Wenn Max Frisch ein Spiegelkabinett konstruiert, das er ein Lehrstück ohne Lehre nennt

Kultur & Events
Karla Arzberger / 18.04.2018
Zündholz

Max Frisch: „Biedermann und die Brandstifter. Ein Lehrstück ohne Lehre. Mit einem Nachspiel“. Nachspielt hat das Stück auf jeden Fall im doppelten Sinne - ein literarisches, diabolisches Nachspiel, das in der Hölle angesiedelt ist, im Gegensatz zu den bürgerlichen Sphären in dem sich das Stück selbst bewegt und ein Nachspiel in einem Selbst, im Leser/in der Leserin, nachdem man das Stück gelesen hat. Nun aber von Anfang an.
Die Uraufführung des Stücks ist mehr als ein gutes halbes Jahrhundert her, 1958 im Schauspielhaus Zürich in der Schweiz, der Heimat Max Frischs. Die Handlung ist leicht erfasst: Der Geschäftsmann Biedermann lebt mit seiner herzkranken Frau Babette und dem Zimmermädchen Anna gemeinsam in einer Zeit, in der Brandstiftung die Städte und zuletzt das Eigenheim zu unsicherem Terrain macht. Unter der Prämisse, es gebe heutzutage zu wenig Menschlichkeit, beherbergt er den obdachlosen Ringer Schmitz auf seinem Dachboden, um sich selbst fortan das Gegenteil zu beweisen - denn Misstrauen ist die treibende Kraft der Menschheit in diesen Zeiten, in denen man sich gegenseitig verdächtigt, Brandstifter zu sein.

Nun entfaltet sich eine paradoxe Situation. Schmitz, der fortan in Kompanie seines Freundes Eisenring (und mit ihnen versteckt, der Dritte im Bunde, der Brandstifter „Doktor“) den Dachboden über mehrere Nächte bewohnt, ist dabei, alles für die geplante Brandstiftung zu inszenieren und scheut dabei nicht davor auch den Hausier Biedermann einzuweihen. Ganz ohne Scham und Zurückhaltung berichtet er Biedermann immer wieder im Laufe der Handlung von seiner geplanten Brandstiftung. In dessen Reaktion liegt die erste brillante Lehre, die wir - ein halbes Jahrhundert später (immer noch) - aus dem Werk ziehen können.
Biedermann selbst, der über Benzin am Dachboden Bescheid weiß, der zynischerweise den Brandstiftern dabei hilft, die Zündschnur zu messen und letztendlich die Streichhölzer zur endgültigen Brandlegung beisteuert, „sieht" nicht was passiert, weil er es nicht wahrhaben möchte, und hält dem Leser/der Leserin damit den Spiegel vor. Was verschleiern wir, verdrängen wir, übersehen wir, blenden wir aus, wenn wir einen Sachverhalt nicht wahrhaben wollen?

In einem Dialog sagt der Brandstifter sogar geradeaus zu Biedermann, dass er lügt - so Eisenring: „ (..) Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“ Weiterhin beherbergt Biedermann geblendet die Brandstifter, bis es zur diabolischen und vorhersehbaren Abrechnung kommt - das Haus bleibt als verbrannte Ruine zurück.

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Damit nicht genug, findet sich auch weitere fundamentale Kritik an der Kleinbürgerlichkeit des Biedermanns und durch den entsprechenden Spiegel, der der Leserschaft vorgehalten wird, an die jedes Menschen selbst. In einem Gespräch über Klassenunterschiede verlautet er: „Ich glaube nicht an Klassenunterschiede! - das müssen Sie doch gespürt haben, Eisenring (..). Ich bedaure es aufrichtig, dass man gerade in den unteren Klassen immer noch von Klassenunterschied schwatzt.“ In seinem eigenem wohlgesinntem Statement impliziert er durch das Verwenden des Begriffs „untere Klassen“, dass es diese für ihn geben muss, schießt sich praktisch selbst ins Bein, macht seine Aussage zur Heuchelei und ist demnach jemand, der seine Meinung (hier durchaus lückenhaft) seinem Gegenüber anpasst. Nicht zuletzt ist das Heucheln ein zwischenmenschliches Problem unserer Gesellschaft - ob vom Mitleidsheucheleien zu größeren Betrugsfällen - auch vor diesen werden wir von Max Frisch durch eine einzige verzwickte Aussage seines Protagonisten gewarnt.

