Tausende Kerzen und Zettelregen

Youth Reporter in Israel
Karla Arzberger / 21.11.2017
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In der Grabeskirche

Was mich als Person ohne Bekenntnis dazu inspiriert hat, in der Grabeskirche Kerzen anzuzünden und meine Anliegen auf einen Zettel in die Klagemauer zu stecken

 

Als ich vor circa einem Jahr meine nicht wirklich schön designte Unterschrift unter den Bescheid gesetzt habe, der meinen Austritt aus der katholischen Kirche bestätigt, fühlte ich mich frei. Es ist komisch, wenn man etwas verliert, dass man nie wirklich hatte - man sollte meinen, es würde sich nicht wirklich etwas verändern, wenn man ohnehin nicht gläubig ist, dann aber offiziell ohne Religion verbleiben wird. Aber für mich war es ein fast persönlichkeitsformender Tag, denn ich fühlte mich nicht mehr verantwortlich. Nicht mehr wirklich verantwortlich für verschiedenste problematische Dinge, die die katholische Kirche zu verantworten hat. Versteht mich nicht falsch, nicht, als wäre das eine riesige Belastung gewesen, aber dennoch habe ich mich immer als zugehörig zu einer konservativen Gruppe gefühlt, mit der ich nichts gemeinsam haben wollte. Wie so viele ÖsterreicherInnen bin ich getauft, gefirmt und finde katholische Hochzeiten viel zu schön und kitschig, doch die Verzweiflung gegenüber einer Religion, in die ich reingeboren wurde, die Tradition ist, ist praktisch unaufhörlich gewachsen, wie ein Virus. Und je älter man wird, je mehr Gedanken man sich macht, desto mehr bemerkt man - oder häufen sich - Unstimmigkeiten.

 

Deshalb habe ich auch meinen Namen auf das standesamtliche Formular gekritzelt. Jetzt gibt es keine kirchliche Hochzeit für mich, kann wohl auch keine Firmpatin mehr sein, wie es mit Bestattung aussieht…wer weiß, aber die Rebellion hat gesiegt. Es war aber nicht nur befreiend, sondern auch auf eine gewisse Art und Weise gruselig, das nicht mehr dabei sein, bei etwas, bei dem man ohnehin nicht wirklich dabei war.

 

Im Zuge unserer Reise nach Israel haben wir auch Jerusalem besucht. Die heiligste Stadt im heiligen Land quasi. Drei Religionen, die sich in einem Labyrinth aus Straßen im Getümmel manifestieren - zu keiner von den drein ich gehöre. Jesus wurde hier gekreuzigt, die Klagemauer der Juden ist von einem Tempel übergeblieben, der am Ort der Fast-Opferung von Isaak stand, Mohammed ist von dort in den Himmel aufgestiegen und einige Moscheen erinnern an dieses Ereignis. Es ist praktisch ein Konglomerat der drei Weltreligionen, dass sich in verschieden Vierteln manifestiert und durch Leute aller Ethnien getragen wird. Ich als Mensch, der gerne viel mehr philosophische und erweiternde Momente und Begebenheiten erleben würde, hat hier praktisch volle Erwartungen an eine religiöse, mystische Erfahrung und möchte überzeugt werden, möchte etwas erleben, das verändert, oder eine Antwort auf eine nie gestellte Frage finden. Als Psychologiestundentin glaube ich natürlich an die große Macht der Biologie, an Fakten, Experimente, das Tierische im Menschen mit all seinen Fehlern - ich glaube an chemische Prozesse und sexuelle Triebe, auch, dass Hass vielleicht eine gute Erfahrung sein kann und Liebe oft nicht die Antwort ist, denn auch negative Gefühle sind essentiell, um zu lernen.

 

