Von meinem Abenteuerauslandssemester in Ecuador

Reisen
Barbara Strasser / 19.09.2017
Barbara mit Lamas

Mein „Abenteuerauslands-Semester“ (bei diesem Wort fühle ich mich fast als wäre ich eine Superheldin in einem Actioncomic) neigt sich rasch dem Ende zu und mir bleibt nicht mehr viel Zeit hier in Ecuador. Bisher war ich noch nie so lange im Ausland, schon gar nicht alleine im Ausland. Auch habe ich mich noch nie so einsam gefühlt, wie hier, und ich glaube, dass mich fünf Lebensmonate schon lange nicht mehr so verändert und geprägt haben, wie diese letzten.

 

Mein Bruttotränenprodukt

Auslandsaufenthalte werden oft so beworben, dass man sich vor der Abreise denkt: „Das wird das beste Jahr meines Lebens“ (oder in meinem Fall das beste halbe Jahr) – einige der anderen AustauschschülerInnen, hatten diese Erwartungen wirklich. Ich für meinen Teil war schon vorher auf die Möglichkeit eingestellt, schwierige Monate vor mir zu haben. „Vielleicht habe ich eine Gastfamilie, mit der ich mich nicht gut verstehe, vielleicht gibt es kein heißes Wasser, vielleicht macht mir die Sprachbarriere zu schaffen oder vielleicht bekomme ich Heimweh, aber hoffentlich nicht“, waren meine Gedankengänge. In einem Punkt, war ich mir jedenfalls sicher, dass mein Bruttotränenprodukt, das normalerweise bei drei bis vier Mal weinen im Jahr liegt, drastisch steigen wird und meine Durchschnittswerte eventuell in die Höhe schnellen.
Doch ich habe mich bei meinen Prognosen genauso verschätzt, wie die anderen AustauschschülerInnen, die sich auf die Reise ihres Lebens einstellten, denn ich könnte mit meiner Gastfamilie glücklicher gar nicht sein, es gibt heißes Wasser (wobei ich hinzufügen muss, dass das nicht bei allen der Fall ist), die Sprachbarriere war zwar ganz am Anfang nicht leicht, aber meine Ohren und meine Zunge haben sich innerhalb weniger Wochen eingewöhnt, Heimweh? – vielleicht sind die Wörter „gelegentliche Sehnsucht“ adäquat. Auch mein Bruttotränenprodukt ist zu meiner großen Überraschung stabil geblieben; in sechs Monaten habe ich zwei Mal geweint, was perfekt in die Statistik der letzten Jahre passt.

Es ist ausgerechnet die Sache eingetreten, die ich nicht erwartet hatte: Einsamkeit, Einsamkeit und noch mehr Einsamkeit (dies sind dann wohl die Bösewichte, die ich als Superheldin in meinem Abenteuerauslandssemester bekämpfen musste). Und ja, natürlich habe ich mir gedacht, dass ich mich irgendwann einmal so fühlen würde, aber nicht in diesem Ausmaß. Meine Einsamkeit ist vor allem auf zwei Tatsachen zurückzuführen, nämlich dass ich keine FreundInnen in der Schule hatte und keine Freundschaften mit den anderen AustauschschülerInnen schließen konnte. Hier ist natürlich die Frage „Warum mit drei Fragezeichen und einem Rufzeichen.“ Höchst angebracht, da ich ja ein sehr toller, liebenswürdiger, angebeteter Mensch … - vielleicht sollte ich nicht so dick auftragen – jedenfalls, hatte ich noch nie Probleme FreundInnen zu finden oder soziale Kontakte zu knüpfen, auch wenn sprachliche Barrieren vorhanden waren, da ich offen und normalerweise nicht schüchtern bin, aber manchmal hat man einfach Pech.

 

Ecuador, Klassenzimmer

Zur einen Seite hatte ich Pech mit meiner Klasse, die ohne mich nur elf Köpfe zählt und von Beginn an nicht wirklich daran interessiert zu sein schien, mit mir in Kontakt zu treten. Dazu kommt, dass auch ich mich nach einiger Zeit ein bisschen verschlossen habe, da mir meine KlassekameradenInnen sehr „jung“ oder besser gesagt sehr kindisch vorgekommen sind, was besonders durch das Fangenspielen in den Pausen sichtbar war. (Ach und falls sich jemand fragt, warum ich nicht einfach Schule gewechselt habe, in meiner Situation war das schwierig, da es fast keine Bildungsanstalten gibt, die AustauschschülerInnen nur für ein Semester akzeptieren.) Auf der anderen Seite, war es meine Entscheidung, erst im zweiten Semester auf Reisen zu gehen, die mein Auslandssemester in der Hinsicht erschwerte, dass sich die anderen AustauschschülerInnen im ersten Semester schon sehr gut kennen und lieben gelernt hatten, besonders weil sie gemeinsam einige Probleme durchgestanden hatten, und sich als ich ankam schon in einer komplett anderen Phase unseres Auslandsaufenthaltes befanden; kurz: Bei uns wollte der freundschaftliche Funke einfach nicht überspringen.

