Wann ist Feminismus zum roten Tuch geworden?

Politik
Mona Harfmann / 24.08.2020
Feminismus und rote Tücher

Im Jänner 2020 polarisierte Frauenministerin Susanne Raab mit einem Interview, in dem sie aussagte, nicht als Feministin bezeichnet werden zu wollen. Diese Linie scheinen auch andere Ministerinnen innerhalb der ÖVP zu vertreten. Ist Feminismus wirklich so uncool geworden, oder steckt etwas anderes dahinter?

Kurz vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie habe ich mir den Film Die Dohnal über Johanna Dohnal, die einzigartige und mittlerweile leider verstorbenen Frauenministerin der SPÖ, im Kino angesehen. Als Politikwissenschafts-Studentin im 6. Semester hätte ich eigentlich schon längst etwas über sie gehört haben müssen – aber Fehlanzeige, erst durch diesen Kinofilm habe ich von ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gleichstellung von Mann und Frau, für die Gerechtigkeit der Geschlechter privat wie am Arbeitsplatz erfahren. Ich war begeistert von ihrer ruhigen Art, in hitzigen Debatten zu kontern, von ihrer sachlichen, direkten Sprache.

Besonders beeindruckt hat mich ein Fernseh-Ausschnitt, der im Film gezeigt wurde: Wie es damals in den 1980er-Jahren üblich war, saßen sich in der ORF-Diskussionssendung Club 2 qualmend einige Studiogäste gegenüber, darunter Johanna Dohnal, ein Richter, ein Krone-Journalist und eine junge Frau. Letztere hatte davon berichtet, dass sie häuslicher Gewalt ausgesetzt sei, Johanna Dohnal setzte sich gegen die Unterscheidung von Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe ein, wofür sie von Richter und Kolumnist offensiv angegriffen wurde. Der Richter, offensichtlich keiner der besonders sensiblen Sorte, fragte die junge Frau mit genervtem Unterton: „Warum verlassen sie ihren Mann dann nicht einfach?“, und Johanna Dohnal entgegnete dem Richter direkt und ganz ruhig: „(Nur) eine Frau, die soviel verdient wie Sie, würde sich in so einer Situation scheiden lassen”.

Vor gar nicht allzu langer Zeit war noch alles anders

Die Entscheidung, ob eine Frau erwerbstätig sein durfte oder nicht, oblag bis 1975 noch dem Ehemann – er war der gesetzliche Vormund und musste bei der Erwerbstätigkeit seiner Frau (schriftlich) sein Einverständnis geben. Der Vater war Vormund der Familie und alles, was die gemeinsamen Kinder betraf, wurde von ihm entschieden, bewilligt und unterschrieben, bei der Heirat musste die Frau automatisch den Namen des Mannes annehmen, manche Schulfächer wurden bei Mädchen und Buben unterschiedlich unterrichtet. Teile des diesen Umständen zugrunde liegenden Ehe- und Familienrechts stammten noch aus dem Jahr 1811, Mitte der 1970er-Jahre wurde es dann reformiert.

Frauenministerinnen im Wandel der Zeit

Das sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Johanna Dohnal im November 1979 miterlebt, als sie als Verantwortliche für Frauenfragen von Bruno Kreisky angelobt wird. Im Jahr 1990, also vor gut 30 Jahren, wird sie erste Frauenministerin Österreichs unter Bundeskanzler Franz Vranitzky (ÖVP). Er war es auch, der sie im Jahr 1995 gegen ihren Willen aus der Regierung entließ. Das bedeutete das Ende einer langen und erfolgreichen Karriere in der Politik. Zeit ihres Lebens wusste Johanna Dohnal genau, wofür und weshalb sie tagtäglich feministische Pionierarbeit leistete, was sich in zahlreichen politischen Errungenschaften wiederspiegelt: Gesetzliches Verbot der sexuellen Belästigung, das erste autonome Frauenhaus Österreichs, die Möglichkeit der Väter-Karenz, die Aushandlung des Bundes-Gleichbehandlungsgesetzes und vieles mehr (siehe weiterführende Links, Anm.). Heute, da wir von all diesen Bestrebungen profitieren, scheinen einige die Notwendigkeit feministischer Arbeit nicht mehr zu anzuerkennen. Darunter scheint bedauerlicherweise auch die aktuelle Frauenministerin Susanne Raab zu sein.

