Wie es ist, nichts zu hören

Leben
hörgerätähnliches Gerät – Cochlear Implantate - Detailaufnahme

Teaser: Schon seit meiner Geburt an, bin ich taub. Für mich ist es ganz normal, zwischen dem hörenden und dem gehörlosen Zustand zu wechseln. Aber für Außenstehende ist es oft nur schwer zu verstehen, wie es sich anfühlt, nichts zu hören.

Um das hier zu schreiben, schalte ich mein Gehör aus, um mich voll und ganz auf meine Gedanken konzentrieren zu können. Ich kann das nämlich - einfach mal nur mich zu hören. Dabei besitze ich keine übernatürlichen Fähigkeiten, ich bin einfach nur taub. Ich bin eine hörende Gehörlose.

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Im frühen Kindesalter wurde ich implantiert und ich kann mithilfe zwei hörgerätähnlicher Geräte – Cochlear Implantate (kurz: CI) heißen sie - hören. Meine Mutter hatte viel mit mir geübt und relativ bald habe ich sprechen gelernt. Und dafür bin ich unheimlich dankbar. Was aber nicht heißt, dass ich die taube Gemeinschaft nicht schätze – ganz im Gegenteil. Viele sind aber gegen solche „Zwangsimplantationen“, denn es ist ja im Grunde nichts Schlechtes, immer nichts zu hören. Aber das Thema hebe ich mir gerne für einen anderen Blogpost auf.

Es ist wirklich schön, einfach mal abzuschalten und in eine quasi stille Welt einzutauchen. Eine Welt, die so still gar nicht ist. Kennt ihr diese absolute Stille, wenn plötzlich niemand etwas sagt? Diese unheimliche Stille? Sogar eine Nadel würde man hören, würde sie auf den Boden fallen. Eine solch stille Stille habe ich in meiner vermeintlich stillen Welt noch nie erlebt.

Es ist eine ganz andere Stille. Ich bin einfach in meiner eigenen Welt. Ich höre nur mich, nur meine Gedanken, die so viel lauter in meinem Kopf schwirren als sonst. Ich nehme sie zumindest in diesem Zustand viel intensiver wahr. Manchmal fühlt es sich so an, als würden all die Gedanken, die ich sonst so leicht abblocke, auf mich herfallen. Als würde ich mein Unterbewusstsein reden hören.

Und ich fühle all die starken Schallwellen, die vibrierend meinen Körper berühren. Und diese Schallwellen sind viel intensiver, als so manch hörender Mensch sich das vorstellen mag.

Einmal, da bin ich am Strand gelegen und habe mich tiefenentspannt gesonnt und auf einmal habe ich einen Knall gespürt und mich natürlich total erschrocken. Im Nachbarsort wurden Raketen geschossen. Die anderen waren ganz erstaunt, dass ich das wirklich mitbekommen habe. Genauso ist es, wenn die Tür laut zuknallt, irgendwas runterfällt oder ein lauter Beat abgespielt wird. Das spüre ich alles. Und es fühlt sich fast so an, als würde ich es hören.

Ich kenne diese Geräusche hörend, sie sind mir vertraut. Und jedes Mal, wenn ich sie spüre, bilde ich mir das hörende Geräusch dazu ein. Ich glaube, das passiert ganz automatisch.

Auch wenn ich mit meiner Familie am Küchentisch sitze, ohne meine CIs zu tragen, weil ich mir zuvor meine Haare gewaschen habe und meine CIs nicht nass werden sollten, stelle ich mir manchmal die Stimmen der anderen vor, während sie sich unterhalten. Ihr Lippenbild und ihre Ausdrucksweisen und ihre typischen Phrasen sind mir schon so bekannt, dass ich mir auch den echten Tonlaut dazu vorstelle. Das ist schräg aber auch faszinierend, wie ich finde.

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Ich möchte nicht leugnen, dass es keine Nachteile an meinem künstlichen Gehör und meiner Taubheit gibt. Aber ich versuche wirklich, die positiven Seiten daran voll und ganz auszunutzen und auch zu schätzen.

Ich schätze es wirklich, ruhige Nächte zu haben und mich selbst beim Einschlafen nicht atmen hören zu müssen. Autos, Sirenen und betrunkene Leute, die nachts am Fenster vorbeitorkeln – das höre ich alles nicht. Ich höre nur die Geräusche in meinen Träumen, aber aus der Realität kann mich so schnell nichts stören. Und nur kurz vorweg: Ja, ich träume hörend. Weil ich zu 90 % in meinem Alltag auch hörend unterwegs bin.

Ich glaube aber, so richtig verstehen werden die Hörenden meine Welt trotzdem nicht. Ganz egal, wie ausführlich ich es auch beschreibe. Man kann es nicht genau beschreiben, ich kann es nicht genau beschreiben. Auch, wenn ich beide „Seiten“ kenne. Entspannung, Eintauchen in die eigene Gedankenwelt und eine viel tiefere Wahrnehmung der anderen Sinne, beschreiben diesen einzigartigen Zustand des Nichts-Hörens, in meinen Augen und Ohren, aber relativ passend.

Das Nichts-Hören ist vieles, nur eines nicht – still.

Anmerkung:

Ich kann nur beschreiben, wie es sich für mich anfühlt. Es kann gut sein, dass andere Gehörlose das ganz anders empfinden.  

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 30.09.2020 bearbeitet.

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