 

Ab in ein Auslandssemester in Ecuador – ihr werdet zum Außenseiter werden!

Nun, ich war zugegebenermaßen die meiste Zeit traurig und/oder niedergeschlagen – also, die klare Botschaft dieses Artikels lautet wohl:  Macht auf keinen Fall ein Auslandssemester. Bleibt Zuhause, ohne Superkräfte schafft man das nicht!!! Halt. Stopp. Nein, das will ich überhaupt nicht sagen. Ja, es war schwierig. Ja, ich war sehr einsam, trotzdem will ich keine der Erfahrungen ändern, die ich hier gemacht habe. Aber ich glaube es war Proust, der die Ansicht vertrat, dass man nur lernt, wenn man leidet. Und ich muss sagen, dass ich wirklich wahnsinnig viel gelernt habe. Nicht nur kann ich jetzt einigermaßen gut Spanisch sprechen, sondern bin auch selbstsicherer geworden – so schnell kann man mich emotional nicht mehr aus der Bahn werfen. Durch dieses Auslandssemester habe ich viel über mich selbst, aber auch über das Land und die Kultur Lateinamerikas erfahren. Ich kann jetzt mit meinen Salsa- Bachata- und Merengekentnissen das Tanzbein schwingen und weiß auch, wie man Wäsche mit der Hand wäscht (meine Gastfamilie hat eine Waschmaschine, was wiederum auch nicht bei allen der Fall ist, aber Kleidungsstücke mit Flecken müssen mit der Hand gewaschen werden). Jetzt weiß ich, dass man manchmal auf sich selbst vertrauen und Dinge einfach alleine machen muss und ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man ein/e AußenseiterIn ist und alleine sitzt. Letzteres hört sich zwar nicht sonderlich attraktiv an und würde sicher keinen guten Werbeslogan abgeben („Ab in ein Auslandssemester nach Ecuador – ihr werdet zum Außenseiter werden!“), jedoch habe ich mir aufgrund dessen vorgenommen, zum nettesten, offensten Menschen auf der Welt zu werden (oder zu jemanden, der ganz nah dran ist), weil ich jetzt weiß, wie es sich anfühlt alleine zu sein.

 

Ecuador

Nun, ich habe aber noch eine andere ganz wichtige Sache gelernt, die weitaus weniger selbstzentriert ist: Ich habe wirklich Glück in Zentraleuropa geboren worden zu sein, denn mir fehlt es weder an materiellen Gütern noch an Möglichkeiten mich zu verwirklichen. Hier in Ecuador sieht es ganz anders aus: fehlende Infrastruktur, Müll, BettlerInnen, Kinder, die auf den Straßen Obst verkaufen, … und man kann sich nicht vorstellen, wie einfach es ist, diese Tatsachen zu ignorieren und an andere Dinge zu denken, wie z. B. an eines meiner Lieblingsthemen: Ich, ich, ich und meine Probleme. Es ist ganz leicht, woanders hinzusehen, man braucht nur seinen Blick zu heben um die Anden zu bestaunen, diese schönen hohen Berge, die man in ganz Quito sehen kann. Aber wenn man ein Land oder eine Kultur kennenlernen will, darf man sich nicht nur auf die schönen Seiten konzentrieren, wie z.B. die Herzlichkeit der Menschen, sondern man sollte auch die Probleme sehen.

Ich bin wirklich sehr stolz auf mich selbst, dass ich es durchgezogen habe und trotz meiner ganzen Probleme meinen Kopf nicht verloren und die Flinte nicht ins Korn geworfen habe. Trotzdem will ich nicht nur mich selbst loben, denn ich hätte es ganz sicher nicht ohne meine Gastfamilie geschafft, die ich in den letzten fünf Monaten sehr lieb gewonnen habe. Oft lachen wir beim Abendessen bis uns die Tränen kommen und sie sagen mir manchmal, dass ich die lustigste Austauschschülerin bin, die jemals bei ihnen gewohnt hat, was mich sehr ehrt, da sie sicher schon um die 15 beherbergt haben. Die ganze Familie ist ein Traum und ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass mich so liebenswerte und nette Menschen bei sich aufgenommen haben.

 

Gemüsemarkt, Ecuador

 

Es dauert nicht mehr lange und dann bin ich wieder in meiner gewohnten Umgebung in Österreich und habe mein lehrreiches „Abenteuerauslandssemester“ hinter mir. Zwar konnte ich die Bösewichte „Einsamkeit und noch mehr Einsamkeit“ nicht aus der Welt schaffen, aber ich glaube, dass die Geschichte trotzdem ein gutes Ende genommen hat.

Wer gerne mehr erfahren möchte, wie es mir in meinem Auslandssemester ergangen ist, kann das im Sekundenzeigerblog nachlesen.

@jugendportal auf Instagram

Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

Partner