Wenn Sexismus Turnschuhe trägt

Wissen
Anna Morandini / 21.02.2017
(c) pixabay

MÄNNER, WEINT DOCH MAL!

Sexismus ist systematische Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die Frauen wie Männer gleichermaßen treffen kann. Ohne sachliche Argumente wird dem Merkmal Geschlecht eine bestimmte Aussage beigemessen und Menschen allein auf Grund dessen schlechter behandelt, auf gesellschaftlicher Ebene bestehen zudem Vorurteile und Klischees. Sexismus baut auf historisch entstandenen Geschlechterstereotypen auf: Männer und Frauen „sollen“ in der Gesellschaft konträre Aufgaben übernehmen. Während man früher schlicht von der der Unterlegenheit der Frau ausging, nehmen heute Neosexismen zu: die Anschauung, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden und keine Geschlechterdiskriminierung existiert.

 

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Gewisse Beispiele für Alltagssexismus kennen wir jedoch alle:

* Skepsis gegenüber Frauen in „Männerberufen“ („eine Mechanikerin!?“) und umgekehrt („ein Geburtshelfer!?“)

* Verbote für Frauen: nicht nur das oft zitierte Autofahrverbot in Saudi-Arabien, sondern auch etwa das Wahlrecht, das Österreicherinnen nun seit 99 Jahren (1918) genießen, unsere Nachbarinnen aus der Schweiz erst seit 46 Jahren (1971)

* Einschlägige Musiktexte (nuttööö von SSIO sei hier „positiv“ erwähnt)

* Gratiseintritte für Frauen im Nachtleben um die zahlungskräftigen Männer anzulocken (so die Erwartungen der Clubs)

* Die „gläserne Decke“: Unterrepräsentation von Frauen in Top-Jobs, man denke etwa an den Frauenanteil im Parlament  (30%) - wenn man das als Top-Job ansehen möchte ;-)

Doch auch abseits von diesen „klassischen“ und teils viel thematisierten Bereichen finden wir Sexismus – und dort kann er zum Teil unbemerkt ein viel ruhigeres Leben führen. Stellvertretend für solche Thematiken soll hier Sexismus im Sport unter die Lupe genommen werden.

 

Sreenshot

 

VON SNOW QUEENS UND SPORTHELDEN                 

Gerade im Sport springt uns die unterschiedliche Behandlung von Frauen und Männern dabei geradezu ins Auge. Dass sich Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter femininere Fußballtrikots für Frauen wünscht und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel unseren Schi-Damen ein Schminkseminar verordnen wollte, ist schlicht die Spitze des Eisbergs. Männer werden in sportlicher Aktion abgebildet, Frauen bevorzugt perfekt gestylt (und möglichst freizügig). Eine diesbezügliche Diskussion löste zuletzt etwa das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) mit seiner Werbung für die Wahl zum „Sportler des Monats“ aus: während die Männer Hirscher, Grabner und Thiem allesamt in ihren sportlichen Outfits abgebildet wurden, wurde von der einzigen Dame der Runde ein Unterwäschefoto gewählt. Dazu die bekannte österreichische Bloggerin DariaDaria auf Facebook:

„Das Olympic Team Austria zeigt sehr deutlich, was wir täglich von den Medien suggeriert bekommen: der Mann zeigt Dominanz, Macht, Stärke, die Frau ist schön, Symbol für Erotik und ist Erfüllungsgehilfin für männliche Heterosexualität. Wie wäre es, wenn man Anna Gasser so zeigt, wie ihre männlichen Kollegen auch dargestellt werden? Nämlich als herausragende, talentierte Sportlerin und nicht nur als die schöne Frau, die sie ist.“

Ein Einzelfall? Die deutsche tz schrieb nach dem Einzug der nationalen Frauenfußballmannschaft in das WM-Viertelfinale 2011 etwa:

„Hach ist das eine schöne WM! Das betrifft nicht nur das Sportliche, sondern auch das Optische. Inzwischen ist es zu mehreren Trikot-Strips gekommen“

 

(c) Facebook Olympic Team Austria

 

Die Summe derartiger Fälle lässt den Frauensport unprofessioneller erscheinen als den männlichen. „Männer werden eher in den Sportarten präsentiert, in denen Kraft, die kämpferische Auseinandersetzung mit Gegnern oder die Beherrschung von Technik und Fahrzeugen im Mittelpunkt stehen. Frauen werden eher in ästhetisch-kompositorischen Disziplinen oder Individualsportarten dargestellt“, stellte der Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest. Und laut dem Journalistik Journal „stellt die physische Attraktivität für Sportler kein „Muss“, sondern ein „Plus“ dar, denn sie lassen sich auch dann gut vermarkten, wenn sie nicht dem geforderten Schönheitsideal entsprechen, während Athletinnen ohne entsprechende Attribute kaum eine kommerzielle Verwertbarkeit aufweisen“.

Den Stellenwert, der Frauensport in Österreich beigemessen wird, zeigen Daten des Portals „100% Sport“ sehr deutlich (siehe Grafik). Nur 11 Prozent der Online-Sportberichterstattung in Österreich widmete sich im Jahr 2014 Frauen – Lichtblick ist die leichte Steigerung im Vergleich zu den Zahlen von 2011 (damals waren es nur 6%).

