prüfungsangst oder jene, die das Lernen gerne eher gemütlicher gestalten ist es daher vielleicht nicht die beste Wahl. Auch vom Gedanken der Perfektion muss man sich angesichts der Detailliertheit der großen Stoffmenge verabschieden – wer erst zur Prüfung antritt, wenn er wirklich alles kann, wird sehr lange studieren.

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Wie schätzt ihr die Berufschancen ein?

Simone: Ich denke, dass man mit dem Studium ein sehr breites Spektrum an Berufsmöglichkeiten hat und ich denke auch, dass man auch meist eher gut bezahlt wird. Auf jeden Fall gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, als Rechtsanwalt/Rechtsanwältin oder RichterIn zu werden.

Lukas: Von dem Gedanken, dass man Jus studiert, um sicher einen guten Job zu finden, sollte man sich denke ich verabschieden. Dafür gibt es schlicht zu viele Jus-Studierende. Außerdem gibt es zum Beispiel bei RichterInnenstellen, glaube ich, gerade einen Aufnahmejob und auch das Leben als RechtsanwaltsanwärterIn ist in vielen Kanzleien etwas was die Arbeitszeiten anbelangt keineswegs ein Zuckerschlecken.

Trotzdem: Jus ist eine gute Ausbildung, die viele Möglichkeiten bietet. Vom klassischen Anwalt/klassischen Anwältin, einem RichterInnenposten oder der Arbeit im Staatsdienst bis hin zur Arbeit für Unternehmen, NGOs oder internationale Berufe. Das Studium kann also durchaus ein Sprungbrett für einen interessanten, gut bezahlten Job sein – muss es aber nicht.

Was hättet ihr gerne vor eurem Studium darüber gewusst? Und habt ihr Tipps?

Simone: Mir war in meinem früheren Studium nicht wirklich bewusst, wie aufwändig das Studium wirklich ist, weil wir da (meiner Meinung nach) vergleichsweise „wenig“ lernen mussten. Ich würde auch schon in den früheren Semestern mit abschnittsunabhängigen Lehrveranstaltungen beginnen, weil es sonst später viel auf einmal wird.

Lukas: Ich bin ehrlich gesagt fast ein wenig blauäugig ins Jus-Studium gegangen, bei mir hat es dann aber zum Glück gepasst. Man sollte sich sicher dessen bewusst sein, dass man wahrscheinlich mehr Zeit investieren muss als in einigen anderen Studien und auch große, mündliche Prüfungen bewältigen muss.

Worauf sollte man noch achten?

Simone: Es gibt die Möglichkeit Wahlfachkörbe zu absolvieren, die auf jeden Fall spannend sind, und man kann auch ein Erasmus-Semester bzw. Jahr machen. Das habe ich auch noch vor!

Lukas: Praktika sind sicher bei späteren Bewerbungen ein Vorteil. Außerdem ist es neben dem theoretischen Studium sicher sinnvoll schon einmal in die Praxis hineinzuschnuppern – sei es bei Gericht, in einer Kanzlei, einem Unternehmen oder einer nationalen oder internationalen Organisation.

Bei den Wahlfächern ist es sicher sinnvoll, sich schon ein wenig in eine gewünschte Richtung zu orientieren, wenn man schon weiß, wohin man später möchte. Generell gibt es viele Jus-AbsolventInnen, bei einer Bewerbung kann man sich etwa durch gute Noten, ein Auslandssemester, Praktika, Fremdsprachen oder ein Zweitstudium abheben. Oder man nützt eines der vielen Zusatzangebote, die teilweise auch als Wahlfächer zählen: Moot Courts, Law Clinics, etc.

Wie zeitintensiv ist das Studium? Wie lange braucht man realistisch gesehen dafür?

Simone: Ich würde sagen, dass ich durchschnittlich schon 40 bis 50 Stunden pro Woche investiere. Realistisch finde ich in etwa 10 bis 12 Semester (je nachdem, ob man ein Auslandssemester macht)

Lukas: Das ist schwer zu sagen und variiert wahrscheinlich nach Lerntyp, Noten und anderen Faktoren. Ich lerne für die großen Prüfungen zum Teil schon täglich intensiv (wobei ausreichend Freizeit bleibt) für vier Monate. Dafür kann man sich die Zeit relativ frei einteilen, da es kaum Anwesenheitspflichten gibt. Die Mindeststudienzeit für den Magister liegt bei 4 Jahren, die Durchschnittsstudienzeit glaube ich bei 6. Je nachdem ob man auch Erasmus macht oder nebenbei arbeitet halte ich 5 Jahre für ambitioniert aber realistisch.

Warum würdet ihr das Studium insgesamt (nicht) weiterempfehlen?

Simone: Wegen der hohen Studierendenzahlen und der mündlichen Prüfungen würde ich es nicht unbedingt weiterempfehlen. Aber das Fach an sich schon!

Lukas: Ich würde es nicht jedem empfehlen, aber Leuten, die zumindest etwas zielstrebig und vielseitig interessiert. Man hat nach dem Studium, denke ich, vielfältige Möglichkeiten und auch das Studium selbst ist interessant, wenn es einem eben liegt.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 11.12.2019 bearbeitet.

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