Treu sein ist auch keine Lösung

Leben
Beritan Balci / 04.06.2019

Ein Interview mit Rosa* über offene Beziehungen, Emanzipation und Sexualität.

Sie sitzt schon da, als ich reinkomme. Kurze Haare. Breites Lächeln. Ein Buch in der Hand. „The code of the extraodinary mind“ von Vishen K.
Als ich mich ihr nähere, steht sie auf und umarmt mich fest. Das ist also Rosa. Ich habe sie in einem Internetforum kennengelernt, und wollte ihr unbedingt für diesen Artikel einige Fragen stellen. Um ehrlich zu sein, nicht nur für diesen Artikel, aber auch, weil ich noch nie genauer darüber nachgedacht habe, eine Beziehung zu führen, in der man sich quasi regelmäßig betrügt. Und genau das hat Rosa mit ihrem Freund. Eine offene Beziehung.

Nach dem typischen Smalltalk-Gerede geht es ans Eingemachte. Ich war vor einem Interview mit einer gleichaltrigen Person selten so aufgeregt. Auf meiner Stirn bilden sich förmlich Schweißperlen, (obwohl es draußen Minusgrade hat) als ich meine erste Frage formuliere, in der Hoffnung nichts Falsches oder Beleidigendes zu sagen.

Wie ist das eigentlich, zu wissen, dass der eigene Freund mit anderen Frauen schläft? ist meine erste Frage, und zu meinem Erleichtern setzt Rosa ihr breitestes Lächeln auf.

Naja, also erstmal ist er zwar mein Freund, aber nicht mein Mensch. Er ist quasi nicht mein Eigentum, und ich habe deshalb auch eigentlich nicht das Recht- auch nicht den Willen, ihn in irgendeinem Lebensbereich einzuschränken. Ganz im Gegenteil. Ich denke, wenn ich einen Menschen liebe, dann möchte ich, dass diese Person über sich hinauswachsen kann, neue Leute kennenlernt, seinen Horizont erweitert, und ja, sich eben auch sexuell ausleben darf. Das bedeutet jetzt nicht, dass wir beide jede Woche unendliche viele Tinder dates haben. Es geht- bei uns beiden zumindest, sowieso vorrangig erstmal um die Freiheit im Kopf. Einfach zu wissen, dass man könnte, wenn man wollte. Sich quasi die Freiheit und den Raum zu geben, sich in ausnahmslos allen Bereichen des Lebens ausleben und ausprobieren zu dürfen, ist für mich eigentlich das größte Zeichen wahrhaftiger Liebe zueinander

Wow. Darauf muss ich erstmal einen Schluck von meinem Tee nehmen, und das sacken lassen. Eigentlich klingt das alles sehr schön, was Rosa mir hier erzählt. Einem Menschen jede erdenkliche Freiheit zu geben, und zu sehen, wie die Person dann trotzdem immer wieder zu einem zurückkommt hört sich für mich nach einer harmonischen Beziehung an, wie sie in den meisten Buddha-Ratgebern beschrieben wird.

Aber wo bleibt die Eifersucht? Ist es überhaupt möglich zu lieben, ohne jemals eifersüchtig zu sein?

Ob man das kann, weiß ich nicht. Ich kanns nicht. Natürlich bin ich eifersüchtig (lacht), das ist ja ein Gefühl, das man nicht einfach mal so abstellen kann. Aber ich denke man kann lernen, damit umzugehen. Eifersucht ist in unserer Gesellschaft aber seltsamerweise nur in Beziehungen erlaubt. Wenn du in der Familie, auf der Arbeit, in der Uni oder sonst irgendwo eifersüchtig bist, und das auslebst, wird dir dein Umfeld schnell zu merken geben, dass das so nicht geht. Du kannst zum Beispiel kein gesundes Arbeitsklima haben, wenn du ständig Groll gegen deine Kollegen hegst, nur weil sie etwas besser gemacht haben. Genauso ist das in der Familie. Sobald du erwachsen bist, ist es nicht mehr in Ordnung deinen Geschwistern eins auszuwischen, weil sie mehr Aufmerksamkeit von deinen Eltern bekommen. Wir müssen also lernen mit Eifersucht umzugehen. Überall, außer in der Beziehung. Da kannst du ganz einfach sagen „Ich bin eben ein eifersüchtiger Mensch“ und dir das Recht herausnehmen, Exklusivität für deinen Freund oder deine Freundin zu beanspruchen. Ich denke, das hat viel mit Erziehung zu tun.