 

Statistik

 

Ist Frauensport schlicht unattraktiver? Dass sich die Aufmerksamkeit vor allem nach der medialen Präsenz richtet, sehen wir an einem Vergleich von Fußball und Schifahren: während der ORF Frauenfußball aus seiner Berichterstattung geradezu ausklammert, wird der weibliche Schisport wie selbstverständlich gleichberechtigt übertragen – und Anna Fenningers Leistungen werden an Stammtischen genauso debattiert wie jene eines Marcel Hirscher.

Ein Grund für die fehlende mediale Präsenz könnte die erst in letzter Zeit einsetzende Professionalität in vielen Frauensportarten sein, waren diese früher doch verpönt (dazu gleich) oder schlicht nicht vorhanden. Auch deshalb sollten wir gespannt sein, ob der ORF die Chance nutzt, die die erste EM-Teilnahme unserer Frauennationalmannschaft diesen Sommer bietet. Und im Schifahren? Auch dort bleibt es spannend, nicht zuletzt weil US-Skistar Lindsey Vonn beharrlich an ihrem Plan arbeitet, an einem Rennen der Männer teilzunehmen.

 

ROTE KARTE DEM SEXISMUS

Stellvertretend für andere Sportarten nun zur Entwicklung des Frauensports in der „österreichischen Nationalsportart Nr. 1“: Heute spielen mehr als eine Million Frauen weltweit in Vereinen Fußball, doch dies ist Zwischenergebnis eines langen Kampfes.

„Ich glaube nicht, dass dieser Sport genauso populär wird wie unser traditioneller Fußball. Warum sollen auch Frauen hinter dem Ball herlaufen? Sie gehören doch hinter den Kochtopf. Meiner Frau würde ich nicht erlauben, Fußball zu spielen.“ Gerd Müller, Weltmeister 1974

Die erste Frauenfußballmannschaft entstand im Mutterland des Fußballs, England, 1894. 10.000 Zuschauer zog eines der ersten Spiele an, bei dem die Frauen aus anstandsgründen Röcke über den Hosen trugen. Auch in Deutschland entstanden erste Teams, deren Spielerinnen jedoch als „Mannsweiber“ beschimpft und mit Steinen beworfen wurden. Und schon ab 1920 verbreitete sich ein Stadiennutzungsverbot für Frauen rund um den Globus, etwa auch unter den Nationalsozialisten in Österreich und Deutschland.

 

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„Den Vereinen wird untersagt, Frauen aufzunehmen oder ihnen Sportplätze zur Verfügung zu stellen. Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ – Deutscher Fußballbund 1955  (Süddeutsche 22.6.2011)

Erst in den späten 1960ern hatte die vermehrte Auflehnung gegen das Verbot Erfolg. 1970 fand eine inoffizielle Weltmeisterschaft statt, 1982 erkannte der ÖFB den Frauenfußball offiziell an, 1984 fand die erste Europameisterschaft statt, 1991 die erste offizielle Weltmeisterschaft in China. Den Sieg holten sich wenig überraschend die Amerikanerinnen, denn hier war der Sport unter dem Motto „soccer is a kick in the grass and girls play, too“ von Anfang an auch Frauensache – ja, gerade die als Heldinnen verehrten Weltmeisterinnen machten ihn erst richtig populär.

 

SEXISTISCHE WELTREISE UND EURE MEINUNGEN

Dass es Sexismus nicht nur bei uns gibt und wie die Situation anderswo ausschaut, zeigt unsere interaktive sexistische Weltreise zur Sexismus- und Frauensportsituation in Ländern verschiedener Kontinente. Überrascht hat uns dabei vieles: Südafrikas Frauenfußballnationalteam, der schwedische  „Machos in öffentlichen Verkehrsmitteln“-Blog, wie der serbische Verteidigungsminister mit einer verdammt sexistischen Aussage ins Fettnäpfchen trat, wie Amerikanerinnen um Gleichberechtigung kämpften (Trump kommt nicht vor – versprochen!), welchen Ruf in China übriggebliebene Frauen „genießen“ und was es mit den Heiratsmärkten dort auf sich hat, welches Statement Saudi-Arabische Sportlerinnen bei den Olympischen Spielen setzten und nicht zuletzt wie hunderttausende in Südamerika gegen Gewalt an Frauen auf die Straßen gehen (und dass wir nichts davon wussten).

 

(c) pixabay

 

Wie sie Sexismus definieren würden, ob sie selbst Erfahrungen mit Sexismus gemacht haben, was sie zur Darstellung sportlicher Frauen in den Medien und zum weiblichen Schönheitsideal sagen und was andere zur Wahl ihrer Sportart sagen - dazu haben wir Jugendliche in einem Video befragt, sehenswert!

 

Mehr zum Thema findet ihr auf dem Blog https://straightouttahoersaal.wordpress.com/category/sexismus/ , der im Rahmen unseres Publizistik-Studiums mit Anne, Marie-Christin und Ricci entstand.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.01.2022 bearbeitet.

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