Wo Liebe ist, ist auch Hass

Politik
Karla Arzberger / 10.07.2017
(c) pixabay

In den letzten Tagen wurde ich mit absolut gegenteiligen Situationen konfrontiert. Zum einen damit, wie wohltuend Aufklärung ist und wie heilend die Beschäftigung mit einem Thema. Zum anderen damit, wie brutal die Kraft sozialer Netzwerke über uns herrscht und wie kollektiver Hass die Reputation tausender Muslime zerstört. Von Museumsinfotafeln, einem jungen Mann, Youtuber-Publikationen, „I-love-Manchester“ Shirts und Hetze handelt diese Reflexion über die letzten Wochen meines Lebens.

 

Die Macht der Aufklärung

Vor gut einer Woche habe ich die Ausstellung in der Schallaburg besucht, welche sich dem Thema Islam widmet. Von vorne herein bekam ich einen Kommentar dazu: „So etwas willst du dir anschauen?“ Ein Interesse (ohne jegliche Wertung des Themas) wurde hier als falsch konstituiert.
Vor Ort wurde meinem, meines Erachtens nach, relativ gebildeten Selbst eine neue Türe geöffnet, mehrere neue Türen. Ich habe die Museumsinfotafeln praktisch metaphorisch aufgefressen, mit dem Ziel, bis oben vollgestopft mit neutralem Wissen das Museum zu verlassen. Neutral war dann aber gar nichts - relativ schnell hat die Ausstellung es geschafft, mich radikal gegen Radikalität gegen die vermeintlich „radikalen“ Muslime zu stimmen. Von „Bitte-nicht-in-einen-Topf-stecken“ Predigen werde ich ablassen, die hören wir ja genug. Ein interessantes Detail dieses Besuchs möchte ich jedoch dennoch hervorheben: Ich bin einem waschechten Nazi begegnet. Keine voreiligen Schlüsse, das bin ich natürlich nicht.

Der nette junge Mann, der die Führung geleitet hat, hat eine Anekdote zum Besten gegeben, die meiner Meinung nach bilderbuchreif ist. Er, im Jahre 2000, (ein Jahr bevor Muslime zur kollektiven Zielscheibe des Hasses wurden) Student in Paris, wurde als Fußabtreter für Hass und Ignoranz gegenüber Österreich missbraucht. Wir erinnern uns an das Jahr 2000: Bundesregierung Schüssel I - erstmalige Regierungskoalition zwischen ÖVP und FPÖ welche die vorherige, bestehend aus ÖVP und SPÖ, ablöste. „Von außen befürchtete man unter Namen wie Haider und Schüssel - um es gerade herauszusagen - den erneuten Aufstieg des Dritten Reiches“, erinnert sich der junge Mann (leider weiß ich seinen Namen nicht - ich werde ihn junger Mann nennen), der uns durch die Ausstellung führte, während hinter ihm mehrere alte Covers der Zeitschrift Profil aufliegen, welche Schlagzeiten wie „Was den Islam so gefährlich macht“ zieren. Junger Mann berichtet, dass er sich damals als Österreicher dafür rechtfertigen musste, was eine Gruppe von Menschen aus seinem Heimatland an der politischen Spitze so verzapften. Da gab es kein Nachfragen, was denn seine politische Einstellung sei, oder, ob er das ganze überhaupt gutheiße. „Der Höhepunkt war, als ich mitten in Paris aus einer Bar geworfen wurde, mit der Begründung, für Nazis sei hier kein Platz.“ Mit diesem Satz dämmert auch den Museumsbesuchern, welche sich vor Langeweile immer den einzigen Sitzplatz des Ausstellungsraums ergattern und halbherzig lauschen: Jungem Mann ist hier passiert, was wir mit Muslimen machen. Ganz einfach: tödliche Verallgemeinerung. Kollektiver Hass.

 

Vom Springen in Pfützen

Durch eine ganz andere Begebenheit ist mir in den letzten Wochen klar geworden, was Social Media bewegen kann. Damit möchte ich nicht die mehrmals totgetretene und wieder auferstandene…und wieder totgetretene Debatte aufrollen, von wegen, dass diese Plattformen einen riesigen Einfluss auf uns haben und dass wir ach so gebildeten Menschen aufpassen müssen, dass uns hier keine dummen Gedanken eingepflanzt werden.
Samstags stehe ich bei Thalia an der Kassa. Normalerweise gehen diverse Trends, welche fernab meiner Interessen liegen, spurlos an mir vorbei, bei dem Buch „Spring in eine Pfütze“ (verfasst von zwei Österreicherinnen, die durch YouTube bekannt wurden und auch dort ihr Buch promoten) konnte ich (leider) nicht wegsehen. Was verbirgt sich nun hinter diesem ominösen Titel? Meiner Meinung nach: nichts. Der Meinung vieler Mädchen der Altersgruppe 10-15 nach: so viel, dass es einen Hype wert ist. Und heutzutage ist der Hype sozusagen der Herzschlag des Marktes und der Geldgeilheit. Das Buch ist praktisch ein vorgegebenes Tagebuch, welches jeden Tag eine kleine Aufgabe parat hat. Eine sehr gefinkelte Aufgabenstellung wäre da: Schreibe die Top 5 heißesten Promis auf (keine Sorge, an manchen Tagen ist die Aufgabenstellung auch einfacher).