Als ich in die Grabeskirche getreten bin, die Menschen gesehen habe, die ihre Gesichter an den kalten Stein auf dem Boden, auf dem Jesus Leichnam gesalbt wurde, reiben, ihre nackten Knie auf den Boden abgestützt und gejammert, geweint haben, wurde mir kurz kalt. Es ist praktisch alles kurz stehengeblieben, als wäre die Zeit eingefroren. Als ich mir ins Gesicht griff, habe ich bemerkt, dass ich weine. Komisch, da war ich doch eigentlich so versessen auf eine erweiternde Erfahrung, dass ich gar nicht dachte, sie wirklich zu bekommen. Oft ist das ja so - nicht zu viel nachdenken und es kommt von selbst, starr und versessen sein und vergeblich warten. Starr und versessen hat mich aber nicht nur zu einer unerwarteten Gefühlswallung gebracht, sondern gar zu mehreren. Auch als ich die meterlange Menschenschlange sehe, die sich vor einem kleiner Kapelle in der Kirche angestellt hat, mindestens 20 gekrümmte Meter lang, stundenlang am Warten, um den Ort zu sehen, an dem Jesus laut Bibel gekreuzigt wurde, bin ich nicht minder berührt. Das sind die Gänsehautmomente des Lebens, die man wohl nicht so schnell, wenn nicht nie, vergisst.

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Letztendlich habe ich mir selbst einen Ruck gegeben und 4 Schekel in 4 Kerzen investiert, die ich in Gedanken an Verschiedene und Verschiedenes angezündet und wohlgesinnt in der Kirche aufgestellt habe. Keine 10 Sekunden später kam eine Art Mitarbeiter der Kirche und hat mit seiner Hand gekonnt an die 20 Kerzen eingefangen und mit einer sehr schwungvollen aber minder gefühlvollen Bewegung in einen schwarzen Müllbehälter katapultiert. Meine mit einbezogen. Waren eben schon zu viele Kerzen. Hat den Moment dementsprechend zerstört. Hat mich an meinen bewunderten Sigmund Freud erinnert. Religionen helfen dem Menschen in seiner Hilflosigkeit. Die Neurose ist eine individuelle Religiosität, die Religion eine universelle Zwangsneurose. Deren Bestandteil ich marginal durch eine Spende von 4 Schekel wurde.

 

Doch auch bei der „Western Wall", der Klagemauer, werde ich komischerweise überwältigt. Folgendes: es ist Schabbat, das ist im Judentum der siebte Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Dementsprechend ausgelassen und froh gestimmt versammeln sich unzählige Juden und Jüdinnen vor der Mauer um ihre Gebete zum Besten zu geben, zu singen, zu tanzen, zu trauern, sich auszutauschen. Ich fand mich in einer Masse an Frauen wieder (die Klagemauer ist nach Geschlechtern getrennt) die alle gen Wand mit Gebetsbüchern nuscheln, unbegreifliche Laute von sich geben, weinen. Nach einiger Zeit des langsamen Voranschreitens war ich dann direkt vor der Mauer. Ich lege meine Hand gekonnt auf den überraschend warmen, vom Scheinwerfer beleuchteten Stein und suche instinktiv nach einer Ritze, in die ich, wie viele vor mir, einen Zettel mit meinem Wunsch an den da oben stecken kann. Alle Zwischenräume sind bereits voll. Als ich nach unten blicke, sehe ich, dass ich auf einem Berg von Zetteln stehe. Jeder hat sich hier Gedanken gemacht, sie aufgeschrieben, zu tiefst intime Wünsche und Ängste - so viel sind es, dass die Zettel aus den Ritzen rieseln wie alter Putz und sich unter meinen Turnschuhen türmen, mich gute Zentimeter größer wirken lassen. Ich stehe auf den verzweifeltsten Wünschen tausender. Auch jetzt kommen mir die Tränen, als ich mich im großen Ganzen betrachtet in einer Masse von Frauen wiederfinde, die sich alle in diesem Moment verausgaben und stärken. Ich bin keine Jüdin, doch dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit übermannt mich, lädt mich ein, auch hier und jetzt kurz jüdisch zu sein.

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Was ist hier also passiert? Lassen wir es uns analysieren. Faktenbasiert quasi. Nicht die Religionen haben mich berührt, sondern die Menschen. Denn zuletzt kann man die Magie der Heiligen und der heiligen Stätten spüren, aber nur, weil die Menschen es schaffen, all ihre Emotionen zu ballen und in Orten zu manifestieren. Sie machen Jesus lebendig, machen, dass muslimische Gebete über Lautsprecher Gänsehaut bereiten und, dass Notizzettel in Wänden Bände der Sehnsucht und Hoffnung schreiben. Also doch wieder ein relativ realitätsnaher, psychologischer Bezug. Trotzdem haben sie mich überzeugt, all die Gläubigen mit ihrer Magie, die sie wie Weihrauch in der Luft hinterlassen, der dann langsam, aber sicher den Weg zur Seele findet. Falls es die den gibt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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