Das macht Sinn. Ist mir ehrlich gesagt auch noch nie so aufgefallen. Mir fällt auf, dass alles was Rosa sagt, in der Theorie sehr abgerundet und logisch klingt. Eben wie eine Beziehung aus einem Ratgeber. Mich interessieren aber konkrete Fälle. Ich möchte wissen, wie sich das in der Praxis anfühlt und wie man lernen kann, damit umzugehen, wenn man eben mal nicht die Nummer eins bei seinem Freund oder seiner Freundin ist.
Mittlerweile reden Rosa und ich schon über zwei Stunden. Ich frage mich die ganze Zeit, ob es unangebracht wäre, etwas Konkretes, Persönliches zu fragen. Natürlich hat mich in erster Linie das Konzept ihrer Beziehung interessiert, aber ich habe immer noch ein bisschen das Gefühl, als würde alles einfach zu perfekt wirken. So, als hätten die beiden nie Probleme, Streits. Als würde ständig alles glattlaufen. Das kann doch gar nicht sein, oder?

Wie reagierst du, wenn du erfahren hast, dass dein Freund mit einer anderen geschlafen hat? Was geht dir durch den Kopf? Wie geht man damit um?

Puh, gute Frage. Ich glaube dafür gibt es keine perfekte Lösung. In erster Linie tut das schon ziemlich weh. Aber ich nehme mir dann erst einmal ein bisschen Zeit für mich, und überlege woher das Gefühl kommt. Wieso bin ich eifersüchtig? Was hat dieses Gefühl ausgelöst? Die Antwort darauf ist eigentlich immer gleich. Ich selbst. Wenn du dich in deiner eigenen Haut unwohl fühlst, wirst du das Gefühl haben, dass dein Partner „etwas besseres“ verdient haben könnte. Und wenn er dann auch noch mit jemand anderem schläft, ist das natürlich schmerzhaft. Ich nehme mir also meine Zeit, meditiere viel, und frage mich, ob diese ganzen negativen Gefühle nicht vielleicht ein Produkt meiner eigenen Ängste sind. Denn am Ende des Tages ist doch alles gut. Ich bin zufrieden mit meinem Studium, meiner Arbeit, und habe einen tollen Freund. Manchmal muss man sich dann auch mal selbst über den Kopf streicheln. (…) Es ist ja nicht so, als würde er mich betrügen. Bei einem Betrug wirst du mit deinem Schmerz allein gelassen. In einer offenen Beziehung redet man offen über alles. Spricht Gefühle an, tauscht sich aus, nimmt sich in den Arm und zeigt sich Zuneigung. Und die ist eben um einiges stärker als eine rein sexuelle Beziehung zu einer fremden Person

Das Gespräch mit Rosa hat insgesamt fast vier Stunden gedauert, und es war unglaublich interessant zu sehen wie jemand das Modell Beziehung einfach auf den Kopf stellt, und ganz anders lebt, als wir es seit Jahrzehnten vorgelebt bekommen. Ich habe gemerkt, dass hinter dem Konzept „offene Beziehung“ viel mehr steckt, als ich Anfangs angenommen hatte. Außer der sexuellen Auslebung geht es vor allem auch darum, sich selbst ein guter Partner, oder eine gute Partnerin zu sein. Rosa und ihr Freund haben beide ihre eigenen Freundeskreise, eigenen Hobbys, eigene Jobs, und auch eigene Wohnungen. Es ist ihnen wichtig, nicht zu einer Person zusammenzuschmelzen, sondern individuell Entscheidungen für ihre Lebenswege zu treffen, um sich dann in der Mitte irgendwo zu treffen.

 

*Die Person hinter dem Namen „Rosa“ möchte anonym bleiben, weshalb ich nicht ihren echten Namen verwende, und auch keine detaillierten Angaben zu ihrer Person mache

@jugendportal auf Instagram

Jugendportal.at wurde zuletzt am 17.07.2019 bearbeitet.

Partner