Die Youtuberinnen haben es geschafft ein Buch voller Nichts Tausenden von Mädchen schmackhaft zu machen, sie sogar dazu animiert, Geld dafür hinzublättern. Bis man jemanden so weit bringt, für etwas zu zahlen - das dauert. Und für was muss nicht gezahlt werden, was hat jeder in sich, was wartet nur darauf aktiviert zu werden und ist absolut kostenlos: Hass. Wenn zwei Youtuberinnen es schaffen, durch die Promotion auf Social Media „Nichts“ um 15,90 pro Stück tausendfach zu verkaufen, wie einfach ist es dann, durch dieselben Kanäle Hass in der Welt zu verbreiten. Durch Kommentare, Geschichten, Fake News, Schuldzuschreibungen, die sich sekundenschnell und mit einer Potenz von unendlich wie ein Lauffeuer verbreiten. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und der Wille zum Hass, der ist groß und der Weg, der ist breit. Breitgetrampelt. Denn:

 

#londonisopen to terrorism

Erst heute habe ich aus gegebenem Anlass den Major of London, Sadiq Khan, Londons ersten Bürgermeister des islamischen Glaubens, auf Instagram abonniert. Heute Morgen ereignete sich ein Terroranschlag im Herz Londons, auf der London Bridge, zu dem sich, gerade als ich hier sitze und schreibe, der IS bekannt hat. Von vor gut zwei Wochen schlagen noch Wellen vom Anschlag in Manchester durch Nachrichtenportale zu uns hinüber, bei dem 23 Personen ums Leben kamen. Ich habe den Instagram Account von Sadiq Khan abonniert, um gegebenenfalls über offizielle Statements informiert zu werden. Im Mai 2016 wurde er unter Jubel als Bürgermeister empfangen, er versprach in seiner Antrittsrede, ein "Bürgermeister für alle Londoner" zu sein. Der Kandidat der rechtsgerichteten Partei Britain First, Paul Golding, drehte Khan bei seiner Antrittsansprache demonstrativ den Rücken zu.

 

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Aufgrund seiner unglaublich offenen Haltung jedem gegenüber wurde er von einer sogenannten „Fatwa“ (Duden: in arabischen Ländern; Rechtsgutachten in dem festgestellt wird, ob eine Handlung mit den Grundsätzen des islamischen Rechts vereinbar ist) als Nicht-Muslim deklariert. Eine Person steht an Londons politischer Spitze, die das Allgemeinwohl vor die eigenen religiösen Vorlieben stellt und wird unter seinen Postings als Terrorist beschimpft, als Subventionierer des IS, als Drahtzieher der Terrorattacken in seiner eigenen Stadt. Ein weiteres Beispiel dafür, dass kollektiver Hass keine Grenzen kennt. Dass Fakten den Hass nicht stoppen können. Dass Hass unbezwingbar ist und nicht von außen, sondern nur in sich selbst geschlagen werden kann. „#londonisopen to terrorism“, ein einfaches Kommentar mit unendlicher Reichweite hat mich am härtesten getroffen.

 

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Rosarote „I-love-Manchester“ Shirts - die andere Seite der Medaille

Der Schlagabtausch von Hass und Liebe ist fast nicht mehr überschaubar. In Foren zeigt sich immer wieder dasselbe Bild: jemand beleidigt, jemand verteidigt, jemand verletzt noch mehr, jemand beschuldigt und dann versucht jemand, durch Positives zu neutralisieren. Ein wunderbares Statement dazu setzte auch Ariana Grande, nach deren Konzert in Manchester sich der oben genannte Terroranschlag ereignete.  Gestern habe ich das dreistündige Benefizkonzert live mitverfolgt, welches nur zu einer weiteren Zutat in der tief vermischten Hass-und-Liebe-Suppe wurde. Wenn auch diesmal Gott sei Dank eine sehr wohltuende, positive Zutat. Diese möchte ich auch einfach unkommentiert stehen lassen.

 

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Wurzeln sind geschlagen

Ich würde meine aktuelle Gedankenlage mit einem Unkrautgewächs beschreiben, das jeden Tag gedüngt aber auch an anderen Seiten abgeschnitten wird. Ich möchte ehrlich mit Euch sein, ich habe Angst und habe Bedenken, weil ich ein Mensch bin und der Mensch ist, um es eloquent auszudrücken, eine Sau. „Karla, du bist die Letzte, von der ich das erwartet hätte“, hat zum Beispiel jemand gemeint, „du regst dich darüber auf, dass über diverse Anschläge außerhalb Europas nicht berichtet wird und dann weinst du wegen dem, was in Manchester passiert ist.“ Und so ist das eben mit der Macht der Aufklärung, dem Faktum der Involviertheit. Nähe verbindet. Wissen verbindet. Angst und Liebe verbinden. Durch jede Information um die ich schlauer werde, fällt es mir leichter klarer zu sehen und nicht kollektiv zu hassen. Wenn man sich auch der peripheren Verbundenheit zu allen Menschen bewusst wird, dann kann auch eine Art Öffnung, ein Überschreiten der Grenzen geschehen - und zwar in einem Selbst. Ich bin gerade dabei mein Unkrautgewächs zu entwirren, beginne ganz unten, wo die Wurzeln schon vor Langem festgegriffen haben und kann nur jedem empfehlen, dies auch zu tun. Besucht Ausstellungen und befasst Euch mit anderen Religionen, lest Bücher, seht Euch Dokus an. Entwirrt Eure Unkrautgewächse, Eure Hirngespinste und lasst nur nackte Fakten über. Betrachtet diese Fakten, fragt Euch, ob Eure Eltern im Jahr 2000 Nazis waren und der Vater des netten Jungen aus Eurer Parallelklasse dem IS angehört -  oder eben doch nur Muslim ist und Eure Eltern im Jahr 2000 nicht doch auch nur Österreicher.

 

Gebt Hass keine Chance.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 26.11.2021 bearbeitet.

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