Von der slowakischen Ballettbühne zur Synchronstimme von Minnie Mouse

Leben
Salma Imara / 10.07.2018
Ballet

Ihre grünen Augen ruhen konzentriert auf dem Bildschirm. Ihr Blick schweift noch ein letztes Mal zum Drehbuch auf dem Tisch. Im Studio ist es ruhig, gleich kommt ihr Einsatz. Sie richtet ihre Kopfhörer, atmet tief durch, legt los: Natalia kichert und erschrickt, jammert und jubiliert, spielt mit ihrer Stimme, lässt sie höher und tiefer werden. Sie ist die slowakische Stimme von Minnie Mouse – wie schepperndes Geschirr klingt es, wenn Natalia aufgeregt spricht. Dann wird ihre Stimme wieder sanft, fast melodisch.  Sie verschränkt ihre schlanken Arme, wippt von einem Fuß auf den anderen. Fünf Stunden lang steht sie in diesem Studio inmitten von Bratislava. Es dürfen keine Fehler passieren. Am nächsten Morgen steigt sie wieder in den Bus nach Wien.

Natalia tänzelt leichtfüßig über die Bühne, wirbelt herum, atmet schwer. Ihre großen Augen glänzen. In diesen Momenten lohnt es sich: Die langen Stunden beim Training, die blutigen Füße, die bissigen Kommentare ihrer LehrerInnen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn sie auf der Bühne steht und eins wird mit der Musik und sich in ihr verliert, für diesen einen Augenblick komplett in ihr aufgeht. Es fällt tosender Applaus.  

„Die Bühne. Dieses Gefühl auf der Bühne…“, seufzt Natalia mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Sie erinnert sich an Momente, die längst vergangen sind. Seit dem Unfall vor sieben Jahren tanzt sie nicht mehr auf Bühnen - und macht dafür tausend andere Sachen. Die 25-Jährige möchte Kindergartenpädagogin werden und besucht dafür das Kolleg im siebten Bezirk. Aber sie malt auch. Singt. Tanzt. Näht sich Sommerkleider. Spricht Hauptrollen für Walt Disney: Natalia ist slowakische Synchronsprecherin und borgt Angelina Jolie in Maleficent ihre Stimme, ist mal Minnie Mouse und mal Wendy von Peter Pan.

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Jeden Tag beginnt ihr Training um acht im Konservatorium für Musical und Schauspielkunst. Dann geht sie zum Ballett, trainiert in Schuhen aus Gips. Tanzt, bis ihre Füße wund und blutig sind. Und dann spielt und singt sie bis elf Uhr nachts im Nationaltheater in Bratislava. In der Nacht taucht sie ihre Füße in ein Eisbad, um am Morgen wieder gehen zu können. Der Druck ist hoch, Freizeit kennt sie nicht. Im Internat herrscht Disziplin. Wer auch nur eine Minute zu spät kommt, darf nicht hinein. Auch ihre privaten Probleme und Sorgen dürfen nicht in den Tanzsaal. Die BallettlehrerInnen beobachten ihre Bewegungen mit steinernen Gesichtern, ihre Kritik ist scharf. Schweigen sie, ist es das größte Lob. Natalia kann nur schwer mit ihrer Kritik umgehen, sie treibt sich selbst an ihre Grenzen, bis sie gut genug wird. Mietet sich einen Raum und übt alleine weiter, tanzt und tanzt und tanzt. 

Einfach das Leben leben

„Weißt du, was das Schönste an der Arbeit mit Kindern ist?“, sie strahlt übers ganze Gesicht: „Ich hatte nie wirklich eine Kindheit, und diese Kinder so frei zu sehen, so ganz ohne Sorgen – wie sie einfach das Leben leben, das ist wunderschön! Ich liebe es!“. Natalia hat immer etwas zu tun, ob Kolleg, Synchronsprechen oder im Theater spielen. Trotzdem fühlt sie sich manchmal so, als würde sie stehen bleiben. Trotzdem fühlt sie sich, als wäre das was sie macht, nicht genug. „Ich bin nicht erfolgssüchtig. Eher an Leistung gewöhnt. In meinem Kopf ist das immer noch ein bisschen von früher. Aber ich habe gelernt, mehr zu genießen. Besonders nach dem Unfall. Es kann sich in Sekunden alles ändern. Das Leben ist eine Kunst, du kannst nicht wissen, was dich erwartet. Deswegen lebe ich einfach im Jetzt.“

