Wem gehört Kultur eigentlich?

Leben
Beritan Balci / 27.06.2019
Screenshot Beyonce

Anders als weiße Kinder, die sich das Gesicht als einer der heiligen drei Könige schwarz anmalen, gehören weiße Menschen mit Dreadlocks, Rastazöpfen oder Hennatattoos auf den Händen mittlerweile zum Straßenbild. Während ersteres ganz klar als rassistisch empfunden wird, gibt es nun auch laute Stimmen der Schwarzen Community, die sagen, dass sie kulturelle Aneignung nicht mehr dulden wollen.

Einmal im Jahr, zu Fasching ist es Tradition, sich zu verkleiden. Auf den Straßen sieht man weiße Kinder mit Feder Kopfschmuck und Friedenspfeife um den Hals. Aber hat eigentlich schon einmal jemand daran gedacht, dass es eine Beleidigung für tatsächliche Indianer sein könnte? Vermutlich nicht. Tyrone White hat für das Magazin Vice einen Artikel geschrieben, in dem er beschreibt wie unangenehm und schmerzvoll es für ihn - einen Indianer, ist, jedes Jahr zu Fasching, Menschen zu sehen, die seine traditionelle Kleidung als „Kostüm“ missbrauchen. Das hat mich dazu inspiriert, mir Gedanken zu dem umstrittenen Thema kulturelle Aneignung zu machen.

Bei „cultural appropriation“ oder eben kultureller Aneignung geht es darum, dass eine privilegierte Gruppe in der Gesellschaft, einzelne Teile der Kultur einer minder privilegierten Gruppe nimmt, und sie sich eigen macht. Da Problematische hierbei sind die gesellschaftlich unterschiedlichen Stellungen, die diese Gruppierungen (meist Ethnien) erfahren. Es ist also keine kulturelle Aneignung, wenn eine nicht österreichische Person, ein Dirndl trägt. Weiße, Trachten tragende Menschen sind historisch aufgrund genau dieser Tatsachen nie bedroht oder verjagt worden. Anders ist das beispielsweise bei schwarzen Personen, die Dreadlocks tragen. Diese wurden (und werden immer noch) aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert. Ihre Kultur wurde Jahrhunderte lang unterdrückt, und teilweise sogar zerstört. Umso ironischer scheint es, dass wir heute Haarverlängerungen tragen, unsere Haare dann verfilzen lassen, nur um sie so tragen zu können, wie sie schwarze Menschen das bereits seit Jahrhunderten tun.

In Gesprächen mit schwarzen Freunden und Freundinnen ist mir aufgefallen, dass es -zumindest für sie, nicht um die Tatsache geht, dass manche Menschen versuchen, ihren Style zu kopieren, sondern, darum, dass es ein schmaler Grat ist, zwischen „appropriation“ und „appreciation“- also Bewunderung.

Die zentrale Frage, die sich hier stellt, ist die nach Kulturgut und den Besitzanspruch darauf. Darf eine Kultur überhaupt meine sein? Darf man für etwas, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat, einen Besitzanspruch empfinden? Und wenn ja, wie weit darf das gehen? Ist Kultur überhaupt ein Gut, das nur eine bestimmte Gruppe an Menschen ausleben darf? Manche gehen auch so weit zu sagen, dass es doch rassistisch sei, eine weiße Person mit Dreadlocks zu diskriminieren, weil sie nicht Teil der Kultur sein kann, oder nie werden wird.

Ich stelle mir genau diese Fragen, und stelle fest, dass es keine Antworten gibt. Es ist nun mal nicht immer alles schwarz oder weiß. Genau wie wir Menschen. Ich denke, es ist problematisch sich etwas aus einer anderen Kultur eigen zu machen, ohne sich mit dieser auseinandergesetzt zu haben. Hier kommt wieder der feine Unterschied zwischen Aneignung und Bewunderung ins Spiel, von dem meine FreundInnen gesprochen hatten. Wieso sollte es also falsch sein, wenn jemand mit europäischem Hintergrund entscheidet, seine oder ihre Hände mit indischem Henna zu bemalen? Ich denke Kultur ist etwas sehr Wertvolles, und vor allem ist sie es wert, dass wir sie bewahren. Sie gehört uns aber nicht. Wir werden in sie hineingeboren- können uns aber auch im Laufe des Lebens entscheiden sie abzulegen. Selbst durch einen längeren Aufenthalt auf einem anderen Kontinent ist es – abhängig von der eigenen Initiative, möglich, Teil einer neuen Kultur zu werden, und sie Teil des eigenen Lebens werden zu lassen.

Einerseits gibt es Menschen mit großer Reichweite, die im Zentrum der Öffentlichkeit stehen, und somit viel Einfluss auf uns haben. Wenn diese sich als Weiße, schwarzem Kulturgut bedienen, ist es für viele Menschen problematisch, dass sie nicht über diese aufklären, oder einen Ausdruck der Bewunderung aussprechen. Die Rede ist hierbei zum Beispiel von weißen Rapperinnen und Rappern, die in afrikanischem Slang rappen, damit ein bestimmtes Image von sich selbst kreieren und Profit machen, während afrikanische Menschen, die diesen Slang tatsächlich haben, in vielen Fällen genau dafür diskriminiert werden. Es besteht also eine Notwendigkeit der Aufklärung seitens Personen mit großer Medienpräsenz, um denen, die sie nicht haben, auch eine Stimme geben zu können.

Andererseits wäre ein Leben ohne kulturelle Aneignung nicht möglich. Vor allem in Europa bedienen wir uns vielen Teilen ausländische Kulturen. Angefangen mit dem Essen, bis zur Architektur, oder dem Ort, an dem wir unser Verdautes hinterlassen. Kulturen wachsen jeden Tag, erweitern sich, und nehmen eben auch Elemente anderer Kulturen auf. Diesem Austausch ist nicht entgegenzusteuern.

In manchen Situationen zählt es, den Verstand also etwas intensiver einzusetzen, als sonst. Kulturelle Aneignung ist eine dieser Situationen. Bei Kommunikation geht es vorrangig darum, wie eine Person eine Nachricht empfängt, und nicht, wie man sie selbst gemeint hätte. Es ist also wichtig, den Menschen, von deren Kultur wir etwas nehmen, Respekt entgegenzubringen, sie ernst zu nehmen, und vielleicht auch etwas zurückzugeben. Beispielsweise gibt es Läden, die Dreadlocks anbieten, bei denen ein großer Teil des Profits in ein afrikanisches Land gespendet wird.

Wir können also Kulturen bewundern, ohne sie zu zerstören.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.11.2019 bearbeitet.

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