Wer das Konzept der Kognitiven Verhaltenstherapie verstanden hat, kann beginnen, seine Gedanken zu verstehen

Leben
Karla Arzberger / 07.08.2019
Silhouette eines Mannes in schwarz-Weiß

Die schlimmste Nachbarschaft der Welt

Stell dir vor, du triffst dich mit einem Freund, den du seit Langem nicht mehr gesehen hast - seit ihr euch zuletzt gesehen habt, ist viel passiert. Dein Freund ist umgezogen. Er erzählt: „Die neue Nachbarschaft ist schrecklich. Alle meine Nachbarn hassen mich. Außerdem ist es unsicher, ich habe Angst, wenn ich alleine rausgehe. Mir wird sicher etwas Schlimmes passieren, wenn ich nicht sofort wieder umziehe.“ Was würdest du dir denken? Schreckliche Nachbarschaft, oder? Da würde man nicht gerne wohnen. Wir könnten dieses hypothetische Szenario damit beenden, zu schlussfolgern, dass dein Freund so schnell als möglich wieder umziehen sollte. Wir könnten uns aber auch ansehen, ob er vielleicht ein komplett falsches Bild präsentiert hat.

Seien wir uns ehrlich. Wir hatten vermutlich alle schon mal so eine Gesprächssituation und haben, anstatt zu hinterfragen die Angst und Bedenken unseres Gegenübers gespeist. Warum sollte er auch lügen, die Nachbarschaft hört sich schrecklich an! Oft ist es der einfachere Weg zuzustimmen. Oft ist es aber auch der „ungesündere“ Weg. Wie könnte man die Situation lösen? Der erste Schritt wäre, über kognitive Verzerrungen, die wir alle in uns haben, Bescheid zu wissen. Noch nie gehört? Kein Problem, denn der hypothetische Freund hat uns so einige von diesen auf dem Silbertablett serviert.

„Etwas Schlimmes wird passieren“

Aaron Beck (ein US-amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut) zum Beispiel, der wusste Bescheid. Er gilt als Vater der „kognitiven Verhaltenstherapie“, eine Form der Psychotherapie, die es sich zum Credo gemacht hat, die besagten kognitive Verzerrungen in den Gedankengespinsten von Menschen aufzulösen. Ein krankhaftes Problem mit solchen haben unter anderem (diagnostizierte) Personen mit Angststörungen oder depressiven Störungen - doch nicht nur - denn wir alle betätigen uns der einen oder anderen dieser Denkmuster, und repräsentieren sie in unserer Ausdrucksweise. Am Beispiel des Freundes kann man einige exemplarisch nennen: „Alle meine Nachbarn hassen mich“ wäre ein Paradebeispiel für das sogenannte „voreilige Verallgemeinern“. Vielleicht hatte der Freund eine oder zwei unangenehme Begegnungen mit Nachbarn - dass ihn in so kurzer Zeit aber alle hassen, wäre zu schnell und pauschal verallgemeinert. „Außerdem ist es unsicher, ich habe Angst, wenn ich alleine rausgehe“. Hier schließt er von seinen Gefühlen auf Fakten - er betreibt „Emotionale Beweisführung“. Da er sich ängstlich fühlt, bedeutet dies für ihn, dass es wirklich unsicher für ihn dort wäre - obwohl ihn seine Gefühle eventuell unbewusst täuschen. „Mir wird sicher etwas Schlimmes passieren, wenn ich nicht sofort wieder umziehe“. Hier wird „katastrophalisiert“. Dass „etwas Schlimmes“ passieren wird, wenn er nicht „sofort“ umzieht ist übertrieben und hört sich an, als wolle er den Teufel an die Wand malen. Nüchtern betrachtet wird vielleicht keine Gefahr lauern, doch durch solche unvorteilhaften Denkmuster katalysieren wir negative Weltsichten. Durch negative Weltsichten interpretieren wir alles pessimistisch und begünstigen wiederum negative Gedanken. Willkommen im Nicht-endenden-Kreislauf.

Weitere Beispiele wären das „dichotome Denken“ in welchem man dazu neigt, alle Ereignisse in eine von zwei komplementären Kategorien zu stecken. Man ist entweder gut oder böse, ein Tag kann nur super oder katastrophal laufen und wenn mich mein Partner nicht liebt, dann hasst er mich wohl. Die „Etikettierung“. Aus einer Handlung wird ein umfassender Sachverhalt gemacht: „Ich habe in der Prüfung versagt, deshalb bin ich ein totaler Versager!“

Am Muster des „Gedankenlesens“ beteiligt man sich, wenn man meint, ohne nachzufragen, die Gedanken der anderen zu kennen und grundlos schlussfolgern würde: „Meine Familie denkt, ich bin ein Versager!“ Auch der „Tunnelblick“ ist ungünstig, in dem jemand nur einen bestimmten Aspekt seines gegenwärtigen Lebens sieht: „Wenn ich Stress beim Lernen und wenig Freizeit habe, dann ist mein Leben komplett nutzlos!“

Aus dem Teufelskreis kommen - oder - ihn von Anfang an vermeiden

All diese Denkmuster kultivieren nicht besonders optimistisches Schlussfolgern und führen im schlimmsten Fall dazu, dass wir uns die Welt schlimmer und feindlicher aufbauen, als sie in Wahrheit ist. Wir verschanzen uns emotional und bauen Wände um uns, sehen uns als Opfer unserer eigenen katastrophalen Gedanken.

Was hilft? Nur über die Existenz dieser Denkfehler Bescheid zu wissen, hilft. Hat man einmal davon gehört, fällt es schwer, sie nicht zu identifizieren. Als gute Übung kann man einfach nach den kognitive Verzerrungen in Gesprächen und in Aussagen anderer Ausschau halten - sie sind überall.

Der letzte und wichtigere Schritt wäre dann, sie auch in sich selbst zu identifizieren und erst mal zuzuhören. Es kann einem viel über das eigene Weltbild verraten, wenn man einen Schritt zurückgeht und sich selbst beobachtet. Hat man sich beispielsweise schon immer als PessimistIn beschrieben und betätigt sich tatsächlich an vielen dieser Muster, könnte man darin eine Erklärung finden. Würden mehr Personen aufmerksam auf ihre Formulierungen und Gedanken achten, demnach öfter diejenigen identifizieren, die ihnen nicht dienlich, sogar schlimmstenfalls schädlich sind, könnten wir lernen, sie zu eliminieren. Denn Gedanken und Sprache konstruieren unsere Wirklichkeit.

Kognitive-Was-Therapie?

Kognitive Verhaltenstherapie. Was hat das jetzt mit den Beispielen zu tun? Sollte man sich nicht selbst in der Lage fühlen, gegen seine Denkmuster anzukommen, ist die Therapie eine von vielen Methoden der Psychotherapie, die angeboten wird, um belasteten Personen daraus zu helfen. Für eine vollständige Übersicht der verzerrten Denkmuster, was die Kognitive Verhaltenstherapie versucht zu machen und welche interessanten Persönlichkeiten dahinter stecken, empfiehlt es sich schier und einfach, auf eine klassische Google-Suche zu gehen.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 29.11.2021 bearbeitet.

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