Wo ein Wille ist…

 „Ich kann nicht aufhören!“, Natalias Stimme bricht. Sie starrt den Arzt der Sportklinik an, schüttelt fassungslos den Kopf. Nur einmal wollte sie den Wänden des Tanzsaales entkommen, der starren Routine am Konservatorium. Nur einmal wollte sie das Skifahren ausprobieren - natürlich ist es nicht erlaubt. Für TänzerInnen einfach zu gefährlich. Sie geht trotzdem. Stürzt. Bricht sich vier Mal das Knie. In zwei Wochen muss sie ein Solo tanzen. Sie nimmt Schmerztabletten, wickelt ihr Knie in Bandagen ein und tanzt. Schweißtropfen zeichnen sich auf ihrer Stirn ab, ihr Körper ist fiebrig. Sie tanzt. Will nicht aufgeben. Beißt die Zähne zusammen. Tanzt.

 „Von einem Tag auf den anderen war mein Leben voll verändert. Ich durfte nicht mehr Ballett tanzen. Statt täglichem Training hatte ich auf einmal freie Zeit und musste zuhause bleiben. Ich musste meine Tage irgendwie füllen, also habe ich ständig Deutsch gelernt.“, die junge Frau streicht sich eine dunkelbraune Strähne aus dem Gesicht, schweigt kurz. Sie hat mit dieser Zeit abgeschlossen, ihr sind nicht nur die Vorteile des Tanzens in Erinnerung geblieben.

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 In der ersten Woche nach dem Unfall ist sie am Boden zerstört. Sie ist wütend. Auf sich, auf die Verletzung, auf das Leben. In der zweiten Woche folgt langsam die Akzeptanz: Sie ist verletzt, drei Jahre Ballett sind einfach weggewischt. Den Abschluss bekommt sie nicht. In der dritten Woche fängt Natalia wieder Mut. Sie will nicht aufgeben. Ein Jahr fehlt noch auf den Abschluss in Musical und Schauspielkunst. Sie kann nicht auch noch das verlieren. Also tanzt sie. Entgegen der Ratschläge der ÄrztInnen, entgegen der Schmerzen, entgegen der steinernen Gesichter ihrer LehrerInnen. Sie hat keine Zeit für eine Physiotherapie, sie rehabilitiert sich selbst zuhause, zwischen den Trainingseinheiten. Manchmal will sie aufgeben, manchmal tut es einfach zu sehr weh. Aber sie gibt nicht auf. Ein Jahr lang tanzt sie mit verletztem Knie, kein Ballett – aber sie tanzt. Und schafft den Abschluss.

Gleich nach ihrem Abschluss kommt Natalia nach Wien. Sie kennt niemanden, spricht die Sprache nicht, kann nicht einmal mit der U-Bahn fahren. Aber sie will einfach weg aus Bratislava – die anstrengende Zeit und den Schweiß und die Schmerzen hinter sich lassen. In diesen zwei Jahren nach dem Abschluss tanzt sie nicht, darf sie nicht. Aber sie lebt. Sie malt, lernt Deutsch, trifft neue Menschen, geht aufs Kolleg, spielt im Theater, wird Synchronsprecherin. Später fängt sie wieder mit Flamenco an. Tanzt. Genießt es. Auf den feinen Gesichtszügen der hübschen Frau zeigt sich ein verschmitztes Lächeln. Im Gehen dreht sie sich noch einmal um, wirft einen letzten Blick über ihre Schulter und breitet lachend die Arme aus: „Das Leben ist schön. Ich will einfach alles!“.

Ja, Natalia lebt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 04.12.2019 bearbeitet.

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