Feminismus als „Label“

In einem Gespräch mit Ö1 sagte die ÖVP-Ministerin Raab, sie verwehre sich gegen das „Label“ Feminismus. In einem Interview mit der Tageszeitung Heute am 14. Jänner 2020 gab sie an, noch nie Sexismus am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Letzteres ist natürlich positiv und soll ihr auch nicht abgesprochen werden, aber darf man sich nur für Gerechtigkeit einsetzen, wenn diese bei einem selbst nicht ausgeübt wird? In einem Interview mit der Wienerin im März erklärte sie ihren Standpunkt erneut: „Für mich ist Feminismus ein Begriff, unter dem Frauen unterschiedliche Dinge verstehen. Es ist ein Etikett, ein Label, und ich möchte lieber sagen, wofür ich stehe.“

Ist das Label Feminismus tatsächlich so uncool geworden, dass nicht einmal die Frauenministerin sich dazu bekennen möchte? Ist das Klischee der radikalen, männerhassenden Emanze gesellschaftlich wirklich so gefördert worden, dass selbstbewusst im Leben stehende und beruflich erfolgreiche Frauen sich damit lieber nicht identifizieren wollen – oder steckt etwas anderes dahinter?

ÖVP-Policy?

Am internationalen Tag der Jugend, dem 12. August 2020, lud Familien-, Arbeits- und Jugendministerin Christine Aschbacher zum digitalen Austausch ein. Es gab viel zu besprechen, die Jugend stellte Fragen zu Arbeit und Familie, Frau Aschbacher plädierte für „Wahlfreiheit“ der Frau bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und präsentierte verschiedene Modelle. Eine Thematik, die auch in die Zuständigkeitsbereiche der Frauenministerin Raab fallen könnte.

Ich nutze die Gelegenheit, um Frau Aschbacher auf das Thema Feminismus anzusprechen und ob sie ihn, wie ihre Kollegin aus dem Frauenministerium, ebenfalls als einengend empfinde. „Ich bin dafür, dass Frauen die Wahl haben“, antwortet sie und erzählt von sich selbst, von ihrem Sohn im Berufskindergarten, von ihrer Karriere, von verschiedenen Möglichkeiten. „Aber Feministin, ja oder nein, so möchte ich das nicht abstempeln.“

Autsch! Wieder eine weibliche Ministerin im Kabinett Kurz, die sich nicht als Feministin bezeichnen will. Oder nicht darf?

Die Vermutung liegt nahe, dass diese Bezeichnung in der Partei nicht gerne gehört wird. Das ist schade. Denn gerade das, was Frau Raab als einengendes Label empfindet – dass jeder oder jede darunter etwas anderes versteht – ist ja eigentlich das Gute am Feminismus!

Der Begriff Feminismus fördert Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter, ohne dass dabei vorgeschrieben wird, wie diese für eine Frau oder einen Mann aussehen muss. Was für einen persönlich am besten passt, soll jeder oder jede selbst entscheiden dürfen. Und darum geht es: Um dieses Selbst-entscheiden-dürfen, oder, wie Ministerin Christine Aschbacher

ohnehin schon so schön festgehalten hat: Es geht darum, die Wahl zu haben. Feminismus bedeutet nicht, Frauen zur verurteilen, die zuhause bleiben und sich der Versorgung der Familie widmen wollen. Es geht auch nicht darum, eine Frau als Rabenmutter zu verunglimpfen, weil sie sich beruflich selbstverwirklichen möchte.

Feminismus ist keine reine Frauensache

Das Gute ist: Es obliegt nicht einzig und allein der Frauenministerin, in Sachen Feminismus den Status quo vorzugeben. Denn Feminismus ist, entgegen der Meinung vieler, nicht exklusiv den Frauen vorbehalten. Damit Feminismus funktionieren kann, bedarf es dem Engagement und der Bereitschaft beider Geschlechter. Nicht, um ihm ein Label aufzuerlegen, sondern um eine inklusive und gerechte Gesellschaft schaffen, in der Männer wie Frauen leben können, wie es für sie am besten erscheint, ohne jemandem Rechenschaft dafür ablegen zu müssen.

So gesehen steckt wohl auch in Frau Raab und Aschbacher ein Stück Feminismus – ob sie es wollen oder nicht.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.09.2020 bearbeitet.

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