Auch im oben erwähnten Nachspiel lichtet sich das Meer an lehrreichen Aussagen, oder an solchen, die zum Reflektieren anregen sollen, nicht. Besonders die Schlusspointe, auf die das Stück rampenartig zuläuft, kritisiert sowohl Kirche als auch Exekutive. Inhaltlich begibt es sich wie folgt: Nach der Brandstiftung erwachen Biedermann und seine Frau Babette in der Hölle, als Teufel stellt sich der erste Gast und Brandstifter Schmitz, als „des Teufels“, also als Komplizen, die beiden anderen der Partie Eisenring und Doktor heraus. Im Gegensatz zum relativ realitätsnahen Stück entfaltet sich hier eine diabolische Landschaft, bestehend aus einem Wirrwarr aus Fabelwesen und Fiktion. Das Problem erläutert sich folgendermaßen: die Hölle möchte streiken, da der Himmel ihnen nicht gewährt Personen „die Uniform tragen oder getragen haben, als sie töteten“ mit in die Unterwelt zu nehmen. Diese seien „gerettet“. Was man nun darin lesen möchte oder nicht, ob Kritik an der (oftmals zu Unrecht) Gewalt ausübenden Exekutive oder nur weitere Details der recht einfach gestrickten und zu Ende sich doch verstrickenden Gesichte: Auf die Gegenwart, das Jahr 2018 umgelegt, schwingt beim Lesen sicherlich ein gewisser fauler Beigeschmack dem Gewaltmissbrauch der Polizei der Bevölkerung gegenüber mit.

Dass die nun aber vom Himmel sanktioniert wird, der sich weigert auch nur „einen einzigen (dieser Mörder) herauszugeben“ ist wiederum Teil der nächsten eingebetteten Anspielung Max Frischs. Aus einer Passage, in der einer der Teufelskomplizen den Himmel beschreibt, kristallisiert sich Lächerlichkeit dem himmlischen Apparat gegenüber heraus. So Eisenring als die „Figur“ (der Teufel im Stück): „Ich zweifle, ob es der wahre Himmel ist, was ich gesehen habe, sie behaupten es, aber ich zweifle.. Sie tragen Orden, und es riecht nach Weihrauch aus allen Lautsprechern. Eine Milchstraße von Orden habe ich gesehen, ein Fest, dass es dem Teufel graust: All meine Kunden habe ich wiedergesehen, alle Großmörder alle, und die Entlein kreisen um ihre Glatzen, man grüßt sich, man wandelt und trinkt Halleluja, man kichert vor Begnadigung . Die Heiligen schweigen auffallend, den sie sind aus Stein oder Holz, (..) und die Kirchenfürsten schweigen auch, obschon sie nicht aus Stein oder Holz sind..“ In dieser durchaus polemischen Passage finden sich wiederum unzählige Aspekte. Um nur ein paar interessante aufzugreifen: Neben denen, die man nicht aus dem Himmel entlassen wollte (die Uniformierten) scheinen sich auch Großmörder und Personen mit Glatzen im Himmel zu amüsieren, anscheinend unangetastet zu bleiben. Heilige gibt es keine, die einzig Heiligen sind Statuen (aus Stein oder Holz) und die Kirchenfürsten schweigen vertuschend über das Geschehen. Diesmal wendet Frisch den Spiegel dem Gesicht des Lesers/der Leserin ab und der Religion zu. Die Kirchenfürsten sehen was passiert, aber schweigen. Damit schließt sich der Kreis zurück zum Biedermann selbst, der zusieht, wie die Brandstifter sein Haus in Brand setzen, aber schweigt. Wo es im Stück selbst nur privat um Ignoranz geht - Ignoranz im kleinen Rahmen - umspannt das Nachspiel ganze Ideologien.

„Ich zweifle, ob es der wahre Himmel ist…“ - somit wäre der Teufel neben Biedermanns Frau und dem Hausmädchen Anna eine der zweifelnden Personen des Stücks, Biedermann selbst ist es jedoch nicht, da er durch die Verleugnung bis zum Ende an das Gute der Brandstifter glauben möchte.  Demnach lässt sich auch der Sinn des Untertitels „Lehrstück ohne Lehre“ erschließen: der Protagonist kann einfach nicht schlau aus dem Geschehen werden. Auch zu guter Letzt hat er nichts gelernt. Das Stück endet auf die naive Hoffnung, er und seine Frau seien gerettet. Das es größere Probleme, als die Brandstiftung gibt, wie das Stück im Subtext konstituiert, hat er - wiedermal - nicht mitbekommen.

Letztendlich ist es für den Biedermann selbst ein Lehrstück ohne Lehre. Für den Leser aber bestimmt nicht - für ihn entsteht ein ganzes Spiegelkabinett der Reflexion. Durch die durchgehende Möglichkeit zur distanzieren Selbstreflexion durch das Stück hindurch, ist es dem Leser/der Leserin möglich, die Dummheiten des Biedermanns und die Fragwürdigkeit anderer Themen zu überdenken und mit seinem eigenen Leben zu verknüpfen. Die Formel geht auf.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 10.12.2019 bearbeitet.

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